Standpunkt Urbane Mobilität: Corona zeigt, was möglich ist

Die Coronakrise hat den Verkehr in den Städten spürbar entspannt, wie das Beispiel Berlin zeigt. Die Berater Eike Gernant und Robert Stolt von Porsche Consulting sowie Justas Petronis von Trafi beschreiben in ihrem Gastbeitrag, warum Corona die Mobilität in den Metropolen schneller und nachhaltiger verändern könnte als bisher erwartet.

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In Großstadtstraßen ist die Coronakrise besonders deutlich zu spüren: Freie Fahrspuren, seltener Staus, weniger Passagiere in Bussen und Bahnen. In Berlin sank die Mobilitätsnachfrage zwischen Ende Januar und Anfang April 2020 um 58 Prozent.

Am stärksten betroffen: der öffentliche Nahverkehr mit einem Einbruch der Nutzerzahlen um fast 92 Prozent. E-Scooter-Anbieter melden einen Rückgang um 80 Prozent, Elektroroller und das in Berlin beliebte Carsharing waren mit einem Minus von rund 50 Prozent fast gleich stark betroffen. Ridesharing wurde eingestellt oder ist nur noch für Nutzer aus systemrelevanten Berufen wie dem Gesundheitswesen zugänglich. Nur Miet-Fahrräder konnten angesichts des guten Wetters einen leichten Anstieg von acht Prozent verzeichnen. In Städten mit schärferen Beschränkungen und Ausgangssperren als in Berlin ging die allgemeine Mobilität sogar noch dramatischer zurück – zum Teil bis zu 85 Prozent.

Deshalb suchen Mobilitätsanbieter jetzt nach Auswegen aus der Krise und überlegen, wie es weiter geht, wenn die Umgangsbeschränkungen gelockert werden. Die Lösungen können sich dabei auf verschiedenste Elemente der urbanen Mobilität beziehen: von der Gestaltung der Infrastruktur und der Fahrzeuge über deren Betrieb bis hin zur Integration verschiedener Dienste auf den Mobilitätsplattformen.

Mobilitätsanbieter haben schnell reagiert

Tatsächlich haben viele Mobilitätsanbieter schnell reagiert und ihr Angebot flexibel auf Kunden angepasst, die auch in den Krisenzeiten mobil sein müssen. So können die Berliner nun beim Elektro-Carsharing von WeShare einen weiteren Umkreis nutzen. Die Mobilitäts-App Jelbi schlägt Routen vor, die soziale Distanz und Mobilität unter freiem Himmel ermöglichen. Mit „Tier Heroes“ erhalten systemrelevante Berufsgruppen Freifahrten für E-Scooter. Diese Angebote haben zwar zunächst sozialen Charakter. Doch sie können darüber hinaus auch das Interesse neuer Kundengruppen wecken. Zudem könnte das derzeit nicht ausgelastete Angebot der Mobilitätsplattformen für neue Zwecke verwendet werden. Nachfrage besteht dafür bei der ausgeweiteten Auslieferung von Lebensmitteln, in der ambulanten medizinischen Versorgung sowie bei den Paketzustellern. Bestes Beispiel: Die teilweise Umstellung von Uber’s Ride-Hailing auf Essensauslieferung mit Uber Eats.

Heute sollten die Weichen gestellt werden, um das Vertrauen der Kunden durch transparente Kommunikation auf- und auszubauen. Anbieter von Mobilität-as-a-Service (MaaS) sollten Echtzeitinformationen des öffentlichen Verkehrs, Abfahrtszeiten, Verspätungen, Positionsverfolgungen und Unterbrechungen im Service bereitstellen. Wichtig sind außerdem Warnhinweise, wenn sich andeutet, dass sich zu viele Menschen auf öffentlichen Flächen zusammengefunden haben. Solche Informationen über Sicherheits- und Vorsichtsmaßnahmen sind besonders wichtig geworden. Denn die Angst und das Risiko der Ansteckung begleiten jeden.

Chancen zur neuen Bewegung

Tragödien wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York haben gezeigt, dass sich Menschen und das Leben in Metropolen sehr schnell anpassen, wenn außergewöhnliche Situationen es erfordern. Auch nach der Corona-Krise werden sowohl die Nutzer als auch die Stadtverwaltungen von den Mobilitätsanbietern erwarten, dass Service und Sicherheit ein hohes Niveau beibehalten. Sei es bei einer begrenzten Personenzahl auf Bahnsteigen und in Zügen oder bei regelmäßigen Desinfektionen. Das kontaktlose Bezahlen, das in Corona-Zeiten beliebter geworden ist und neue Nutzer gefunden hat, beschleunigt die Digitalisierung im Nahverkehr und könnte zu einer schnelleren Reduzierung der Fahrkartenautomaten führen.

Auch die verknüpfte Nutzung verschiedener Verkehrsträger auf einer Route – zum Beispiel Elektroroller, Bahn und Carsharing – sollte zukünftig Fortschritte machen. Vor allem, wenn Buchung und Bezahlung vereinfacht werden. Bisher nutzen die Menschen rechnerisch nur etwa 1,2 unterschiedliche Verkehrsträger pro Woche. Die Städte und MaaS-Anbieter arbeiten jedoch daran, die Vielfalt auf den Faktor Zwei fast zu verdoppeln. Sie wollen sicherere, effizientere und bequemere Wege anbieten. Dass durch die Corona-Krise weniger Geld zum Ausbau der Infrastruktur bereitsteht, könnte diesen Kurs beschleunigen.

Ein Schlüssel des Erfolgs wird im Teilen und Nutzen von Daten liegen. Die Akzeptanz von Mobilitätsangeboten steigt oder fällt mit der Verfügbarkeit von Echtzeitinformationen. Analysen von Trafi zeigen, dass diese im öffentlichen Verkehr die Kundenbindung bei den Nutzern mehr als verdoppeln können. Technologisch machbar ist das: Die Coronakrise hat gezeigt, dass viele Mobilitätsdaten etwa von Telekommunikations- , Mobilitäts- oder Navigationsdatenanbietern verfügbar sind aber bislang nicht vollständig genutzt werden. Damit werden die Servicequalität und eine bessere Abstimmung von Angebot und Nachfrage gesteigert.

Aus unserer Beobachtung haben wir die Hoffnung, dass die in der Corona-Krise eingeschlagenen Wege einen nachhaltigen, positiven Effekt auf den künftigen Kurs der urbanen Mobilität haben. Transparente, schnelle Kommunikation, gesteigerte Achtsamkeit und Solidarität, mehr Sicherheit, stärkere Verbreitung digitaler Lösungen, gemeinsam genutzte Mobilitätsdaten und eine enge Vernetzung unterschiedlicher Verkehrsträger führen zu einer höheren Servicequalität – und zu einem besseren Erleben der Mobilität insgesamt.

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