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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Automobilindustrie fährt gut mit souveränem Datenraum

Adel Al-Saleh, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG und CEO T-Systems
Adel Al-Saleh, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG und CEO T-Systems Foto: PR

Einseitige Abhängigkeiten können fatal sein, wie die Corona-Pandemie und der Angriff russischer Streitkräfte auf die Ukraine zeigen. Deshalb heißt es für Gesellschaft und Wirtschaft, sich möglichst flexibel aufzustellen – in Bezug auf Energieressourcen und Rohstoffe, Lieferketten, aber auch Daten. Catena-X, ein Netzwerk der Automobilindustrie, schafft dafür die Basis.

von Adel Al-Saleh,

veröffentlicht am 22.06.2022

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In Sachen Digitalisierung gaben hierzulande in den letzten Jahrzehnten vor allem außereuropäische Anbieter den Ton an. Und sorgten durch ihre monopolartige Stellung durchaus auch für eine zögerliche Entwicklung. Stichwort: Abhängigkeit. Bis heute scheuen sich viele Unternehmen, ihre Daten mit anderen Marktteilnehmern zu teilen – obwohl die technologischen Möglichkeiten dafür längst ausgereift und die Vorteile datengetriebener Liefer- und Wertschöpfungsnetzwerke unbestritten sind. Vor allem Branchen wie die Automobilindustrie profitieren in der Produktion sowie bei Produkten und Services davon.

Datenaustausch ohne Hindernisse

Was bremst die kollaborative Datennutzung also weiterhin aus? Das sind in erster Linie Sicherheitsbedenken und mangelnde Erfahrung auf Seite der Unternehmen. Sie befürchten, dass Wettbewerber, staatliche Institutionen oder Cloud-Anbieter Zugang zu sensiblen Informationen erlangen. Gleichzeitig führen individuelle Datenformate und unterschiedliche Protokolle zu mangelnder Standardisierung und erhöhter Komplexität. Das alles verhindert, dass deutsche Branchenteilnehmer die Mehrwerte der Digitalisierung vollumfänglich nutzen – und somit Gefahr laufen, im internationalen Wettbewerb zurückzufallen. Gefragt ist deshalb eine Lösung, die Datensouveränität und -interoperabilität vereint.

Genau hier setzt Catena-X an. Ziel des Mitte 2021 gegründeten Netzwerks ist es, standardisierte Daten- und Informationsflüsse entlang der gesamten automobilen Wertschöpfungskette zu schaffen. Und zwar mithilfe einer neutralen, sicheren, vertrauenswürdigen und auf die Automobilbranche zugeschnittenen Plattform, die die souveräne Nutzung von Daten in den Mittelpunkt stellt. Heißt konkret: Alle beteiligten Unternehmen behalten zu jedem Zeitpunkt die volle Kontrolle über ihre Daten. Sie bestimmen, welche Informationen sie wann und mit wem teilen möchten.

Diese Souveränität legt das Fundament für ein datengetriebenes Ökosystem, in dem sämtliche Akteure der Automobilindustrie auf einem bisher nicht erreichten Niveau kooperieren können. Ein wegweisender Schritt in Richtung digitale Unabhängigkeit, dessen Bedeutung weit über die Automobilbranche hinaus geht. Nicht ohne Grund wurde daher Catena-X eine zentrale Rolle in der Transformation des europäischen Standorts vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) zugewiesen und mit einer außergewöhnlich hohen Summe von über 100 Millionen Euro gefördert.

Starthilfe benötigt

Mit dem Geld soll allerdings keine klassische Grundlagenforschung finanziert werden. Vielmehr geht es darum, das europäische Projekt Gaia-X und dessen Prinzipien auf die Straße zu bringen. Darauf baut Catena-X als spezifischer Anwendungsfall für die Automobilindustrie auf. Den rechtlichen Rahmen für beide Projekte liefert die erneuerte europäische Datenschutzgrundverordnung von 2018.

Zu den Gründern von Catena-X gehören verschiedene Unternehmen mit Industrie-, Technologie-, Plattform- und Prozessexpertise – unter anderem die Deutsche Telekom mit ihrer Tochter T-Systems als IT-Dienstleister, Berater, Ausrüster und Infrastrukturanbieter. Im ersten Jahr sind dem kollaborativen Daten-Ökosystem bereits über 100 Mitglieder beigetreten. Sobald die ersten Prototypen vorliegen, sollen binnen 12 Monaten die ersten 1.000 Automobilhersteller und -zulieferer, Branchenverbände sowie Ausrüster angebunden werden, um Nutzen und Skalierbarkeit nachzuweisen.

Doch damit Catena-X tatsächlich den Turbo zünden kann, müssen möglichst viele Unternehmen ihre Daten integrieren. Schätzungen eines großen Autoherstellers zufolge betrifft das bis zu 100.000 Partnerfirmen. Dabei ist auch die Politik gefragt die nötigen Investitionsanreize zu setzen. Vor allem für kleine und mittlere Unternehmen, die vielerorts noch ihre vorhandene Zurückhaltung bei der Digitalisierung überwinden müssen.

Doch die Investition lohnt sich. Schließlich stärkt das souveräne Daten-Ökosystem die Wettbewerbsfähigkeit einer ganzen Branche. Und hilft darüber hinaus, eine der größten Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen: den Klimawandel. Wenn alle beteiligten Unternehmen einer Wertschöpfungskette über Catena-X entsprechende Daten bereitstellen, ergeben sich unter anderem Rückschlüsse darauf, wie viel Kohlendioxid in der Produktion eines bestimmten Gegenstands entsteht. Das Netzwerk aggregiert die Daten, bereitet sie auf, macht sie vergleichbar und trägt so dazu bei, Emissionen zu verringern. Damit wird das Daten-Ökosystem dem „Öko“ im Namen vollends gerecht. Ein Datenraum, der Lebensraum schützt.

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