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Standpunkt

Automobilindustrie muss an einem Strang ziehen

Jan Herrmann, Partner für Procurement und Sustainable Supply Chain im Servicebereich Advisory bei PwC Deutschland
Jan Herrmann, Partner für Procurement und Sustainable Supply Chain im Servicebereich Advisory bei PwC Deutschland Foto: PwC

Mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz wächst für Hersteller und große Zulieferer in der Automobilindustrie nicht nur die Verantwortung. Es bieten sich ihnen auch Möglichkeiten, etwas Positives zu bewirken, schreibt Jan Herrmann von PwC. Um diese Chance zu nutzen, müssten OEMs und Lieferanten ihre Beziehungen intensivieren – und auf die richtigen Technologien setzen.

von Jan Herrmann

veröffentlicht am 23.09.2022

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Mit einem Vorleistungsanteil von 29 Prozent sind nur wenige andere deutsche Branchen so sehr in globale Lieferketten eingebunden wie die hiesige Automobilindustrie. Halbleiter aus China, Schaltgetriebe aus Italien oder Fahrgestelle aus der Türkei – damit am Ende ein fertiges Auto vom Band rollt, müssen Automobilhersteller (OEMs) oft mit tausenden direkten und indirekten Lieferanten zusammenarbeiten.

In diese hochkomplexen und oft nur schwer durchschaubaren Netzwerke gilt es spätestens ab dem 1. Januar 2023 mehr Licht zu bringen – denn dann tritt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) in Kraft. Unternehmen müssen Risiken für Menschenrechtsverletzungen oder umweltschädliche Praktiken in ihren Lieferketten ab diesem Zeitpunkt zuverlässig identifizieren, dokumentieren und mit angemessenen Präventionsmaßnahmen entgegenwirken beziehungsweise in konkreten Fällen auch mit entsprechenden Abhilfemaßnahmen adressieren.

OEMs als Multiplikatoren für nachhaltige Lieferketten

Potenzielle Risiken in den Lieferketten der Automobilindustrie könnten beispielsweise prekäre Arbeitsbedingungen beim Abbau von Batterierohstoffen wie Kobalt sein. Ebenso können im Sinne des LkSG umweltbezogene Risiken, wie sie etwa durch übermäßigen Wasserverbrauch bei der Lithiumgewinnung und dem damit verbundenen Rückgang von Grundwasser auftreten, eine Rolle spielen. Beispiele für Risiken können sich aber auch bei unmittelbaren Zulieferern finden, wie im Falle von Reinigungskräften ohne gesicherte Arbeitsverhältnisse, Korruptionsfällen im Baugewerbe oder unbezahlten Überstunden in Call-Centern. In solchen Fällen müssen Endhersteller zukünftig deutlich genauer hinschauen.

Für die Zulieferer bedeutet das, dass sie von Seiten der OEMs vermehrt mit Fragebögen, Ratings und Audits in Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit zu rechnen haben. Um dabei gut abzuschneiden und die Zusammenarbeit zu sichern, müssen sie diese Standards und Vorgaben auch an ihre eigenen Lieferanten weitergeben. Damit werden spezifische Anforderungen an menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfalt sukzessive in Lieferantennetzwerken ausgerollt.

Der Vorgang veranschaulicht, wie stark der Einfluss der Endhersteller auf die Nachhaltigkeit globaler Lieferketten ist. Sie agieren als Multiplikatoren, deren positive Impulse sich über die komplex verzweigten Lieferantennetzwerke schnell auf tausende von Unternehmen ausbreiten können. Das sind Dimensionen, in denen nachhaltige Maßnahmen eine beachtliche Wirkung entwickeln können.

Lieferanten aktiv unterstützen

Mit dem weitreichenden Einfluss der Endhersteller geht zugleich auch eine große Verantwortung einher. Allein damit, Vorgaben und Richtlinien an die Zulieferer weiterzugeben, ist es in der Regel nicht getan. Denn vielen dieser Betriebe fehlt es an Kapazitäten und Know-how, um die Anforderungen des LkSG zuverlässig zu erfüllen. Daher ist es wichtig, dass OEMs und große Zulieferer nicht nur ihr eigenes Risikomanagement im Blick haben, sondern im Zuge der Lieferantenentwicklung auch ihre Partner aktiv dabei unterstützen, die erforderlichen Prozesse und Kompetenzen zu entwickeln.

Ein großer Automobilhersteller aus Deutschland bietet seinen Geschäftspartnern beispielsweise Workshops und Online-Schulungen zur Gestaltung nachhaltiger Wertschöpfungsketten an und stärkt damit gleichzeitig ganz konkret die Geschäftsbeziehungen. Darüber hinaus ist es aber auch denkbar, dass Unternehmen ihre Ansätze für Monitoring, Berichterstattung oder Risikomanagement mit ihren direkten Lieferanten teilen, so dass diese bei der Entwicklung entsprechender Systeme und Prozesse nicht von Grund auf neu anfangen müssen.

Gleichzeitig engagieren sich Unternehmen in Brancheninitiativen, um gemeinsam an der Umsetzung von menschenrechtlicher und umweltbezogener Sorgfalt zu arbeiten. Derartige Multistakeholder-Formate bieten wirkungsvolle Plattformen, um sich über gute Praxis auszutauschen, Synergien zu schaffen und gemeinsam Standards in den weltweiten Lieferketten voranzutreiben.

Unterstützung durch smarte Monitoring-Lösungen

Weil es auch mit vereinten Kräften nahezu unmöglich ist, die globalen Lieferketten der Automobilindustrie zu 100 Prozent auszuleuchten, werden digitale Lösungen für die Risikoanalyse und das Risikomanagement immer wichtiger. Solche Tools lesen zum Beispiel automatisiert Informationen aus Medien und sozialen Netzwerken aus, um Hinweise für etwaige Verstöße zu sammeln, sobald diese an die Öffentlichkeit gelangen. Häuft sich beispielsweise auf Twitter oder in den Nachrichten der Vorwurf gegen ein Unternehmen, Menschenrechte zu verletzen, erkennt der Algorithmus das und kann eine entsprechende Warnung ausgeben.

Je nach Ausprägung der Verstöße sollten solche Vorfälle aber nicht zwingend einen Lieferantenwechsel nach sich ziehen. Vielmehr bieten sie bei vorhandener Kooperationsbereitschaft die Chance, etwaige Versäumnisse mit vereinten Kräften aufzuarbeiten und so nicht nur zur Verbesserung der Menschenrechtslage beizutragen, sondern auch die Geschäftsbeziehung langfristig zu stärken. Denn so viel ist sicher: Die Missstände in den globalen Lieferketten wird niemand im Alleingang bewältigen – umso wichtiger ist es, dass alle Parteien an einem Strang ziehen.

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