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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Contra Verkehrswende: Krieg und Krisen bremsen

Henrik Mortsiefer
Henrik Mortsiefer

Für die Leidtragenden des Krieges dürfte die Frage irrelevant sein: Machen wir Fortschritte auf dem Weg zu einer klimafreundlichen, ressourcenschonenden Mobilität? Doch die Antwort ist angesichts des Klimawandels für alle relevant – und sie fällt am Ende des Jahres enttäuschend aus.

von Henrik Mortsiefer

veröffentlicht am 22.12.2022

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2022 war ein verlorenes Jahr für die Verkehrswende. Mehr noch, in diesem Jahr ist das Ziel einer klimafreundlichen, ressourcenschonenden Mobilität weiter in die Zukunft gerückt. Denn auf die Corona-Krise folgte der Ukraine-Krieg. Die negativen Folgen der ersten Krise wurden durch die zweite, die sich mit der ersten Krise überlagert, potenziert. 

Beispiel Mobilitätsverhalten. Die positiven Effekte, die Home-Office, Pop-up-Radwege sowie die 9- und 49-Euro-Tickets auf das Mobilitätsverhalten hatten, werden – mit Blick auf die Klimabilanz – durch weitaus stärkere Trends überkompensiert. Die Luftfahrt- und Tourismuskonzerne melden neue Rekordzahlen, die teils über dem Vor-Krisen-Niveau liegen. Die Kreuzfahrtbranche schreibt ihre Wachstumsstory fort. Der Nachholbedarf der Reisenden nach dem Abklingen der Corona-Pandemie ist stärker als ihre Kriegsangst oder die Inflation. 

Gleichzeitig bremst im innerdeutschen Reiseverkehr die Deutsche Bahn die Wende. Die Sorge, sich im Zug zu infizieren, wurde abgelöst von der Wut auf eine Bahn, die nicht fährt, die zu spät kommt, die ihren Service nicht im Griff hat. Das Auto, während Corona schon rehabilitiert, war 2022 für viele, die in Deutschland unterwegs waren, die bessere Wahl. Vorausgesetzt, es klebten keine Klima-Aktivisten auf der Fahrbahn. Sie ruinierten auf Straßenkreuzungen und Landebahnen, was Fridays-for-Future mühsam aufgebaut hatte: einen öffentlichen Diskurs über die tickende Zeitbombe Klimwandel und die Notwendigkeit einer Verkehrswende. 

Beispiel Lieferkette. Die Engpässe bei Halbleitern während der Pandemie hatten schon dazu geführt, dass größere und stärkere Oberklasse-Fahrzeuge (häufig Verbrenner) produziert wurden und die Lieferzeiten für E-Autos immer länger wurden. Der Angriff Russlands auf die Ukraine verschärfte das Problem, neue kamen hinzu (Kabelbäume). Viel gravierender: Die Versorgung mit sensiblen Rohstoffen und seltenen Erden für Batterien ist unsicherer geworden, die globalen Lieferketten und geopolitischen Abhängigkeiten gefährden die Elektromobilität. Erschwingliche, kleine E-Autos sind Mangelware. Zum ersten Mal seit 2010 sind die Batteriepreise 2022 gestiegen.

Beispiel Energiekrise. Der Krieg hat die bis dato stabile Versorgungslage erschüttert. Steigende Strom- und Energiekosten verteuern die Produktion und verkleinern den Kostenvorteil der E-Autos im Vergleich zu Verbrennern, wenn die Preise für Sprit stagnieren oder langsamer steigen. Zugleich sinkt das Tempo, mit dem der deutsche Strommix „grüner“ wird, weil Kohlekraftwerke länger laufen, LNG importiert wird, Gas aus Katar billiges Gas aus Russland ersetzt. Die insgesamt massiv steigenden Kosten für Energie und die Inflation geben privaten Haushalten und Unternehmen weniger Spielraum für (wenn auch nur bei der Anschaffung) teurere Elektromobilität.

Wird im neuen Jahr alles besser? Es sieht leider nicht danach aus. Der Krieg und Corona bleiben, eine Rezession ist wahrscheinlich, die staatliche Starthilfe für die Elektromobilität läuft langsam aus, das marode Schienennetz wird die Bahn nicht viel zuverlässiger machen. Aber die Verkehrswende kommt, sie muss kommen – nur später und viel ungemütlicher als man vor den Kriegs- und Krisenjahren dachte.

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