Erweiterte Suche

Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Das 9-Euro-Ticket war ein Fehler

Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL
Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Willnow

Das Experiment Neun-Euro-Ticket ist nicht gelungen, findet Claus Weselsky. Die Rabattaktion sei auf dem Rücken der Bahnmitarbeitenden ausgetragen worden. Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL fordert, das Geld nicht länger in Prestigeobjekte zu stecken und stattdessen das System Bahn zu sanieren.

von Claus Weselsky

veröffentlicht am 15.08.2022

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? Hier einloggen

Ein einfaches, kostengünstiges Ticket, das bundesweit für den gesamten ÖPNV gilt – das ist erst einmal eine Sensation. Bisher kochte jeder Verkehrsverbund sein eigenes Süppchen, mit den unterschiedlichsten Verkehrsmitteln und -zonen. Die Fahrgäste mussten einen Tarifdschungel durchdringen, was unattraktiv ist. Das Pilotprojekt ist allerdings nicht gelungen, denn der Ansturm, vor allem auf die Eisenbahn, offenbarte die Mängel des kaputtgesparten Eisenbahnsystems und führte zu noch mehr Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. 

Was passiert ist und was nun zu tun ist

Das Neun-Euro-Tickets startete zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, gerade in der Haupturlaubszeit. Zu viele Menschen nutzten die Bahnen, um große Entfernungen zurückzulegen. Pendler konnten die teilweise überfüllten Züge nicht mehr nutzen und wurden verprellt, anstatt mehr von ihnen in den ÖPNV zu ziehen. Die ohnehin stark ausgelasteten Züge und die schon bisher stark belasteten Eisenbahner wurden zusätzlich belastet. Einen solchen Ansturm können wir auf die Dauer nicht verkraften. Wir haben weder die Infrastruktur ertüchtigt noch das Personal dazu. Sie sehen das an den überfüllten Zügen, den massiven Verspätungen und Zugausfällen. Unsere Eisenbahner sind am Limit

Das Neun-Euro Ticket ist zu billig. Wir tun so, als ob der Schienen-Nahverkehr so gut wie umsonst zu haben ist. Das ist ein fataler Irrtum. Der Wert des Nahverkehrs muss in einem monatlichen Preis abgebildet werden. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hat ein bundesweites Verbundticket für 69 Euro gefordert. Das ist ein vernünftiger Preis, der viel günstiger ist als jeder Individualverkehr. Für Menschen, die sich ein solches Ticket wirklich nicht leisten können, muss sich die Politik Gedanken machen und gegebenenfalls eine Zuschussregelung einführen, allerdings nur für die.

Die Fahrgäste wollen sicher, pünktlich und zuverlässig von A nach B kommen. Brücken und Gleise sind jedoch marode, die Fläche ist von der Infrastruktur abgehängt. Wir fahren auf Verschleiß. Stattdessen wurden die Gelder in Schnellfahrstrecken ohne Mehrfachnutzung und andere Prestige-Objekte versenkt. Darüber hinaus ist für das Bahnmanagement seit Jahrzehnten die Schiene in Deutschland die schönste Nebensache der Welt. So flossen Milliarden an Steuergeldern ins Ausland und in völlig bahnfremde Aktivitäten. Bei Arriva in England musste die DB Milliarden abschreiben, derzeit unverkäuflich. Darüber hinaus tummelt sie sich in Amerika, in Saudi-Arabien, in Delhi, also rund um den Erdball. Dort wurden und werden Milliarden verschleudert und dem Eisenbahnsystem in Deutschland entzogen. Anscheinend dämmert das langsam auch der Politik.

Das System nicht permanent überlasten 

Damit das Geld nicht länger in Prestigeobjekte gesteckt wird oder im Ausland versandet und damit keine wettbewerbsfeindlichen Quersubventionen mehr erfolgen, müssen wir eine Bahnreform 2 durchsetzen. DB Netz und Station&Service aus dem Aktienrecht herausholen und mit DB Energie zusammen auf eine Infrastruktur GmbH verschmelzen ist der einzig richtige Weg. Erst dann dürfen jedes Jahr die dringend benötigten Milliarden in die sanierungsbedürftige Eisenbahninfrastruktur fließen. Außerdem müssen wir langfristige Investitionen und Perspektiven für die Baumaßnahmen über einen Infrastrukturfonds sicherstellen. Es wird Jahrzehnte dauern, das Schienensystem auf Vordermann zu bringen.

Derzeit fehlen Planungsingenieure und Handwerker und die geplanten Mittel für die Investitionen reichen bei Weitem nicht. Außerdem fehlen Baugenehmigungen. Daran wird erkennbar, dass unser Eisenbahnsystem und die dazugehörige Bau- und Fahrzeugindustrie ohne langfristige Planungs- und Investitionssicherheit gar keine Chance für ein Hochfahren aller Aktivitäten bekommt und von einem schnellen Fortschritt der Gesundung der Infrastruktur nur weitergeträumt werden kann.

Wir brauchen in Deutschland einen attraktiven, leistungsfähigen, bezahlbaren Verkehr auf der Schiene. Je besser die Schiene wird, desto mehr Kunden können sie zufrieden nutzen. Ohne Schiene kann es keine Verkehrsverlagerung von den verstopften Straßen geben mit all den Problemen des Klimawandels. Da müssen wir mit voller Kraft ran, dürfen das System Schiene und die Eisenbahner dabei aber nicht permanent überlasten

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? Hier einloggen