Standpunkt Daten stellen Weichen für On-Demand-Verkehr

Wie gelingt die Mobilitätswende? Welche Lösungen sind wo sinnvoll? Michael Barillère-Scholz, Geschäftsführer der DB-Tochter Ioki, beschreibt in seinem Meinungsbeitrag, wie neue Mobilitätskonzepte in den bestehenden Nahverkehr integriert werden können und wie der Klimaschutz vorangebracht wird.

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Ein aufmerksamer Blick in deutsche Städte und Regionen zeigt, wie stark sich die Mobilität wandelt: Neue Arten der Fortbewegung wie Elektroroller, On-Demand-Shuttles oder autonome Busse revolutionieren die Art, wie Menschen unterwegs sind. Wir sehen in diesem dynamischen „Mobility as a Service“-Markt – ein Konzept, das verschiedene Fortbewegungsmittel zusammenführt und miteinander kombiniert – die Chance, unseren Kunden eine nahtlose Reise von Tür zu Tür zu ermöglichen. Während sich das Carsharing beispielsweise bereits fest etabliert hat, kämpfen jüngere Angebote wie Ridepooling aktuell um ihren festen Platz im Mobilitätsmix der Zukunft.

In Deutschland sind es zunehmend auch die Städte und Kommunen selbst, die diese Angebote fördern und fordern. Sie wollen den Menschen innovative, nachhaltige Mobilitätslösungen zur Verfügung stellen, die die individuellen Bedürfnisse in ihren jeweiligen Lebensräumen berücksichtigen. 

Doch wann ist wo welche Lösung sinnvoll? Dieser scheinbar simplen Frage wohnt eine hohe Komplexität inne, die durchaus abschreckende Wirkung haben kann. Dennoch ist es unerlässlich, sich diese Frage zu stellen, um neue Angebote dorthin zu bringen, wo es einen wirklichen Mehrwert für die Menschen hat. Wer bedarfsgerechte Mobilitätsangebote sinnvoll in den bestehenden öffentlichen Verkehr integrieren will, muss zu Beginn immer eine verkehrsplanerische Analyse durchführen (lassen). 

Sind Daten die Lösung?

Die Grundlage einer erfolgreichen Mobilitätsanalyse mit entsprechender Vorhersagekraft ist eine umfassende Datengrundlage. Diese beinhaltet zum einen Daten zu Infrastruktur und Geografie und zum anderen soziodemografische und Mobilitäts-Daten. Mit den Ergebnissen einer solchen detaillierten Gebietsanalyse lässt sich zum Beispiel ein mikroskopisches Simulationsmodell darstellen, das Tür-zu-Tür-Wegeketten und Erkenntnisse zu den Mobilitätsgewohnheiten und -bedürfnissen der Bevölkerung liefert. Aus diesen simulierten Wegen kann durch den Vergleich verschiedener Verkehrsmittel zu jeder Tageszeit das Potenzial eines On-Demand-Betriebes abgeleitet werden, um den operativen Betrieb anhand unterschiedlicher Szenarien und Konfigurationen zu planen.

Ein Beispiel: Im Auftrag der Hamburger Hochbahn hat unser Mobility Analytics-Team untersucht, wie ein vernetzter, emissions- und barrierefreier öffentlicher Nahverkehr mit einer maximalen Wartezeit von fünf Minuten im Jahre 2030 aussehen kann. Auf dieser Grundlage haben wir ein Konzept entwickelt, in dem der herkömmliche ÖPNV mit neuen Sharing-Angeboten zu einem integrierten ÖPNV (iÖPNV) verknüpft wird.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass etwa 150.000 Hamburger – knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung – derzeit keinen Zugriff auf ein adäquates ÖPNV-Angebot haben und von einem Shuttle-basierten Service profitieren würden. Die Angebote des iÖPNV wären leicht zugänglich, würden den Zugang zum bestehenden ÖPNV vereinfachen und wären in den Tarif des örtlichen Nahverkehrs integriert.

Wie geht es weiter?

Allein der Blick auf die großen deutschen Städte ist für eine erfolgreiche Mobilitätswende nicht ausreichend. Gerade im suburbanen und ländlichen Raum ist für viele Menschen noch immer das Auto das bevorzugte Verkehrsmittel. Oft fahren Busse nur in geringer Taktung und bleiben deshalb – außer Schulbusse – meist leer. Hier müssen wir neue Lösungen schaffen, um den eigenen Pkw überflüssig zu machen.

Gerade für Pendler, die meist weite Strecken zurücklegen, müssen wir die Angebote stets als Verlängerung der Schiene denken. Denn schon heute können wir mit keinem anderen Verkehrsmittel die Menschen so nachhaltig befördern – gemeinsam und umweltfreundlich. Da können sonst nur Fahrradfahrer und Fußgänger mithalten. 

Aber ganz klar ist: Eigenwirtschaftlich lassen sich On-Demand-Verkehre derzeit und vor allem im ländlichen Raum nicht abbilden. Im hart umkämpften Ausschreibungsmarkt für den regionalen Busverkehr sind innovative On-Demand-Lösungen allerdings bisher nur sehr selten vorgesehen. Es braucht aber eine Bestellung seitens der Aufgabenträger, um die neuen Angebote sinnvoll in den bestehenden ÖPNV zu integrieren.  

Es gibt aber auch schon heute Städte und Gemeinden, die erkannt haben, dass eine intelligente Integration von On-Demand-Mobilität in bestehende Nahverkehrskonzepte die Zukunft ist. Vor allem Busverkehre werden nach und nach um On-Demand-Komponenten ergänzt. Weitere Kommunen werden diesem Beispiel hoffentlich folgen. Nur so kann uns die Mobilitätswende für mehr Klimaschutz und Lebensqualität in unseren Städten gelingen, nur so können wir Straßen und Umwelt vom hohen Individualverkehr entlasten und öffentliche Mobilität in Städten und Regionen für die Zukunft sicherstellen.

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