Standpunkt Datenstrategie: Wie der Schatz der Mobilitätsdaten gehoben werden kann

Mobilitätsdaten sind in Fülle verfügbar – doch von Kommunen werden sie nicht richtig verwertet, private Anbieter stellen sie nur zögerlich für Dritte bereit. Deshalb braucht es eine Dateninfrastruktur, die vom Staat betrieben werden muss, betont Boris Otto, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST. Wie der Datenschatz damit gehoben werden kann, erklärt er in seinem Gastbeitrag.

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Wie viel sind die Daten eines Facebook-Nutzers wert? Mit rund 260 Euro wurden sie im vergangenen Jahr beziffert – das Beispiel zeigt, wie die Logik der Daten- und Plattformökonomie Einzug in Geschäftsökosysteme hält. Daraus ergibt sich für Unternehmen Herausforderung und Chance zugleich, gerade auch im Hinblick auf den Mobilitätsbereich.

Denn die Transformation der Mobilität ist exemplarisch für den digitalen Wandel, der die meisten Wirtschaftssektoren betrifft. Notwendig ist die Zusammenarbeit zwischen allen Interessensgruppen, damit die Quadratur des Kreises der Datenökonomie gelingt – der Ausgleich zwischen den Schutzbedürfnissen Einzelner und den Nutzungsinteressen Vieler.

Vier Gründe, warum Datenschatz bisher nicht gehoben wird

So verfügt die deutsche und europäische Wirtschaft insgesamt zwar über einen „Datenschatz“, wie zum Beispiel die Prozess- oder Nutzungsdaten von Maschinen und Anlagen. Jedoch ist das damit verbundene Innovations- und Nutzenpotential bislang nicht gehoben – und zwar aus folgenden vier Gründen:

  1. Fehlende Datensouveränität für den Umgang mit Daten

  2. Mangelnde Interoperabilität für den Austausch von Daten

  3. Geringe „Data Readiness“ von Unternehmen für die Nutzung ihrer eigenen Daten

  4. Eine Vielzahl multilateraler Plattformen und Ökosysteme in Deutschland und Europa, die jeweils allein nicht die nötigen Netzwerkeffekte erzielen.

Datennutzung fördern, Datensouveränität ermöglichen

Vor diesem Hintergrund sind die Strategien der Bundesregierung und der Europäischen Kommission richtig und dringlich (Tagesspiegel Background berichtete). Denn es werden Lösungen gebraucht, die einerseits die Wettbewerbsfähigkeit des Innovations- und Wirtschaftsstandorts Deutschland insgesamt sichern, aber andererseits eben auch die Interessen einzelner Akteure berücksichtigen und ihre Geschäftsgeheimnisse wahren.   

Ein wichtiger Erfolgsfaktor dabei ist der Aufbau einer Dateninfrastruktur, auf der datengetriebene Geschäftsmodelle entstehen können. Beispiele sind die International Data Spaces (IDS)-Initiative sowie das Projekt GAIA-X, die derzeit mit europäischen Partnern entwickelt und in die Anwendung überführt werden (Tagesspiegel Background berichtete).

Staat muss Infrastrukturen betreiben – für Autos, Bahnen und Daten

Der Betrieb einer solchen Dateninfrastruktur ist dabei eine gemeinwirtschaftliche Aufgabe. Denn wie andere Infrastrukturen auch – etwa das Autobahnnetz und die Eisenbahninfrastruktur – dient eine Dateninfrastruktur dem Gemeinwohl und sollte daher sicher und zuverlässig betrieben werden, sowie diskriminierungsfreie Nutzung mit so niedrigen Eintrittsbarrieren wie möglich erlauben. Die Politik hat hierfür die Rahmenbedingungen zu schaffen und Maßnahmen zu ergreifen.

Die Mobilität ist dabei ein wichtiger Anwendungsbereich einer solchen Dateninfrastruktur. Die Branche erfordert zunehmend eine intelligente Planung, Koordinierung und Steuerung, um Fahr- und Transportzeiten zu verkürzen, gemeinsame Ressourcen besser zu nutzen, Geld zu sparen oder die Umwelt zu schonen.

Intelligente Systeme, die menschlichen Verkehrsteilnehmern oder Entscheidern die nötigen Informationen bereitstellen, Entscheidungen unterstützen oder gar automatisiert treffen, benötigen eine Vielzahl von Daten. Am Ort der Entscheidung müssen Daten aus verschiedenen Quellen physisch oder virtuell zusammengeführt werden. Das Zusammenspiel mehrerer Verkehrsteilnehmer, -anbieter oder -betreiber erfordert einen vertrauenswürdigen Austausch von Daten zwischen diesen in einem gegenseitig verständlichen Format.

Mobilitätsdaten sind in Fülle verfügbar

Die nötigen Daten an sich sind im Mobilitätsbereich in Fülle verfügbar, beispielsweise Daten über die Verkehrsinfrastruktur und Echtzeitdaten über die Verkehrslage. Daten von Bund und Ländern werden bereits in einheitlichen Formaten im Mobilitäts-Daten-Marktplatz (MDM) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) zur Nutzung bereitgestellt.

Auf kommunaler Ebene sind diese Daten zum Teil über entsprechende Plattformen ebenfalls verfügbar, werden jedoch nur selten im nationalen Kontext zur Verfügung gestellt, was eine Kommunen-übergreifende Verwertung erschwert.

Weitergehende Mobilitätsdaten stellen Verkehrsunternehmen, Carsharing-Anbieter oder Ladesäulenbetreiber hingegen nur zögerlich für Dritte bereit: Entweder, weil die Infrastruktur in Form eines nationalen Zugangspunktes für den Datenaustausch fehlt, oder weil es in bestimmten Branchen (Car- und Bike-Sharing, Elektromobilität) noch keine etablierten Datenformate und Schnittstellen gibt.

Sensiblere Daten, wie Mobilitäts- und Bewegungsdaten von Fahrzeugflotten (Floating Car Data, FCD) und Fahrgastströmen, werden zwar erhoben und verarbeitet, etwa von Verkehrsunternehmen, Navigationsdiensteanbietern, Flottenbetreibern oder Mobilfunkunternehmen.

Ihre organisationsübergreifende Nutzung, ihre Verarbeitung und Verknüpfung mit weiteren Daten finden bisher jedoch aufgrund ihrer Sensibilität in Bezug auf Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung kaum statt. Abhilfe schafft die Dateninfrastruktur, mit der Datengeber festlegen können, unter welchen Bedingungen ihre Daten durch andere Akteure im aktuell entwickelten Mobilitätsdatenökosystem „Mobility Data Space“ nutzen können.

Fraunhofer arbeitet derzeit im BMVI-geförderten Verbund „Mobility Data Space“ mit weiteren Partnern daran, dass die Konzepte der International Data Spaces (IDS)-Architektur in Zukunft bei Mobilitätsdatenplattformen wie dem MDM zum Einsatz kommen, um Datennutzungsbedingungen interpretieren und umsetzen zu können. Das schafft Datensouveränität für den Datengeber und Vertrauensschutz über die Herkunft der Daten für den Datennutzer.

Boris Otto ist Inhaber des Lehrstuhls für Industrielles Informationsmanagement an der Technischen Universität Dortmund und geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund. Er gehört zu den Experten, die von der Regierung für die Datenstrategie konsultiert wurden (hier der Link zur Runde im Kanzleramt). Heute beginnt um 12 Uhr die Online-Konsultation für die Strategie, an der sich Bürger und Fachöffentlichkeit unter www.datenstrategie-bundesregierung.de beteiligen können. 

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