Standpunkt Der Stromausfall trifft alle

Die Stromnetzbetreiber brauchen zumindest kurzfristig die Spitzenlastglättung, um eine Überlastung durch gleichzeitig ladende E-Autos zu verhindern. Christoph Müller, Chef von Netze BW, rechnet vor, warum das so ist und was der Netzausbau kosten wird. Ein Stromausfall würde alle treffen. Es erscheint ihm grotesk zu glauben, dass derartige Ausfälle kein Risiko für die Einführung der Elektromobilität seien.

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Es ist schon fast vergessen – vor zwei Jahren hatten wir schon einmal einen intensiven Schneeeinbruch wie vor einigen Tagen. Wesentlich betroffen war damals Bayern, aber auch das östliche Netzgebiet der Netze BW. Eine sehr kleine Ortschaft im schönen Nirgendwo des Allgäus war von uns nur noch über ein Notstromaggregat zu versorgen.

Und hier bekamen wir eine ungewöhnliche Kundenbeschwerde: Wir sollten doch das Aggregat ausschalten – es sei laut und würde den Schlaf stören. Ich überlege bis heute, ob dies ein grotesk überhöhter Glaube daran war, dass der Strom aus der Steckdose kommt oder ob der Kunde hier tatsächlich „Schlaf“ höher bewertete als „Strom“. Wenn Sie jetzt denken, dass das vielleicht eine nette Anekdote, aber ein komischer Anfang für einen Kommentar zur Debatte um die Spitzenlastglättung sei, dann möchte ich auf zwei Querbezüge hinweisen:

Erstens referenzieren in der Debatte um die Spitzenlastglättung alle darauf, was der Kunde will – manche aus dem Auftrag ihrer Organisation (Verbraucherzentrale Bundesverband, vzbv), manche (Verband der Automobilindustrie, VDA, und Stromnetzbetreiber) aus guter Kenntnis ihres Produkts und ihrer Kunden. Wahrscheinlich will der Kunde aber vor allem seine Ruhe (das E-Auto soll ja auch gerne im Schlaf laden).

Der zweite Punkt ist mir aber wichtiger und scheint mir komplett unterzugehen: Wir Netzbetreiber machen das, was wir machen, nicht um den Kunden zu ärgern. So wenig wie wir vorsätzlich den Schlaf unserer Kunden stören woll(t)en, so wenig finden wir Lastmanagement so toll, dass wir einfach ab und zu mal aus allgemeiner Fidulität und Lebensfreude ein paar Spitzen glätten wollen.

Nur Spitzenlastglättung rettet das Ortsnetz vor dem Stromausfall

Damit ist in der Debatte zwischen einer kurzfristigen und langfristigen Perspektive zu unterscheiden. Bei einem bestehenden Netzengpass ist Spitzenlastglättung das einzige, was ein Ortsnetz vor dem Stromausfall rettet. Reicht das Netz nicht aus, können einfach nicht alle laden. Da können 43,6 Prozent (siehe Civey-Umfrage für Tagesspiegel Background) ja gerne einen Eingriff des Netzbetreibers ablehnen, aber die Physik wird das schwerlich beeindrucken. Ich bin überzeugt, Engpässe in einem geordneten Verfahren zu bewirtschaften ist besser, als einfach mal zu schauen, wie lange die Sicherungen halten. In unserem Netzlabor zu Elektromobilität in Ostfildern haben wir auch Lademanagement eingesetzt. In 57 Prozent der Fälle haben das die Kunden nicht einmal bemerkt – den Stromausfall bemerken alle.

Langfristig kann man den Netzbetreiber fragen, warum die Engpässe auftreten. Vielleicht zunächst zu den Größenordnungen: An einer Ortsnetzstation eines Netzgebiets von zum Beispiel 50 Haushalten ist jeder Haushalt durchschnittlich mit ca. zwei Kilowatt (kW) abgesichert. Mehr ist nicht notwendig, so gut ist die zufällige Durchmischung unseres Stromverbrauchs. Eine Wallbox von 22 kW (oder zwei mit je elf kW) ist also das Äquivalent von ca. elf Haushalten. Aus diesen Größenordnungen wird klar, warum die Netzbetreiber das Risiko sehen, dass ein schnelles Wachstum von Elektromobilität einen Netzausbau nach sich ziehen kann, der so schnell ggf. nicht zu bewerkstelligen ist. Dann kommen Engpässe, und dann braucht man Regeln, um diese Engpässe geordnet zu bewirtschaften, bis der Netzausbau erfolgt.

Wir bei Netze BW wollen das Netz ausbauen. Für uns ist Netzausbau das erste Mittel der Engpassbewirtschaftung und nicht die Spitzenglättung. Eine kleine Überschlagsrechnung: Die 20 Milliarden Euro Netzinvestitionen, die es für den Vollausbau zum „Immer-Laden“ brauchen soll, sind bei 40 Jahren Abschreibung und fünf Prozent Verzinsung ein jährlicher Kapitaldienst von 1,5 Milliarden Euro. Verteilt auf 250 Terawattstunden (TWh) Absatz in der Niederspannung (wir sind im Ortsnetzbereich) führt das zu einer Netzentgeltsteigerung von 0,6 Cent je kWh – beachtenswert, aber im Gesamtkontext verkraftbar. Jedenfalls glaube ich, dass die Marktoptimierung der dann freien Flexibilität mehr Wert bringt. 

Frage der angemessenen Preisstruktur an die Bundesnetzagentur delegieren

Das von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vorerst zurückgezogene Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz (im Entwurf) ist mit seinen Eingriffsmöglichkeiten zur Engpassbewirtschaftung notwendig. Gerne kann man es um Punkte erweitern, die auf eine Sicherstellung des Netzausbaus zielen (wobei hier das Hauptthema die Wirtschaftlichkeit der Investitionen für den Netzbetreiber ist).

Auch das Nachschärfen der Transparenz rund um den Einsatz von Spitzenglättung ist denkbar. Die Frage der verhältnismäßigen und angemessenen Preisstruktur rund um Paragraf 14a Energiewirtschaftsgesetz könnte man aus dem Gesetz herausnehmen und an die Bundesnetzagentur delegieren. Aber nur wenn wir wissen, wie wir im Niederspannungsnetz mit Engpässen umgehen sollen, können die Verteilnetzbetreiber eine Stromgarantie geben.

Und alle Kunden müssen ihren Beitrag leisten – beim Stromausfall sind ja auch alle dabei. Es erscheint mir grotesk zu glauben, dass ungesteuerte Stromausfälle in Folge von zu vielen gleichzeitig angeschalteten Ladesäulen kein Risiko für die erfolgreiche Einführung der Elektromobilität sind.

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