Standpunkt Digitalisierung stabilisiert die Lieferketten

Die Coronakrise verdeutlicht, wie schnell vernetzte Lieferketten zum Engpass für global tätige Unternehmen werden können. Digitale Tools und Arbeitsweisen sind in Krisensituationen hilfreich, analysiert Sylvia Trage, Direktorin im Bereich Consulting bei KPMG, in ihrem Meinungsbeitrag.

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Die Globalisierung und der damit eingehergehende internationale Warenfluss, das steigende Reiseaufkommen sowie der boomende Onlinehandel führen zu weit verzweigten und komplexen Lieferketten mit zahlreichen Schnittstellen. Lieferstabilität und Lieferantenbefähigung sind wesentliche Herausforderungen für Unternehmen. 

Besonders in Ausnahmesituationen wie der aktuellen Covid-19-Krise wird deutlich, welche unerwarteten Herausforderungen innerhalb der Lieferkette entstehen können. Wie resilient und krisensicher sind Lieferketten wirklich? 

Die Krise trifft Branchen auf unterschiedlichste Weise. Nahrungsmittelhersteller, Logistikdienstleister und Pharmaunternehmen generieren zusätzlichen Umsatz durch Nachfragesteigerung, werden aber auch mit drohenden Unterbrechungen innerhalb der Lieferkette konfrontiert. Andere Branchen wie die Automobil- oder Maschinenbauindustrie hingegen kämpfen mit Werksschließungen und Produktionsstopps. 

In der derzeitigen Situation geht es vor allem um Krisenbewältigung. Reaktive Maßnahmen, die eine Versorgung sicherstellen, stehen im Vordergrund. Lieferanten in Risikogebieten sollten identifiziert werden, um diese anhand von Leistungskennzahlen nach möglichen Ausfällen zu bewerten. Die Definition gemeinsamer Ziele und die Ausarbeitung kurzfristiger Notfallpläne für mögliche Unterbrechungen kann die Lieferantenbeziehung festigen, um in Ausnahmesituationen die Lieferfähigkeit zu erhöhen. 

Nur 50 Prozent der Unternehmen nutzen Tracking Tools 

Weitere Faktoren sind die Identifizierung kritischer Materialien, die Ermittlung von Lagerreichweiten sowie die Optimierung des Bestandsmanagements inklusive einer Anpassung der Mindest- und Höchstbestände. Mit der Durchführung von Lieferanten-Quick-Checks können Unternehmen eine erste Einschätzung zur aktuellen Lieferfähigkeit sowie über die finanzielle Situation und Stabilität erhalten. 

Ausnahmesituationen verdeutlichen die Wichtigkeit eines transparenten und abgestimmten Netzwerkes, um globale oder regionale Risiken frühzeitig zu erkennen. Unternehmens- und Lieferkettenstrukturen sowie deren Prozesse sollten anhand von Tracking Tools und KPIs transparent und möglichst in Echtzeit aufgeschlüsselt und vernetzt werden. 

Über 50 Prozent der Unternehmen verfügen Umfragen zufolge noch über kein IT-gestütztes Tracking Tool für die Durchführung eines Echtzeit-Reportings. Dabei erleichtern Transparenz und ausreichend Informationen eine funktionsübergreifende und effiziente Zusammenarbeit. Dies ermöglicht unter anderem die Erstellung verlässlicherer Prognosen, eine optimierte Bestandssteuerung inklusive der Anpassung von Sicherheitsbeständen von kritischen Materialien, sowie Fehleranalysen, die wiederum zur besseren Bewertung von Leistungs- und Lieferfähigkeiten beitragen. 

Ein Echtzeit-Tracking von Warenflüssen erhöht die Reaktionszeiten und die Sicherstellung von Reichweiten. Einer der größten Erfolgsfaktoren in der Lieferkette ist deshalb Transparenz. Zur Sicherstellung von Lieferketten, sollten diese zunehmend auch digitale Komponenten und Automatisierungslösungen enthalten. Mithilfe von Data Analytics können zum Beispiel Zahlungsbedingungen, Bestell- und Produktionsabläufe und die Kapazitäten-Planung optimiert werden.

Resilienz-Landkarten für verschiedene Regionen

Es ist empfehlenswert, Produktionen zukünftig auf verschiedene Märkte zu verteilen und näher an den entsprechenden Absatzmarkt zu rücken. Hierbei sollte die Widerstandsfähigkeit einer Lieferkette standortabhängig prognostiziert werden. Verschiedene Länder und Regionen werden in sogenannten Resilienz-Landkarten abgebildet. Krisenszenarien für Lieferketten müssen kontinuierlich aktualisiert und potenzielle neue Szenarien in Lieferantenrisikoprofile integriert werden. Eine Zusammenarbeit mit Versicherungen könnte sich hier als hilfreich erweisen. 

Bei der Entscheidung für Produktions- und Liefernetzwerke spielen zunehmend geopolitische Risiken eine Rolle. Entwicklungen wie der Brexit, US-Strafzölle oder Covid-19 führen dazu, entsprechende Bedarfe wieder öfter lokal zu produzieren und mit regionalen Lieferketten zu versorgen. 

Nach einem monatelangen Lockdown muss nun zunächst ein geordnetes „Hochfahren“ erfolgen. In den folgenden Monaten gilt es, insbesondere, präventive Ansätze und ein effizientes Anlaufmanagement zu entwickeln für den Aufbau einer agilen, stabilen und transparenten Lieferkette. 

Digitale Lern- und Arbeitswelten fördern

Die Covid-19-Krise kann daher auch als Chance gesehen werden, eine Anpassung der Lieferantenwahl und der Beschaffungsstrategie vorzunehmen. So macht es beispielsweise Sinn, für strategisch wichtige Komponenten wieder verstärkt ins Dual Sourcing zu gehen, also Alternativlieferanten aufzubauen

Digitale Konzepte und Technologien werden auch weiterhin als wesentliche Schlüsselfaktoren gesehen. Die Attraktivität digitaler Lösungen in der Arbeitswelt und bei Lerninhalten hat sich insbesondere durch Covid-19 gezeigt. Langfristig sollte der Weg zu digitalen Lösungsansätzen nicht nur bei der Vernetzung der Lieferketten, sondern auch in der Arbeits- und Lernwelt geebnet werden. Dies gilt es zu fördern. 

Innovative Technologien wie zum Beispiel der 3D-Druck bieten weitere Möglichkeiten, Fertigungen zukünftig flexibler zu gestalten und Materialien schneller herzustellen. Durch ihren Einsatz könnten Lieferketten verkleinert und eine Überwachung mittels Echtzeitdaten sowie eine schnelle Reaktion auf sich ändernde Anforderungen erleichtert werden. Einfache Produkte ließen sich in Zeiten eines Lockdowns in Eigenproduktion selbst anfertigen. Damit könnte die Krise langfristig sogar neue Geschäftsfelder und Möglichkeiten eröffnen. 

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