Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Elektromobilität: Was Deutschland von China lernen kann

Max-Josef Meier2
Max-Josef Meier, Gründer und Geschäftsführer von Finn.auto Foto: Finn.auto

Trotz steigender E-Auto-Absatzzahlen: Verbraucher bleiben skeptisch, wenn es um den Kauf eines Stromers geht, schreibt Max-Josef Meier, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups Finn.auto. Der Blick auf China zeige, wie sich der E-Auto-Boom verstetigen lasse: durch eine konsequente Förderpolitik und digitale Vertriebsmodelle.

von Max-Josef Meier2

veröffentlicht am 05.05.2021

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Eigentlich sind E-Autos ein alter Hut. Bereits 1888 erblickte das erste Elektrofahrzeug auf vier Rädern das Licht der Welt, als der deutsche Maschinenbauer Andreas Flocken ein elektrisch betriebenes Kutschenfahrzeug vorstellte. Einige Jahre zuvor hatte sein schottischer Kollege bereits ein elektrobetriebenes Dreirad entwickelt. Diese E-Fahrzeuge hielten sich jedoch nicht lange und wurden ab 1910 wegen ihrer begrenzten Reichweite und den bequemen Anlassern der Verbrenner verdrängt.

Ein gutes Jahrhundert später folgt nun die Rolle rückwärts. Auch in Deutschland, wo Plug-in-Fahrzeuge im Vergleich zu China oder den USA bis 2020 eher ein Nischendasein führten. Mit einem Plus von 257 Prozent in 2020 ist Deutschland aktuell ein Wachstumstreiber und nach China der zweitgrößte Markt. Das Konjunkturprogramm war also ein voller Erfolg. Das liegt nicht zuletzt an Covid-19 und dem damit verbundene Konjunkturpaket. Das ist ambitioniert und beinhaltet unter anderem die Festsetzung der EEG-Umlage, direkte Förderungen von Herstellern und Zulieferern sowie Kundenprämien. Auf diese Kaufimpulse führt die Unternehmensberatung Deloitte eine um 150.000 Fahrzeuge erhöhte Nachfrage zurück.

Verbraucher bleibt skeptisch

So wirksam finanzielle Kaufanreize kurzfristig sein mögen – werden sie ausgesetzt, sinken die Absatzzahlen meist direkt wieder. So war es auch in China. Dort litt der Elektroautomarkt Ende 2019 unter dem Abbau staatlicher Subventionen. Eine Entwicklung, die auch in Deutschland drohen könnte. Insbesondere jetzt. Während der Krise ist laut „2021 Global Automotive Consumer Study“ von Deloitte das Kaufinteresse an alternativen Antrieben in Deutschland um zehn Prozentpunkte geschrumpft. Konsumenten neigen laut Analysten in Krisen dazu, sich auf Bekanntes und Bewährtes zu fokussieren. Ein Trend, der nur durch massive Subventionen im Rahmen des Konjunkturpaketes umgekehrt werden konnte.

Das Beispiel China zeigt zudem: Der Ausbau der Elektromobilität darf nicht allein von staatlicher Förderung abhängig sein. Er erfordert zusätzlich die Etablierung des E-Autos als attraktive Mobilität in den Köpfen der Verbraucher. Umfragen in China zeigen, dass die dortigen Konsumenten sich der finanziellen und ökologischen Vorteile von E-Autos sehr bewusst sind und im Fahrerlebnis einen der größten Vorteile von E-Autos sehen. 

Das heißt: Die Attraktivität und das Vertrauen in Elektromobilität müssen hierzulande grundsätzlich gestärkt werden. Der Blick in die Absatzstatistiken verrät, dass der deutsche Konsument noch immer E-Skeptiker ist, wobei auch die Angst vor der geringen Reichweite eine Rolle spielt. Aus diesem Grund sind hybride Fahrzeuge (+ 351 Prozent) gegenüber den reinen Stromern (+ 191 Prozent) aktuell die klaren Gewinner. Sie lassen sich mit Strom und Benzin betreiben und verringern die Gefahr, auf halber Strecke liegen zu bleiben.

Der sicherste Weg, diese Angst zu lösen, liegt in positiven Alltagserfahrungen. Wer mit einem E-Auto einige Zeit ohne Reichweitenprobleme fährt, vertraut der neuen Antriebsform in der Regel. Aus diesem Grund haben Nutzungsmodelle wie Sharing oder Abos ein enormes vertrauensbildendes Potenzial und können Autofahrern die Elektromobilität näherbringen, indem sie die Möglichkeit bieten, die Fahrzeuge im Alltag ausgiebig zu nutzen. Positive Erfahrungen im Hinblick auf elektrobetriebene Fahrzeuge können Autofahrer aber nur machen, wenn die strukturellen Voraussetzungen hierfür gegeben sind.

Strukturelle Herausforderungen des E-Booms

Sorge bereitet neben dem in den letzten fünf Jahren immer wieder gestiegenen Strompreis der Ausbau der Ladestationen. Sollte dieser nicht mit dem Elektrofahrzeug-Boom mithalten, könnte das Stromtanken aufwändig und mühsam werden. Ein Blick auf die Zahlen der Bundesnetzagentur verrät, dass der Ladestation-Ausbau dem Tempo des fulminanten Wachstums der Elektromobilität 2020 hinterherhinkt. Wurden im Jahr 2019 etwas über 5000 neue Ladesäulen in Betrieb genommen, waren es 2020 etwa 4530. Insbesondere fehlen hierzulande Schnellladepunkte.  

Auch im Vorbildsmarkt China kennt man diese Herausforderungen. Laut Deloitte teilt der chinesische Konsument, wenn auch etwas weniger ausgeprägt, die Bedenken der Autofahrer hierzulande im Hinblick auf Reichweite, Ladeinfrastruktur und Ladedauer. Dennoch verzeichnet China seit 2014 ein signifikantes und permanentes Wachstum bei der Elektromobilität. Das könnte daran liegen, dass man sich in China deutlich weniger Sorgen über Kosten und Mehrpreis von E-Mobilität macht, als das in Deutschland der Fall ist. Damit scheint der Erfolg der Elektromobilität mit der Minimierung möglicher finanzieller Risiken einherzugehen. Und auch hier kommen wieder kurzfristige Nutzungsmodelle wie das Auto-Abo ins Spiel. Schließlich ermöglichen sie es, ein Elektrofahrzeug zu einem monatlichen All-inclusive-Preis ohne lange Bindung und damit ohne finanzielles Risiko zu fahren.

Die chinesische Zentralregierung hat zudem im März 2020 beschlossen, die Kaufsubventionen um zwei weitere Jahre zu verlängern. Ergänzend zu dieser Förderung haben auf regionaler Ebene chinesische Städte Förderprogramme ins Leben gerufen. Förderprogramme dürfen also keine Eintagsfliegen bleiben.

Automobilbranche kann sich viel vom E-Commerce abgucken

Strukturelle Herausforderungen herrschen aber auch auf Konsumebene. Convenience und Digitalität spielen eine immer größere Rolle. Die Konsequenz: Soll das eigene (E-)Auto auch in Zukunft eine attraktive Mobilitätsform sein, müssen Autofahrer einen einfachen und digitalen Zugang zu ihm haben. An dieser Stelle kann sich die Automobilbranche viel vom E-Commerce abgucken: Dort ist das Wunschobjekt nur wenige Klicks entfernt und ohne seitenlange Verträge unkompliziert erhältlich. Geliefert wird zügig und ohne Wartezeiten bis an die Haustüre. Konsumenten müssen sich auch nicht durch ellenlange Ausstattungskataloge und unterschiedlichste Optionen wühlen.

Die Zukunft dürfte deshalb in vorkonfigurierten Modellen zur Verkürzung der bisher langwierigen Entscheidungsfindung liegen. Im E-Commerce nennt man das „Curated Shopping“. Mit einer digitalen und serviceorientierten Customer-Journey, wie sie von E-Commerce-Riesen vorgelebt wird, kann das eigene Auto auch künftig das Transportmittel Nummer 1 bleiben. Die Weichen dafür werden nicht irgendwann gestellt, sondern genau jetzt.

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