Standpunkt Fahrt im Regionalbus so angenehm wie in Reisebussen machen

Wir müssen zurück zu einer Stadt- und Gemeindeplanung der „kurzen Wege“, fordert Andreas Wagner, Mobilitätsexperte der Linken. Damit Menschen auch auf dem Land aufs Auto verzichten können, brauche es mehr Bahnverbindungen. Wo ein Ausbau nicht realisierbar sei, sollten zwischen 6 und 23 Uhr stündlich fahrende Regionalbuslinien zum Mindeststandard werden.

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Wenn über Verkehr diskutiert wird, stehen oft größere Städte wie München oder Berlin im Mittelpunkt. Kein Wunder. In den Städten nimmt der Verkehr seit Jahren zu, und Staus, Lärm und Luftverschmutzung beeinträchtigen vielerorts die Lebens- und Aufenthaltsqualität. Während es in Großstädten meist ein relativ gut ausgebautes ÖPNV-Angebot gibt und oft auch autofreie Innenstädte angestrebt werden, ist die Situation im ländlichen Raum eine andere. Hier fehlen oft Busverbindungen, und die meisten Menschen sind für den Weg zur Arbeit, zum Arzt oder zur Vereinssitzung auf das Auto angewiesen.

Wer auf dem Land lebt und in der Stadt arbeitet, macht sich mangels attraktiver öffentlicher Verkehrsverbindungen mit dem Auto auf den Weg. Das ist nachvollziehbar, wenn sich dadurch die Fahrtzeit reduziert und mehr Zeit für die Familie, Freunde, Hobbys oder ehrenamtliche Aktivitäten bleibt. Gleichzeitig wäre es für viele eine feine Sache, auf dem Weg von oder zur Arbeit im Bus oder in der Bahn noch etwas zu chillen oder Zeitung lesen zu können, statt auf den Verkehr achten zu müssen. Zugleich würden gerade touristisch geprägte Regionen vom Ausflugsverkehr entlastet, wenn eine attraktive Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich wäre. 

Wer kein Auto hat oder auf Grund des Alters und mangels Führerschein nicht fahren darf, ist auf dem Land meist aufgeschmissen. Doch das darf nicht sein. Ziel muss sein, dass es sich auch ohne eigenes Auto auf dem Land gut leben lässt und alle mobil sind. Dabei gilt es, Verkehr möglichst zu vermeiden und wo dies nicht möglich ist, ihn so zu organisieren und zu steuern, dass er attraktiv und zugleich umwelt- und klimafreundlich ist.

Anbindung an schnelles Internet reduziert Verkehr

Wir müssen zurück zu einer Stadt- und Gemeindeplanung der „kurzen Wege“. Eine gute Nahversorgungsstruktur mit Lebensmittelladen, Hausarzt und Postfiliale führt zu weniger Verkehr und erhöht die Attraktivität des Wohnorts. Davon profitieren nicht nur Seniorinnen und Senioren. Zu einer Stärkung des ländlichen Raums und einer Reduzierung des Verkehrs trägt auch eine Anbindung an schnelles Internet bei. Wie wichtig das ist, zeigt sich gerade dieser Tage während der Corona-Pandemie – sowohl für die Arbeit im Homeoffice als auch für Schülerinnen und Schüler im Homeschooling sowie für Studierende.

Wie in städtischen Gebieten brauchen wir auch für den ländlichen Raum Mobilitätslösungen, die sich gut miteinander kombinieren lassen. Dabei geht es darum, das gerade passendste und sinnvollste Verkehrsmittel auszuwählen. Während das Fahrrad für die einen Menschen das ideale Verkehrsmittel für Strecken bis zehn Kilometer ist, mit dem sich Mobilität und sportliche Betätigung verbinden lassen, kann es für Menschen mit Mobilitätseinschränkung oder alte Menschen ungeeignet sein. Wer Schicht arbeitet und um 4 Uhr in der Früh los muss oder Bereitschaftsdienst hat, wird auch zukünftig auf ein Auto angewiesen sein. Gleichzeitig müssen auch diejenigen, die bewusst auf ein Auto verzichten, sich keines leisten oder fahren können, eigenständig mobil sein können. Öffentliche Mobilitätsangebote müssen daher in ländlichen Regionen massiv ausgebaut werden.

Ländliche Räume gehören durch attraktive Bahnverbindungen mit größeren Städten, aber auch untereinander stärker vernetzt, und stillgelegte Bahnstrecken müssen reaktiviert werden. Hinzu kommt, dass derzeit nur circa 60 Prozent der Bahngleise elektrifiziert sind und auf den übrigen Strecken nach wie vor Dieselloks eingesetzt werden, was zu einer erheblichen Umwelt- und Klimabelastung führt. Diese Bahnstrecken gehören zügig elektrifiziert, und – wo dies unwirtschaftlich ist – müssen auch alternative Antriebe mit „grünem Wasserstoff“ erprobt werden. In schwer zu erschließenden Gegenden können auch in den ÖPNV integrierte Seilbahnen sinnvolle Lösungen sein.

Verkehrsknoten mit überdachten Fahrradabstellanlagen ausstatten

Wo Bahnverbindungen nicht oder erst in Jahren realisierbar sind, ist die Einrichtung von Bus- und Schnellbus-Linien sinnvoll. In den Nahverkehrsplänen sollten zwischen 6 und 23 Uhr mindestens stündlich verkehrende Regionalbuslinien als Mindeststandard verankert werden. Barrierefreiheit, Klimaanlage und kostenlose WLAN-Nutzung müssen selbstverständlich sein. Ziel ist es, die Fahrt im Regionalbus ähnlich angenehm zu gestalten wie in Reisebussen. Ergänzt werden können Regionalbuslinien durch einen Linienbedarfsverkehr und Anrufsammeltaxen, um insbesondere in verkehrsarmen Zeiten ein bedarfsorientiertes Angebot zu schaffen und Fahrten zu bündeln. So kann auf dem Land an Bahnhöfen von S- und Regionalbahnen auch in der Nacht eine günstige Anschlussverbindung sichergestellt werden, um sicher nach Hause zu kommen.

Gebraucht werden auf dem Land Verkehrsknoten, an denen Autos abgestellt werden können und ein Umstieg auf die Bahn oder den Bus möglich ist, um so die Fahrt klimafreundlich, komfortabel und ohne Stau in die Großstadt fortzusetzen. Zudem braucht es an solchen Verkehrsknoten sichere und überdachte Abstellanlagen für Fahrräder und E-Bikes mit Lademöglichkeit, kombiniert mit der Möglichkeit, sich Fahrräder auszuleihen, und einen Ausbau von Radschnellwegen, welche die Verkehrsknoten miteinander verbinden. Wichtig ist, dass die Kommunen die Fördermöglichkeiten des Bundes für den Ausbau der Fahrradinfrastruktur kennen und tatsächlich auch nutzen, um das Radfahren attraktiver und sicherer zu machen.

Bei alledem ist es für Die Linke selbstverständlich, dass die Beschäftigten in öffentlichen Verkehrsbetrieben gute und attraktive Arbeitsbedingungen haben und anständig vergütet werden. Die sozial-ökologische Verkehrswende kann nur in enger Kooperation aller durch Kreativität, Sachverstand, ausreichende Finanzmitteln und persönliches Engagement gelingen. Öffentliche Mobilität ist Bestandteil der Daseinsvorsorge. Als solche muss sie auch begriffen und deutlich stärker finanziell gefördert werden – auch in ländlichen Regionen.

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