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Standpunkt

Globalisierung als europäische Antwort

Andreas Rade, Geschäftsführer Politik und Gesellschaft beim Verband der Automobilindustrie
Andreas Rade, Geschäftsführer Politik und Gesellschaft beim Verband der Automobilindustrie Foto: VDA

Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg belasten die globalen Lieferketten der Autoindustrie extrem. Doch der Ruf nach einer „De-Globalisierung“ geht in die falsche Richtung, meint VDA-Geschäftsführer Andreas Rade. Die Branche müsse jetzt auf Diversifikation, Effizienz und Resilienz setzen.

von Andreas Rade

veröffentlicht am 21.04.2022

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Putin darf diesen Krieg nicht gewinnen: Weil es um das Recht der Ukrainerinnen und Ukrainer auf Freiheit und Selbstbestimmtheit und weil es um den europäischen Weg in unsere gemeinsame Zukunft geht. Die internationale Arbeitsteilung im Sinne von Win-Win-Lösungen ist ein Erfolgsmodell, besondere für das vielfältig verflochtene Deutschland mit seiner vergleichsweise hohen industriellen Basis. 

Ob Chemie, Maschinenbau oder Autoindustrie – alle ökonomischen Aushängeschilder Deutschlands sind Teil und Treiber der Globalisierung. Autohersteller und vielfach auch mittelständische Zulieferer sind mit mehr als 2500 Produktionsstätten im Ausland weltweit aufgestellt. Für andere Industriebranchen gilt Ähnliches. 

Die globale Einbindung baut Arbeitsplätze in den Zielmärkten auf und sichert gleichzeitig gut bezahlte Arbeitsplätze sowie Innovationsfähigkeit in Deutschland und Europa. Mit dem Krieg in der Ukraine kann es sicher kein simples „Weiter-so“ geben – doch die Rufe nach einer „De-Globalisierung“ sägen den Ast ab, auf dem die europäische Idee begründet ist.

Transformation braucht Verflechtung

Angesichts der aktuellen Krisen werden Forderungen nach „Reshoring“, „Nearshoring“ oder auch „Decoupling“ laut. Was als strategische Antwort daherkommen mag, würde sich in der Realität als untauglich erweisen: Die Autoindustrie beispielsweise wäre von den Wachstumsmärkten der Welt abgeschnitten, gleichzeitig würde die Innovationsfähigkeit ausgehöhlt.

Die Autoindustrie, insbesondere auch die Zulieferer, sind durch die Herausforderung der zeitgleichen Transformation – Dekarbonisierung und Digitalisierung – von Veränderungen der internationalen Märkte und Rahmenbedingungen besonders betroffen. Gleichzeitig sind sie auf deren Stabilität und Ausweitung angewiesen: Die Pandemie, nun auch der Krieg in der Ukraine, haben Auswirkungen auf Lieferketten, Abhängigkeiten und Knappheiten aufgezeigt.

Andere Regionen der Welt sind auch wegen unterschiedlicher Voraussetzungen unabhängiger aufgestellt. Nicht zuletzt aufgrund einer anderen Rohstoffbasis. Mit diesen Ländern befinden wir uns im Wettbewerb. Sicher ist, dass Deutschland sowie Europa bei den für die Elektromobilität notwendigen Rohstoffen und Technologien auf Importe angewiesen sein werden – wir können und werden hier nicht autark sein.

Umso wichtiger also, die politischen Weichenstellungen technologieoffen zu setzen. Internationale Kooperation ist unerlässlich – viele Rohstoffe sind in nur wenigen Regionen erhältlich. Die Folgen der Ressourcenknappheit für die Wirtschaft lassen sich schon jetzt an der Lage der Automobilindustrie exemplarisch erkennen: Sie ist durch eine Angebotsverknappung aufgrund fehlender Vorprodukte gekennzeichnet. Die Kunden würden mehr Neufahrzeuge kaufen, wenn sie zur Verfügung stünden.

Energiepartnerschaften: jetzt!

Entscheidend ist jetzt, die richtigen Schlüsse zu ziehen und die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Um ausreichend emissionsfreie Energie zur Verfügung zu haben, ist Deutschland auf internationale Energiepartnerschaften angewiesen. Der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien ist richtig, wird aber nicht reichen. Die Märkte für internationale Partnerschaften werden aktuell ohne uns verteilt: Hier muss Deutschland, hier muss Europa schnell aktiv werden.

Das gleiche gilt für Rohstoffe. Ohne eine aktive Rohstoff-Außenpolitik ist unser Wirtschaftsmodell – und somit auch das europäische – tatsächlich in Gefahr. Auch hier gilt: Wir sind zu langsam, können uns diesen Kriechgang nicht leisten und drohen, leer auszugehen.

Energiepartnerschaften, Rohstoff-Außenpolitik – das sind zwei wichtige Säulen auf dem Fundament der internationalen Rahmenbedingungen. Dieses Fundament muss von Deutschland und Europa viel aktiver und entschlossener erneuert werden. Konkret: Internationale Kooperation, die Stärkung der WTO und der Abschluss von Handels- und Investitionsabkommen sind wichtige Rahmenbedingungen, damit auch eine Diversifizierung der Lieferketten gelingen kann.

Hier ist die Politik gefordert: Die Gewichte unserer Handelspolitik müssen neu justiert werden, sonst kommt es immer wieder zu einem Scheitern langjährig verhandelter Abkommen. TTIP, CETA, oder auch das Abkommen mit dem Mercosur und das Investitionsabkommen mit China sind nur wenige Beispiele für unvollendete Verhandlungen. Allesamt lose Fäden, die wir uns auch als Antwort auf den Krieg mitten in Europa strategisch nicht mehr leisten können. Handels- und Investitionsabkommen sind nicht nur Beitrag für Wachstum und Wohlstand, sondern unterstützen auch gemeinsame Bemühungen für Klimaschutz, soziale Standards und Menschenrechte.

Diversifizierung der Lieferquellen elementar

Die Hersteller und Zulieferer der Autoindustrie in Deutschland haben schon allein wegen ihrer hohen Exportquote das Ausland genau im Blick, analysieren fortwährend die internationalen Absatzbedingungen. Gleiches gilt für internationale Lieferketten, seien es Exporte oder Einfuhren. So werden potenzielle strategische Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten analysiert und ausgleichende Maßnahmen ergriffen. 

Die Diversifizierung der Lieferquellen ist elementar. Die notwendige Resilienz gilt es vielfach noch politisch und ökonomisch so auszubuchstabieren, dass damit keine Abschottung verbunden ist. 

Insofern hat der VDA auch die von der EU-Kommission im Rahmen der Industriestrategie geforderte „offene strategische Autonomie“ unterstützt, verbunden mit der Forderung, dass dies nicht zu protektionistischen Tendenzen führen darf. Eine einseitige Konzentration auf wenige Handelspartner oder gar eine Blockbildung würde den Erfolg der Automobilindustrie, aber auch politische und gesellschaftliche Stabilität, beeinträchtigen.

All das zeigt: Globalisierung und offene Märkte sind auch in Zukunft unverzichtbar, bieten unendlich viele Chancen. Entscheidend ist, auf Diversifikation, Effizienz und Resilienz zu setzen. Die Debatte hat begonnen – wir sollten sie mit europäischen Werten und Interessen führen.

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