Standpunkt Innovative Mobilität? Industrie zögert, Politik pflegt Status quo – und Tesla fährt davon

Die deutsche Autobranche baut noch immer lieber alles selbst, statt in Start-ups zu investieren, da helfen auch die hippen „Innovations-Hubs“ wenig, kritisiert Filip Dames. Der Investor (Auto1 und Flixbus) fordert deshalb von Industrie und Politik mehr Flexibilität für neue Lösungen – sonst bleibt nur der Platz auf der Rückbank übrig.

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Es ist bunt durchmischt auf den Berliner Straßen, mit Rollern und E-Bikes amerikanischer und europäischer Anbieter. Immer weniger Menschen benötigen ein eigenes Auto und greifen auf „Shared Mobility Konzepte“ zurück, selbst die Berliner BVG mischt mittlerweile mit dem Berlkönig mit. Und nun baut vor den Toren der Start-up-Hauptstadt Deutschlands auch noch die Firma eine Gigafactory, die von der deutschen Automobilindustrie lange belächelt wurde: Tesla.  

Nie war das Angebot an Mobilitätslösungen größer, insbesondere in großen Städten. Eine Konsolidierung in den nächsten Jahren ist unvermeidlich, bestenfalls getrieben durch Kooperation der wesentlichen Akteure, denn eine Vielzahl der aktuellen Angebote wird allein nicht überlebensfähig sein. Jeder siebte verfügbare Euro eines Haushalts in Deutschland fließt heutzutage ins „Unterwegs sein“: Es muss schnell gehen, bequem sein und dann bitte auch noch umweltfreundlich – ein Dilemma?

Es herrscht eine generelle Innovationsskepsis in der Mobilität

Genau genommen ist der aktuelle Mobility Trend nichts Neues: Bereits 2012 investierten wir mit Cherry Ventures in das Unternehmen Flixbus, das in den letzten Jahren den Fernbusmarkt revolutionierte. 2015 folgte ein Investment in „Wunder Mobility“, ein Hamburger Start-up, heute führender Anbieter von Software für Mobilitätsanwendungen. Bis heute finden sich ein Dutzend Firmen im Cherry-Portfolio die die Herausforderungen des Mobilitätssektors von unterschiedlichen Seiten angehen.

Die deutsche Politik und Automobilindustrie haben diese Trendwende über viele Jahre kaum beachtet. Eine generelle Innovationsskepsis in der Mobilität – sowohl im öffentlichen Sektor als auch im privaten – zieht sich konsequent durch die deutsche Mobilitätswirtschaftshistorie. Hat jemand Transrapid gesagt?

Allein im Jahre 2019 hat Tesla mit Maxwell (Hochspannungskondensatoren) und Deepscale (autonomes Fahren) zwei Firmen akquiriert, die ideale Bausteine für die Gesamtstrategie der Amerikaner sind. Und in Deutschland?

Die herrschende Überzeugung? Lieber alles selber bauen, als in Start-ups investieren

Zwar gab es vereinzelte Investitionen, aber es herrschte immer noch die Überzeugung, man baue alles besser selbst. Mittlerweile ist man aktiver, betreibt „Innovations-Hubs“ in hippen Berliner Co-Working Büros und versucht, stärker mit Start-ups zu kooperieren. Nach wie vor, gehen aber viele der Initiativen nicht über Marketing-Zwecke hinaus – bezogen auf strategische Investitionen beziehungsweise Zukäufe hinken deutsche Unternehmen den Amerikanern nach wie vor deutlich hinterher. Zusätzlich scheitern viele Initiativen immer noch am kulturellen Unterschied der großen Etablierten und den oft noch agileren Start-ups.

Doch während der Innovationsdruck auf die Industrie steigt, ist die Politik damit beschäftigt die Rahmenbedingungen des Status Quo der Mobilitätskultur zu gestalten: Tempolimit versus Umweltschutz, Taxi-Industrie versus Uber, Scooter auf dem Bürgersteig und autonomes Fahren versus Sicherheit – die Liste der Zielkonflikte lässt sich beliebig fortführen.

Woanders wird erst ausprobiert und dann reguliert

Die Innovation wird sich ungebremst fortsetzen, es liegt nun an uns, die Rahmenbedingungen schnell, konsequent und effizient zu gestalten. Wenn im Rest der Welt eher ausprobiert und dann reguliert wird, können wir es uns nicht erlauben, wichtige Entscheidungen weiter zu verschieben. Dies wird aber nur gelingen, wenn wir die Kräfte von Politik, Industrie und Startups bündeln und auf Kooperation setzen.

Die Politik muss die Flexibilität für neue innovative Lösungen erlauben und dafür bewusst auch Kompromisse eingehen – denn ohne jeglichen Mut wird Deutschland nur ein Platz auf der Rückbank der „Zukunft der Mobilität“ verbleiben. Ein riesiges Potenzial der in Deutschland ansässigen Kompetenzen und Erfahrungen würde verschenkt werden.

Unternehmen müssen untereinander kooperieren im Sinne der Kunden, wie zum Beispiel im Zusammenlegen der Flotten von Daimlers Car-to-Go und BMW’s Drive-Now erfolgt. Die Bereitschaft mit Start-ups auch in früheren Phasen zusammen zu arbeiten, sollte dabei konsequent gesteigert werden. Start-ups müssen als ernstzunehmende Teilnehmer im System wahrgenommen werden, aber auch verstehen, wann Regulierung greift und sich entsprechend anpassen. Denn die nächste Trendwende steht schon vor der Tür – in Tokio diskutiert man bereits jetzt die Rahmenbedingungen für „Air Taxis as a service“.

Filip Dames ist Co-Gründer und Geschäftsführer des Wagniskapitalgebers Cherry Ventures. Das Berliner Unternehmen hat bereits in mehr als 40 Start-ups investiert, auch aus dem Bereich Mobilität, Logistik und Infrastruktur wie etwa Auto1, Flixbus, Drover und Freighthub (lesen Sie dazu auch unser Porträt von Freighthub-CEO Ferry Heilemann). Dames gehört zur Jury der „German Start-ups Awards“, die heute in Berlin verliehen werden.    

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