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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkte Klimaschutz statt hohler Phrasen

Gerolf Bücheler, Geschäftsführer des Bundesverbands Bioenergie
Gerolf Bücheler, Geschäftsführer des Bundesverbands Bioenergie Foto: promo

Johanna Büchler von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hat am Montag die Veranstalter des Fachkongresses Kraftstoffe der Zukunft hier scharf angegriffen. Das Urteil wird aus der Ferne gefällt und ist von Unkenntnis geprägt. Eine Replik.

von Gerolf Bücheler

veröffentlicht am 25.01.2024

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Die Kritik der DUH-Vertreterin Johanna Büchler entzündet sich an Sponsoren und Partnern der Veranstaltung aus der Mineralölwirtschaft und unterstellt damit, der Kongress sei „unterwandert“ und diene deren Interessen. 

Das Gegenteil ist jedoch der Fall: die Verbände und Unternehmen der Mineralölwirtschaft sind getrieben von den Zwängen, Klimaschutz im Verkehr zu organisieren. Namentlich die Vorgabe des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchG) verpflichtet schließlich die Mineralölunternehmen dazu, eine steigende Treibhausgasminderung zu erfüllen – und zwar technologieoffen. 

Ob diese Emissionsminderung der Treibstoffe also durch den Einsatz von Strom, Biokraftstoffen oder E-Fuels erfüllt wird, ist unwesentlich. Was läge da näher, als sich bei einem Fachkongress zum Thema alternative Antriebsmöglichkeiten zu informieren und Kontakt zu Produzenten und Wissenschaftlern aus dem Bereich Biodiesel, Bioethanol, Biomethan, HVO oder E-Fuels zu suchen. 

Genauso wenig, wie die Partner des Kongresses die hohe Fachlichkeit der Veranstaltung in Frage zu stellen, tut es das Bundesministerium für Verkehr und Digitales, das die Schirmherrschaft übernommen hat. Dass das für Verkehr zuständige Ministerium ein Interesse an einer Fachveranstaltung zum Thema Klimaschutz im eigenen Ressortbereich hat und keine inhaltliche Beeinflussung des Kongresses duldet, sollte leicht zu verstehen sein. Oder geht die DUH – mit Millionen staatlicher Förderung üppigst finanziert – hier vom eigenen Haus aus?

Energiequelle ist das Problem beim Klimaschutz

Die Aktivistin von der DUH hat aber Recht, wenn sie neue Erdölexplorationsvorhaben kritisiert. Natürlich muss aus Klimaschutzgründen das weitere Verbrennen fossiler Energien schnellstmöglich beendet werden. Jedoch liefert sie keine Lösungsvorschläge für die schnelle Defossilisierung der weltweit 1,3 Milliarden Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotor, außer hohler Phrasen: „Verbrennen ist von gestern.“ 

Ein Besuch des Fachkongresses hätte geholfen zu verstehen, dass nicht die Art der Energiewandlung – Elektro- oder Verbrennungsmotor – sondern die Energiequelle – fossil oder regenerativ – das Problem beim Klimaschutz darstellt. Oder um es mit Jane Amilhat, Referatsleiterin Saubere Verkehrswende der EU-Kommission und Panelistin auf dem diesjährigen Kongress, zu sagen: „We cannot prevent people from using mobility services.“ 

Noch eine DUH-Formel, die nirgendwohin führt, lautet „Die Mobilität der Zukunft ist muskel- und strombetrieben“. Das mag für die Amish-People und Pkw-Neuzulassungen zu großen Teilen zutreffend sein, aber weder in näherer noch in mittlerer Zukunft für Luft-, Schiff- und Schwerlastverkehr sowie den Fahrzeugbestand realisierbar sein. 

Zertifizierte Biokraftstoffe werden nicht gefördert

Der Fachkongress bietet jedes Jahr eine umfangreiche Bestandsaufnahme des Klimaschutzes im Verkehr, die auch für die fachliche Bildung kritisch Denkender hilfreich wäre: Wie sieht der rechtliche Rahmen aus? Wo gibt es Regelungsdefizite? Welche Neuerungen gibt es bei Antriebssystemen und alternativen Kraftstoffen? Woran forschen Hochschulen und Institute? 

Gerade der rechtliche Rahmen hat sich mit dem Green Deal und dem „Fit for 55“-Paket rasant weiterentwickelt – während die DUH-Vertreterin noch immer irrtümlich von einer „Förderung“ von Biokraftstoffen spricht und als Beleg auf einen von ihr selbst verfassten Online-Artikel verlinkt, der diese Behauptung nicht einmal belegt. 

Tatsächlich wird der Einsatz von nachhaltig zertifizierten Biokraftstoffen nicht staatlich gefördert, sondern erfolgt komplett technologieoffen ohne Förderung oder einen Beimischungszwang zur Minderung der im Straßenverkehr eingesetzten fossilen Energien. 

Die zwei Kongresstage schaffen durch das breite Expertennetzwerk viele fruchtbare Verknüpfungen und neue Kontakte in den Bereichen Klimaschutz, Transportwesen, Energie- und Landwirtschaft, Unternehmen, Forschung, Politik und Behörden. Ziel des Kongresses ist es, einen Überblick zu geben, welche erneuerbaren Kraftstoffen bereits heute genutzt werden und in Zukunft noch bessere Alternativen bereitzustellen. 

Lösung für den Fahrzeugbestand nötig

Denn es ist nicht wegzudiskutieren, dass dies notwendig ist, da Deutschland die Klimaziele im Verkehr Jahr für Jahr verfehlt und Biokraftstoffe mit fast 12 Millionen Tonnen vermiedener Treibhausgase noch immer die tragende Säule der Emissionsminderung darstellen. Und das mit durchschnittlich 87 Prozent weniger Treibhausgasen als ein fossiler Referenzkraftstoff.

Auch wenn der dringend benötigte Hochlauf der E-Mobilität endlich an Fahrt aufnimmt und das mittlerweile völlig unrealistische Ziel von 15 Millionen E-Fahrzeugen im Jahr 2030 erreichbar wäre, müssen wir uns der Realität stellen: Auf deutschen Straßen sind rund 59 Millionen Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotor unterwegs, für deren Antrieb dringend klimafreundliche Alternativen benötigt werden. 

Auch wenn sich die DUH auf den Kopf stellt, werden diese Fahrzeuge nicht von heute auf morgen von den Straßen verschwinden. Genauso wenig, wie es für alle Mobilitätsanwendungen die präferierte Lösung Elektromotor geben kann. Erneuerbare Kraftstoffe stellen klimaschonend die nötige Resilienz und Zuverlässigkeit zur Verfügung, die beispielsweise auch für den Einsatz bei Katastrophen und Notfällen benötigt wird. 

Dass beispielsweise Feuerwehr, THW oder Rettungssanitäter dank Verbrennungsmotor auch bei längeren Krisen und Stromausfällen einsatzfähig bleiben, sollte auch auf NGO-Seite Unterstützung finden.

Praxisnahe und umsetzbare Lösungen sind gefragt 

Wie kommen wir jetzt beim Klimaschutz im Verkehr weiter? Vielleicht indem sich jeder auf seine Kernkompetenz besinnt: Die Aufgabe von NGOs und Aktivisten ist es, den klimapolitischen Druck aufrecht zu erhalten. Stattdessen hochrangige Expertinnen und Experten, die sich Jahre lang mit ihren Fachgebieten befassen beziehungsweise deren Fachkongresse zu kritisieren, ist haltlos und bringt dem Klima nichts. 

Es ist gerade die Aufgabe von Fachveranstaltungen und deren Expertenteilnehmern, praxistaugliche Klimaschutzlösungen zu erarbeiten und eben nicht realitätsferne Wolkenschlösser im NGO-Turm zu bauen. Angesichts des dramatisch schnell sinkenden CO2-Budgets und der enormen Aufgabe beim Klimaschutz kann man nur zu der Schlussfolgerung kommen, dass wir alle erneuerbaren Alternativen brauchen. 

Das heißt aber, nicht weniger erneuerbare Kraftstoffe, sondern mehr. Nachhaltig zertifizierte Biokraftstoffe sind der Vorreiter für Klimaschutz im Verkehr und bereits heute in unserer bestehenden Infrastruktur einsetzbar. Ein Pfund, das wir nicht aus der Hand geben können. 

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