Standpunkt Mobilität ohne Schuldgefühle

Das Auto hat durch die Pandemie an Wertschätzung gewonnen, und es steht ihm eine gute Zukunft bevor. Doch es wird sich um eine Mobilität handeln, die sich stark von der unterscheiden wird, die wir aus dem 20. und dem frühen 21. Jahrhundert kennen, meint Branchenkenner Joaquim Ramis Pla. Die Mobilität wird elektrisch sein. Dann wird sich zeigen, ob es den etablierten Herstellern gelingen wird, sich gegen die chinesischen Hersteller oder die US-Technologiegiganten zu behaupten.

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Sommer 2021. Die Folgen der Delta-Variante müssen wir noch abwarten, aber zumindest in Europa scheint endlich der Albtraum ein Ende zu haben, den wir seit 15 Monaten erleben. Die Pandemie hat alles verändert, und auch auf unsere Mobilität hat sie sich einschneidend ausgewirkt. Auf dem Höhepunkt der Ausgangssperre war sie fast auf null reduziert, danach bekam sie einen vollkommen neuen Stellenwert. Doch wie wird sich dieses Umdenken auf die Mobilität der kommenden Jahre auswirken? Wie hat Corona die Beziehung der Menschen zu ihren Autos und zum Autofahren verändert? Wie hat die Pandemie unsere Einstellung zur Mobilität und unsere Verhaltensweisen verändert?

Um diese und andere Fragen ging es bei der ersten Studie mit dem Titel „European Automotive Consumer Research“ (EACR). Die Befragung wurde vom Automotive Innovation Lab (AIL) in den fünf wichtigsten Ländern Europas durchgeführt: Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Das AIL ist ein Thinktank, der sich aus einigen der bedeutendsten Unternehmen der Mobilitäts- und Automobilbranche zusammensetzt, darunter: Accenture, Atresmedia, Automobile Barcelona, Droga 5, Iberdrola, IESE Business School, RACC, SEAT/Cupra und Shackleton. Ziel des AIL ist, die Zukunft der Mobilität und der Automobilindustrie aus verschiedenen Perspektiven neu zu konzipieren.

60 Prozent schätzen das eigene Auto mehr als vor der Pandemie

Die wichtigste Schlussfolgerung lautet: Das Auto wird heute mehr geschätzt als vor der Pandemie. Das Auto wird mit Unabhängigkeit und Freiheit in Verbindung gebracht. Genau diese beide Aspekte haben nun an Bedeutung gewonnen, denn sie waren fast anderthalb Jahre lang eingeschränkt. 60 Prozent der befragten Europäer schätzen es heute mehr als vor der Pandemie, ein eigenes Auto zu ihrer Verfügung zu haben. Es verschafft uns Unabhängigkeit und hat einen zusätzlichen Wert als schützender Raum. 51 Prozent empfinden das Auto als Erweiterung des eigenen Zuhauses: „My Car is my Castle.“ 

Der emotionale Aspekt des Autos hat gegenüber dem eher rationalen und utilitaristischen an Bedeutung gewonnen. Das Auto ist nicht mehr einfach nur ein Werkzeug, das mich von A nach B bringt. Es ist zu einem Raum geworden, der mir ein Schutzgefühl vermittelt – im Gegensatz zu einer Reihe öffentlicher Verkehrsmittel. 

Andererseits hat die Pandemie das Spannungsverhältnis zwischen den Vorteilen eines eigenen Autos und den Bedenken wegen der damit verbundenen Umweltauswirkungen verstärkt. 46 Prozent der Befragten geben an, Covid-19 habe sie für die Umweltauswirkungen von Verbrennungsautos sensibilisiert. Generell suchen die Europäer verstärkt nach Formen des Fahrens, bei denen sie weniger Schuldgefühle haben. Das Konzept der „Mobilität ohne Schuldgefühle“ will die persönlichen Mobilitäts- und Schutzbedürfnisse mit den Umweltbedürfnissen vereinbaren. 

Vor diesem Hintergrund hat die Attraktivität des Elektroautos zugenommen, und die Verbraucher verbinden es mit sozialem Status. Elektroautos haben die Aura von Luxusautos, was wahrscheinlich vom „Tesla-Effekt“ herrührt. Fast die Hälfte der europäischen Bevölkerung (44 Prozent) hat vor, sich ein Elektroauto anzuschaffen, davon wollen 45 Prozent diese Anschaffung in den kommenden drei Jahren tätigen. Diese Art von Auto wird als beste Lösung angesehen, um die Umweltbelastung durch das Fahren zu reduzieren. Deshalb erwarten wir für die kommenden Jahre einen bedeutenden Impuls bei Elektrofahrzeugen.

Ein eigenes Auto zu haben, hat noch an Bedeutung gewonnen, und wir haben bestätigen können, dass dieser Trend in den kommenden Jahren zunehmen wird. 47 Prozent der Europäer, die vor der Pandemie angegeben hatten, dass sie kein Auto brauchen, ziehen heute den Besitz eines Autos vor. Andere wieder erwägen andere Alternativen der Mobilität, etwa Subskriptionsdienste ähnlich wie bei Contentplattformen. Dabei ist jedoch der Preis ein entscheidender Faktor.

Daraus folgt, dass der Absatz von Autos und insbesondere von Elektroautos ab dem letzten Quartal 2021 und besonders 2022 stark ansteigen wird. Dieser Anstieg wird die europäischen Hersteller vor neue Herausforderungen stellen: Werden sie die steigende Nachfrage nach diesen Autos befriedigen können? 

Einfach werden sie es nicht haben, denn aufgrund der Abhängigkeit von Komponenten aus anderen Weltregionen sind sie gegenüber den asiatischen Herstellern im Hintertreffen, insbesondere im Vergleich zu den chinesischen. Wir sehen das gerade jetzt im Juli 2021: Einige europäische Hersteller mussten trotz der hohen Nachfrage die Schichten reduzieren, da es ihnen an Halbleitern fehlt, und die sind für die Ladeelektronik der Autos von heute von grundlegender Bedeutung. 

Versorgungsengpässe bei Batterien

Der Produktionszuwachs bei Elektroautos hat die Versorgungsengpässe bei Batterien wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Gegenwärtig gibt es in Europa nur zwei Gigawerke für die Herstellung von Batterien, und das ist ganz offensichtlich zu wenig für die Nachfrage, die sich abzeichnet. Doch richtig ist auch, dass derzeit über 20 Projekte laufen, viele davon in Skandinavien, und wenn sie erst den Betrieb aufnehmen, können in ihnen zwischen 2022 und 2025 Batteriezellen mit einer Leistung von 430 Gigawattstunden (GWh) produziert werden. Damit lassen sich sieben Millionen Elektroautos ausstatten. Es liegt auf der Hand, dass die Unterstützung aus den europäischen Next-Generation-Fonds für die Entwicklung und Umstellung der Automobilindustrie Europas entscheidend sein wird.

Ein weiterer gewichtiger Faktor für die Bewertung des Automobils und des Mobilitätsbedarfs ist die Wahrscheinlichkeit eines Umzugs in ein anderes Wohnumfeld bei einem Teil der europäischen Bevölkerung. Aufgrund von Pandemie und Heimarbeit erwägt ein großer Teil der europäischen Bevölkerung, einen neuen, ausgewogeneren Lebensstil zu beginnen, bei dem das Homeoffice eine wichtige Rolle spielt.

Über ein Drittel der Europäer ziehen in Erwägung, aus den Stadtzentren in Vororte oder ländliche Gebiete zu ziehen. Besonders ausgeprägt ist diese Haltung in Großbritannien, wo mit 49 Prozent fast die Hälfte der Bevölkerung einen solchen Schritt in Erwägung zieht. In Deutschland hingegen denken nur 27 Prozent der Bevölkerung über einen solchen Schritt nach. Wir werden in den nächsten Monaten und Jahren sehen müssen, ob diese Überlegungen und Gedanken umgesetzt werden. Wenn sich dieser Trend bestätigt, steigt der Bedarf nach individueller Mobilität, und in diesem Bereich ist das Automobil die am besten positionierte Option.

Renault, PSA, Volkswagen und Daimler auf einem guten Weg

Unter dem Strich zeigt die Studie auf, dass Covid-19 die tiefgreifenden Veränderungen noch beschleunigt hat, die bereits vor der Pandemie im Mobilitäts- und Automobilsektor im Gange waren, vor allem die Elektrifizierung, Digitalisierung, die neue urbane Mobilität und den E-Commerce. Veränderungen, die sonst vermutlich ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen würden, werden sich beschleunigen und in viel kürzerer Zeit erfolgen. 

Es besteht kein Zweifel: Das Automobil hat an Wertschätzung und Bedeutung gewonnen, und es steht ihm eine vielversprechende Zukunft bevor. Doch es wird sich um ein Automobil und eine Mobilität handeln, die sich stark von der unterscheiden wird, die wir aus dem 20. und dem frühen 21. Jahrhundert kennen. Die Mobilität wird elektrisch sein, und das ab 2035 geltende Produktionsverbot der Europäischen Kommission für Autos mit Verbrennungsmotoren legt davon Zeugnis ab.

Die Transformation der Industrie in den kommenden zehn Jahren wird von grundlegender Bedeutung sein, und es wird sich zeigen müssen, ob es den etablierten Herstellern gelingen wird, ihre Marktführerschaft zu halten oder ob einige der neuen Mitbewerber wie zum Beispiel die chinesischen Elektroautohersteller oder die US-Technologiegiganten tonangebend sein werden. Hersteller wie die Renault Groupe, PSA (jetzt Teil von Stellantis), Volkswagen Group oder Daimler Mercedes-Benz haben die Erfahrung machen müssen, dass der Wandel sehr viel schneller als gewohnt erfolgen muss. Doch es scheint, sie sind auf dem richtigen Weg.

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