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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Mobilitäts- und Flottenmanagement in bewegten Zeiten

Christian Grotemeier, Hochschulprofessor für Mobilitätsmanagement und BWL an der Hochschule RheinMain
Christian Grotemeier, Hochschulprofessor für Mobilitätsmanagement und BWL an der Hochschule RheinMain Foto: privat

Arbeitgeber haben viele Trümpfe in der Hand, um die Mobilitätswende mit zu gestalten, schreibt Christian Grotemeier, Professor an der Hochschule RheinMain. Im Standpunkt erläutert er, welche Hebel er dabei sieht.

von Christian Grotemeier

veröffentlicht am 09.09.2022

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Fünf Jahre sind eigentlich ein überschaubarer Zeitraum. Alle fünf Jahre wird zum Beispiel der Bundespräsident gewählt, und auch in vielen Bundesländern finden im Fünfjahresturnus Landtagswahlen statt, wie in vier Wochen in Niedersachsen. Blickt man mit der Brille eines Mobilitätswissenschaftlers auf die Veränderungen und Krisen in den vergangenen fünf Jahren, wird einem beinahe schwindelig: Die Corona-Pandemie hat das Land beinahe zum Stillstand gebracht und war gleichzeitig Katalysator für viele Aspekte des New Work.

Es klingt paradox, aber mobiles Arbeiten kann das Verkehrsaufkommen reduzieren. Schon im Jahr 2018 hatten deutsche Gerichte bereits angefangen, Verkehrspolitik zu machen und Dieselfahrverbote in Städten erlassen. Greta Thunberg hat erstmalig die Schule für das Klima bestreikt und damit die weltweite „Fridays for Future“-Bewegung begründet, die bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie sehr sichtbar regelmäßig für den Klimaschutz demonstriert hat.

Die Politik hat auf unterschiedlichen Ebenen große Klimaschutzprogramme und -gesetze beschlossen. Diese reichen vom EU-Gesetzespaket Fit-for-55 über das Bundes-Klimagesetz bis hin zum ersten Mobilitätsgesetz, das auf Landesebene in Berlin beschlossen wurden. Tesla hat in diesem Zeitraum mit dem angebotenen Model 3 viele Automobilhersteller in Sachen Elektromobilität überflügelt und vor allem die Fantasien der Aktionäre ins Unermessliche befeuert.

Vielleicht mehr als nur eine verkehrspolitische Fußnote ist die vom damaligen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) erlassene Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung, mit der nun auch E-Scooter rechtmäßig in deutschen Städten unterwegs sind.

Was können wir nun wissen und was hoffen?

Wir wissen, dass wir mitten in einer großen Transformation der Mobilität sind und es diesmal kein Werbeslogan von Beratungsunternehmen oder der Automobilindustrie ist. Die Veränderungen betreffen alle Unternehmen der Mobilitätswirtschaft und werden auch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes erfassen. Ein Gewinner dieser Transformation lässt sich bereits klar ausmachen, und das ist das Fahrrad in all seinen Ausbaustufen – als E-Bike, Lastenrad oder ganz klassisch. Radverkehr ist einfach zu schön, um wahr zu sein: Er ist günstig, klimaneutral und gesund, allein, es fehlt noch an guter Infrastruktur.

Aus Sicht vieler Bürgerinnen und Bürger war der klimafreundliche ÖPNV dagegen nur in diesem Sommer richtig günstig. Ob der ÖPNV eine größere Rolle bei der Mobilitätswende spielen wird, ist nicht sicher. Dies wird davon abhängen, ob der Bund und die Länder ihre finanzpolitischen Prioritäten ändern und ob die Unternehmen und Organisationen des ÖPNV in der Lage sind, die Agilität und das Tempo aus dem Neun-Euro-Sprint auch auf der Langstrecke zu zeigen.

Die aktuellen Verwerfungen an den Strom- und Gasmärkten machen hingegen klar, dass der Kostenvorteil für Elektroautos gegenüber konventionellen Verbrennern so schnell schmelzen kann wie Eis in der Sonne. Die letzten Wochen waren dem „Business Case Elektromobilität“ neutral formuliert zumindest nicht zuträglich.

Ohne Zweifel steht die Politik mit Blick auf den russischen Krieg in der Ukraine vor immensen Herausforderungen. Gleichwohl lassen Tankrabatt, Neun-Euro-Ticket, das neue Klima-Sofortprogramm des Bundesverkehrsministeriums sowie das dritte Entlastungspaket eine klare verkehrs- und klimapolitische Linie vermissen. Es bleibt zu hoffen, dass Verkehrspolitik zukünftig nicht wieder häufiger durch Gerichte gemacht wird. Man darf jedenfalls sehr gespannt sein, wie sich das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zur jüngsten Klage der Deutschen Umwelthilfe verhält.

Das Flotten- und Mobilitätsmanagement der Unternehmen

Es sind bewegende Zeiten im Bereich Mobilität, aber ein konsequenter Kurs zu mehr Klimaeffizienz bei Fahrzeugauswahl und -einsatz sowie eine konsequente Digitalisierung und Vernetzung der Angebote sind gute Voraussetzungen für ein zukunftsfähiges Flottenmanagement. Im Vergleich zu vielen anderen Beteiligten der Mobilitätswende haben Arbeitgeber mit dem betrieblichen Mobilitätsmanagement viele Trümpfe in der Hand, die die Unternehmen zu einem sehr wichtigen Treiber der Mobilitätswende machen.

Die Diskussionen um das Dienstwagenprivileg zeigen, welch hohe Relevanz die Unternehmen für den Neuwagenmarkt haben und damit auch indirekt Einfluss auf die Modellpolitik der Automobilhersteller. Wozu die Arbeitgeber noch in der Lage sind, sieht man ebenfalls am starken Zuwachs des Dienstrad-Leasings und dem steigenden Angebot von digitalen Lösungen für das Mobilitätsbudget.

Aber die größte Wirkung können die Arbeitgeber dadurch erzielen, dass sie ihre Mitarbeiter:innen über klimaschonende Angebote informieren, eine Infrastruktur bereitstellen und ihnen hierzu Angebote machen. Die Unternehmen sind viel glaubwürdiger als die Mobilitätsdienstleister, da sie nicht vom Vertrieb profitieren und die Angebote günstig bzw. kostenfrei zur Verfügung stellen können. In den aktuellen Zeiten ist das ein gewichtiges Argument.

Christian Grotemeier spricht heute auf der Nationalen Konferenz für betriebliche Mobilität.

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