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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Ohne zufriedene Beschäftigte keine Verkehrswende

Jens Schwarz, Vorsitzender Konzernbetriebsrat der Deutschen Bahn
Jens Schwarz, Vorsitzender Konzernbetriebsrat der Deutschen Bahn Foto: Konzernbetriebsrat DB AG

Die Bahnbranche leidet derzeit an vielen Stellen an Personalmangel – auch durch hohe Krankenstände. Das sind nicht nur die Nachwehen des Neun-Euro-Sommers. Die Arbeitsbedingungen müssen rasch verbessert werden, wenn eine Nachfolge-Lösung Erfolg haben soll.

von Jens Schwarz

veröffentlicht am 28.09.2022

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In der Sondersitzung der Verkehrsministerkonferenz am 19. September 2022 haben sich Bund und Länder darauf geeinigt, zum 1. Januar 2023 eine Nachfolgeregelung des Neun-Euro-Tickets einzuführen. Grundsätzlich ist dieser Bund-Länder-Beschluss zu begrüßen, da ein bundesweit attraktiver Nahverkehr maßgeblich für die Verkehrswende ist und zudem dazu beiträgt, die Ziele der Klimaschutzpolitik zu erreichen. Allerdings ist die noch offene Frage nach der Finanzierung eines Nachfolgetickets nicht die einzige Hürde auf dem Weg zu einer erfolgreichen Verkehrswende.

Neun-Euro-Sommer deckt Kapazitätsengpässe auf

Die Einführung des Neun-Euro-Tickets stellte die gesamte Verkehrsbranche vor ungeahnte Herausforderungen und deckte Kapazitätsengpässe in allen Bereichen auf – Infrastruktur, Fahrzeuge und Personal. Entgegen einzelnen Aussagen resultieren diese Kapazitätsengpässe nicht nur aus der Einführung des Neun-Euro-Tickets, sondern aus einer jahrelangen Fehleinschätzung des zukünftigen Mobilitätsbedürfnisses. Mit den Folgen dieser Fehleinschätzung sieht sich auch die Deutsche Bahn konfrontiert.

Da es sich um ein bundeseigenes Unternehmen handelt, ist das Interesse der Öffentlichkeit groß. Insbesondere der erforderliche Aus- und Neubau der Infrastruktur, die Fahrzeugverfügbarkeit und die Personalsituation werden immer wieder öffentlich diskutiert. Aktuell richtet sich der Fokus auf den Personalmangel bei der Deutschen Bahn, der weder neu noch von der Hand zu weisen ist. Ungeachtet dessen räumt der Konzernvorstand lediglich „punktuelle Personalengpässe“ ein und verweist im Gegenzug auf die hohen Einstellungszahlen.

Per Juli 2022 hat die Deutsche Bahn zwar mehr als 21.000 neue Mitarbeitende rekrutiert, allerdings sagt diese Zahl nichts über den einsatzfähigen Personalbestand aus. Tatsächlich einsatzfähig per Juli 2022 waren rund 12.200 Kolleg:innen. Dieser quantitative Unterschied ist vor allem der hohen Fluktuation im Unternehmen geschuldet. Hinsichtlich der Mitarbeitendenbindung besteht dringender Handlungsbedarf bei der Deutschen Bahn.

Frust macht sich breit

Hand aufs Herz, die Bilanz des Neun-Euro-Tickets fiel vor allem aufgrund der hohen Verkaufszahlen so positiv aus. Die Bilanz unserer Kolleg:innen im operativen Geschäft, die an ihre Belastungsgrenzen und darüber hinaus gebracht wurden, fällt wenig überraschend etwas anders aus. Selbst nach Ende des Aktionszeitraums berichten Beschäftigte aus verschiedenen Bereichen der Deutschen Bahn immer wieder, dass Schichten teilweise nicht besetzt werden können, sie vermehrt Überstunden leisten müssen oder gar ihren Urlaub nicht nehmen können, weil einsatzfähiges Personal fehlt.

Die betreffenden Kennzahlen zeigen, dass wir hier nicht nur von subjektiv wahrgenommenen Missständen sprechen. Im Systemverbund Bahn in Deutschland haben unsere Kolleg:innen mittlerweile weit mehr als 6 Millionen Überstunden angehäuft und auch die offenen Urlaubsansprüche erhöhen sich aufgrund des herrschenden Personalmangels.

Diese physische und psychische Überlastung demotiviert unsere Kolleg:innen, macht sie sogar krank. Entsprechend steigen die Krankenstände, wodurch sich die ohnehin kritische Personalsituation weiter verschärft. Als Folge dessen entscheiden sich inzwischen auch langjährig Beschäftigte dafür, das Unternehmen zu verlassen. Das Know-how, das in diesem Fall der Deutschen Bahn verloren geht, ist von unschätzbarem Wert und lässt sich nicht ohne Weiteres ersetzen.

Es braucht gute Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen

Ohne ausreichend einsatzfähiges Personal wird sich ein Nachfolgeticket nicht effektiv umsetzen lassen. Fortwährende Verspätungen und Ausfälle im Nahverkehr aufgrund von Personalengpässen wären kontraproduktiv für die Verkehrswende und würden erste Verlagerungseffekte verpuffen lassen. Ein langfristiger Erfolg lässt sich nur gewährleisten, wenn sowohl die Bedürfnisse der Fahrgäste als auch die Bedürfnisse der Beschäftigten der Verkehrsbranche berücksichtigt werden. So sollte sich eine zukunftsfähige Mobilität zum einen durch einen bundesweit einheitlichen Tarif mit digitalen Angeboten auf einer soliden Infrastruktur auszeichnen, zum anderen durch gute Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen.

Gute Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen sind auch ein Zeichen von Anerkennung und Wertschätzung für die Menschen, die uns wortwörtlich tagtäglich bewegen. Dafür setzen wir uns ein.

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