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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Pro Verkehrswende: Krieg und Krisen als Alarmsignal

Dennis Kazooba
Dennis Kazooba

Früher war mehr Lametta, das dürfte in Deutschland die neue Wohlstandsrealität sein, nachdem sich die Dinge nach Pandemie und Krieg neu geordnet haben. Für die Verkehrswende muss das keine schlechte Nachricht sein. Denn Verhalten ändert sich langsam und nur, wenn es muss.

von Dennis Kazooba

veröffentlicht am 22.12.2022

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2022 war kein verlorenes Jahr. Eigentlich schien für Europa der Zeitpunkt gekommen, die Coronakrise größtenteils hinter sich zu lassen und in einem Wachstumsumfeld die Rückkehr zu Vorkrisenniveaus zu schaffen. Doch es kamen Krieg und Inflation, von Wachstum ist keine Rede mehr. Ein Weiter-so-Wachstum und die Verkehrswende, das passt auch nicht zusammen. 

Das fängt schon beim eingesetzten Material an. Die multiplen Krisen der letzten Jahre haben für weniger Verkehr gesorgt, zeitweise für drastisch weniger. Flugzeuge und Schiffe (abgesehen von Containerschiffen) wurden weniger gebraucht, der Effizienzdruck auf Airlines und Reedereien stieg.

Flugzeugparkplätze und -friedhöfe füllten sich. Und über alle Schiffsarten hinweg haben die Reedereien im vergangenen Jahr über 700 Frachtschiffe an Schrotthändler verkauft. Das ist ein Fünftel mehr als 2020. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Flotten dauerhaft kleiner bleiben. Airbus, Boeing und die großen Werften haben volle Auftragsbücher und gute Verkäufe. Die starken Nachfrageschwankungen und die hohen Energiepreise haben die Flottenerneuerung beschleunigt, es lohnt sich einfach. Neue Schiffe und Flugzeuge haben eine wesentlich geringere Klimawirkung als die ältesten Exemplare in den Flotten. Sie erlauben mehr Digitalisierung und Vernetzung – ein Gewinn für die Verkehrswende auf globaler Ebene.

In Deutschland wurde es für alle teurer, besonders der Energieverbrauch. Was teurer wird, wird auf lange Sicht weniger genutzt. Kurzfristig gilt jedoch: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, so schnell ändert sich das Mobilitätsverhalten nicht. 2022 war das Jahr des Schocks, der mit Tankrabatten und Preisdeckeln abgemildert werden soll. Welche Konsequenzen die Bürger aus den Preisschocks langfristig ziehen, das wird sich noch zeigen.

Zu den knappen Ressourcen der Verkehrswende gehört die gesellschaftliche Akzeptanz. Sie zu erhöhen, das geht nur durch Probieren und Lernen. Aus dieser Perspektive war das Neun-Euro-Ticket ein großer Wurf, den es ohne Krise wohl nicht gegeben hätte. Das Nahverkehrs-System mag teils an seine Grenzen gekommen sein, doch das zeigt ja nur den Erfolg der Aktion. Auch das geplante Nachfolgeticket für 49 Euro trifft in der Bevölkerung auf Zustimmung. Für die Rolle des ÖPNV im Verkehrssystem und in der Politik war 2022 ein gutes Jahr.

Alleine in einem anderthalb Tonnen schweren Auto durch die Gegend zu brettern, das hat in den jüngeren Generationen schon länger deutlich an Strahlkraft verloren. Der Preisschub tut das übrige. Sich für 40.000 Euro ein mittelmäßiges Auto kaufen? Da fällt so manchen nach 1980 Geborenen mit Mittelschichtsjobs doch viel anderes ein, was sie mit dem Geld lieber täten.

Der Wunsch nach Nachhaltigkeit, die urbane Vision von einer saubereren Straßenlandschaft stehen für einen Veränderungswillen, der sicher nicht nachlassen wird. Es wachsen Generationen nach, die ideell vieles infrage stellen und dafür bereits hart angegangen werden. Doch die Zeit ist auf ihrer Seite. Die Krisen in der Welt schärfen dabei den Blick für das Offensichtliche: So wie bisher kann es nicht ewig weitergehen. 

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