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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Radlogistik als Baustein lebenswerter Innenstädte

Jan Strehmann, Referatsleiter Mobilität beim Deutschen Städte- und Gemeindebund
Jan Strehmann, Referatsleiter Mobilität beim Deutschen Städte- und Gemeindebund Foto: Referatsleiter Mobilität und Wirtschaft, Deutscher Städte- und Gemeindebund

Innenstädte und Ortskerne sind die Visitenkarten unserer Kommunen. Um diese Orte zukunftsfest zu gestalten, gibt es viele Stellschrauben, schreibt Jan Strehmann. Eine davon ist die Radlogistik, erläutert der Referatsleiter Mobilität und Wirtschaft beim Deutschen Städte- und Gemeindebund in seinem Standpunkt.

von Jan Strehmann

veröffentlicht am 28.09.2021

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Ob Warenhaus, Shoppingcenter oder Click and Collect, ob Einkaufsstraße, Fußgängerzone oder Flaniermeile – Handel und Innenstädte erfinden sich immer wieder neu. Doch die Geschwindigkeit, mit welcher der Onlinehandel wächst, stellt die Stadtentwicklung vor besondere Herausforderungen. Während 2010 der Onlineanteil am Umsatzvolumen noch weniger als 5 Prozent betrug, waren es 2020 schon 12,6 Prozent. Im Non-Food-Bereich könnten es 2021 sogar 20 Prozent werden. Die im Zuge der Lockdowns eingebrochene Passantenfrequenz hat Folgen: mehr als 100.000 Einzelhandelsstandorte stehen nach Schätzungen des Handels vor der Schließung. Der Einzelhandel bleibt zwar der Top-Besuchsgrund für die Innenstädte, die Kommunen suchen bundesweit aber nach neuen Funktionen für die Belebung ihrer Zentren. Dabei spielen Klimaschutz und Verkehrswende eine immer wichtigere Rolle.

Runde Tische, Förderprogramme und Innenstadtkonzepte

Bund und Länder übertreffen sich seit den dramatischen Entwicklungen des letzten Jahres mit Aktionsplänen, Wirtschaftshilfen und Förderprogrammen, um die Innenstädte zu retten. Und ja, die Kommunen und der Handel benötigen diese Unterstützung dringend! Die Kommunen setzen auf Dialogprozesse, städtebauliche Masterpläne und passgenaue Zentrenkonzepte. Viele Planungen liegen bereit. Die Handlungsfelder reichen von der Aufwertung des öffentlichen Raums, über Zwischennutzung bis zur gezielten Förderung von Gastronomie, Handwerk oder sozialen Einrichtungen. Ziele sind eine resiliente Nutzungsmischung, die Steigerung der Frequenz, aber auch mehr Aufenthaltsqualität für Einheimische und Gäste sowie der Klimaschutz. Auf der vom DStGB mitinitiierten Plattform „Stadtimpulse“ werden Maßnahmen gelungener Innenstadtgestaltung aus unterschiedlichen Städten und Gemeinden vorgestellt.

Nachhaltige Mobilität konsequent mitdenken

Eine gute ÖPNV-Anbindung sowie eine bessere Fußverkehrs- und Radinfrastruktur sorgen für lebenswerte Innenstädte und sind kein Frequenzkiller. Aufwand und Abstimmungsprozesse zur Umsetzung der Verkehrswende in dicht bebauten Citylagen sind aber besonders herausfordernd. Neben der Infrastruktur sollte auch bei weiteren Handlungsfeldern der Zentrenentwicklung nachhaltige Mobilität und emissionsfreie Logistik mitgedacht werden. Bei neuen Formen des Einzelhandels, der Zwischennutzung oder des urbanen Wohnens kann das Lastenrad jetzt seine Stärken ausspielen. In Würzburg verbindet man Same-Day-Delivery mit einer emissionsfreien Lieferung lokaler Produkte. Mit dem Lastenrad erfolgt beim Projekt WüLivery die Zustellung von Bestellungen vom lokalen Handel so gut, dass immer mehr Stadtteile angefahren werden können.

Bei geringer Stoppdichte und kurzen Anfahrtswegen kann auch die Paketzustellung mittels Radlogistik gut funktionieren. Ludwigsburg setzt für die notwendigen Mikrodepots im Franck-Areal auf die Zwischennutzung einer leerstehenden Gewerbeimmobilie und auf anbieterübergreifende Kooperation. Die Kommunen können Initiator sein und Logistikkonzepte mittels einer Förderrichtlinie des BMVI anstoßen. Wichtig ist aber auch, dass die Branche selbst den Umstieg stärker vorantreibt.

Urbane Produktion und Lastenrad – ziemlich beste Freunde?

Durch die Ausweisung städtischer Lagen als „urbane Gebiete“ nach der Baunutzungsverordnung kann die Grundlage für einen Anteil von produzierendem Gewerbe geschaffen werden. Gerade für die eher stadtverträgliche Kleinserienproduktionen kann das Lastenrad nicht nur logistisch Sinn ergeben. Für Gründende und Pioniere in urbanen Zentren spielt Nachhaltigkeit oft eine besondere Rolle, die von der Beschaffung über das Produkt bis zur Auslieferung sowie für die Vermarktung genutzt werden kann. Auch Makerspaces, Repair-Cafés und weitere Begegnungsorte, die zur Belebung der Innenstädte beitragen, könnten durch Sharing-Angebote nicht nur Räume und Technik, sondern die Transportmöglichkeiten gleich mitvermieten.

Der Verkehrsraum bleibt begrenzt

Radlogistik alleine rettet nicht unsere Innenstädte, kann aber im Sinne stadtverträglicher Logistik ein Bestandteil zeitgemäßer Innenstadtkonzepte sein. So kann aus Vorzeigeprojekten mehr werden. Denn die wachsende City-Logistik sorgt nicht nur auf den Straßen für Konflikte. Die Planenden der Kommunen suchen händeringend nach Lösungen, wie der Straßenraum so umverteilt werden kann, dass unsere Zentren attraktiver für Arbeiten, Wohnen, Einkaufen und Freizeit werden, gleichzeitig aber die Güterversorgung und das wachsende Paketaufkommen bewältigt werden können. Mit verkehrlichen Regelungen und schlauer Infrastruktur, wie modalen Filtern, können Kommunen die Radlogistik fördern.

Die viel beschworene Neuverteilung des Verkehrsraums wird aber erst Akzeptanz erfahren, wenn alle in der Innenstadtentwicklung involvierten Akteursgruppen nachhaltige Mobilität und Logistik konsequent mitdenken und die Vorteile erkennen. Hierfür braucht es ein Bewusstsein bei Citymanagement und Stadtplanung, aber auch die Bereitschaft von Wirtschaft, Handel und der Logistikbranche. Der Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf plant nun, einen Großteil der Paketsendungen entlang der Kantstraße per Lastenrad zustellen zulassen. Anstelle blockierter Pop-up-Bikelanes, sollen Lieferzonen für Lastenräder für Ordnung sorgen und den Anbietern den Umstieg schmackhaft machen. Die Idee: Wer Alternativen aufgezeigt bekommt, dem gehen auch beim Zweite-Reihe-Parken die Argumente aus.

Jan Strehmann spricht am Mittwoch dazu auch auf der heute startenden 2. Nationalen Radlogistik-Konferenz in Frankfurt am Main. 

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