Standpunkt Ringen um das Lade-Geschäft

Sebastian Crusius kennt die E-Mobilitätsbranche seit Jahren: Bei der Roaming-Plattform Hubject arbeitete er in leitender Position, zudem gehörte er zum Gründerteam des Vorteilsprogramms Global Electric Club. In seiner heutigen Position als Berater für neue Mobilität schreibt er im Standpunkt über das Rennen zwischen Autoherstellern und Energieversorgern um das Geschäft mit dem Laden.

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Dass der Strom als Kraftstoff des Elektrofahrzeugs von größter Bedeutung für den Durchbruch der Elektromobilität ist, wusste wohl schon der französische Physiker Gustave Trouvé, der für seine Erfindung des ersten Elektrofahrzeugs im Jahr 1881 bekannt wurde. Heute ist das Thema Ladestrom für Elektrofahrzeuge bedeutender denn je zuvor. Denn einerseits ist es für die Automobilhersteller die größte Chance, ihre Kunden zu Hause, beim Arbeitgeber und unterwegs mit Strom zu versorgen. Andererseits ist diese Versorgung von Haushalten und Unternehmen mit Strom die klassische Domäne der Energieversorger und Stadtwerke.

Zuerst zu den Automobilherstellern: Als erste Produzenten wie Renault, BMW, Opel oder Nissan innerhalb der vergangenen acht Jahre in den Markt für elektrische Serienfahrzeuge einstiegen, wollten sie dem Kunden alle Fragen rund um das Laden beantworten. Dazu setzten viele dieser Unternehmen auf Kooperationen mit Energieversorgern. Damit konnten sie auch ungeliebte Aufgaben wie die Installation von Wallboxen oder den Zugang zu öffentlichen Ladesäulen durch Lieferanten und Partner lösen lassen.

Die Retrospektive zeigt, dass zahlreiche dieser gemeinsamen Engagements heute bereits versandet sind. Um ein Schnellladenetzwerk entlang der Autobahnen in Europa aufzubauen, startete 2017 das Konsortium Ionity, das ausschließlich von Automobilherstellern gegründet wurde und ohne Energieversorger in seinem Bund auskommt. Trotz aller Erfolge des Konsortiums beim Aufbau des Lade-Netzwerks machte es zuletzt wegen der Preise an seinen Ladesäulen Schlagzeilen. 

VW hat Preis für Wallboxen fast halbiert

Künftig umfassen die attraktiveren Disziplinen im Rennen um den Kunden vor allem das Laden zu Hause oder beim Arbeitgeber, wo nach Aussagen der Nationalen Plattform Mobilität der Zukunft etwa 85 Prozent der Ladevorgänge stattfinden. Inzwischen ist jedem Automobilhersteller klar, dass die Elektromobilität die einzige Möglichkeit ist, die Klimaziele aus dem Pariser Klimabkommen zu erreichen.

Damit wird auch bei Herstellern wie Volkswagen alles auf „E“ gesetzt und das Portfolio mit den batteriebetriebenen Automobilen um passende Serviceangebote rund um das Mieten, Parken und Laden erweitert. Nachdem die Wolfsburger bereits im Frühjahr 2019 ein eigenes Ökostrom-Produkt für Privatkunden in Deutschland lancierten und damit quasi den Blinker für das Überholen der Energieversorger gesetzt haben, ist der jüngste Start der Volkswagen-Wallbox zum Laden von Elektrofahrzeugen vermutlich vergleichbar mit einem Kickdown, also dem Durchtreten des Gaspedals.

Die Preise dieser Produkte starten für den Privathaushalt bei 399 Euro, wodurch die Marktpreise von Energieversorgern und Elektroinstallateuren fast halbiert werden – ohne dass man in diesem Segment bereits von einem Markt sprechen kann. Gleichzeitig werden neue Vertriebswege wie Online-Shops genutzt, um die Autohändler mit anspruchsvollen Fragen zu Genehmigungen, Zählern und Installation der Ladeeinrichtung zu verschonen. Das steigert die Margen und Skaleneffekte und bringt auch international Reichweite. Autohersteller profitieren daher vom „Erstkundenkontakt“ im Zusammenhang mit dem Kauf des Elektroautos und eröffnen Fahrern von Elektrofahrzeugen ein neues Ökosystem – Versicherung, Parken, Wartung und Strom selbstverständlich im Kauf oder Monatstarif inklusive.    

Energieversorger haben Vorteil der räumlichen Nähe

Während sich die E-Autobauer mit den genannten Maßnahmen auf zurückgehenden Fahrzeugabsatz, die Etablierung neuer Services und den Strom als neuen Kraftstoff einstellen, haben auch Energieversorgungsunternehmen das Thema Laden voll auf ihre Agenda gesetzt. Gleichzeitig ist der Leidensdruck sowohl bei großen Energieversorgern als auch kommunalen Stadtwerken aufgrund der vergleichsweise kleinen Zahl von Elektrofahrzeugen auf den Straßen aktuell noch gering. Zumal ihre „Tarifwechsler“, also preisgetriebene Kunden, über die vergangenen Jahre vor allem durch Vergleichsplattformen wie Verivox oder Check24 motiviert wurden, nicht durch Strom von Automobilherstellern. 

Das größte Potenzial ergibt sich für die Energieunternehmen aus der laufenden Versorgungsbeziehung mit jedem Privathaushalt und Unternehmen, den Vertrauensvorschuss bei vielen Energiethemen und häufig durch regionale Nähe. Zum öffentlichen Laden von Elektrofahrzeugen reichen die Angebote zahlreicher Stromversorger bereits heute. Plattformen zur Verbindung von Stromverbrauchern, Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern sowie Apps für die intelligente Verbindung und das Monitoring von Elektrofahrzeugen sind dabei der konsequente nächste Schritt. Rückenwind erhalten die Energieunternehmen dabei häufig durch Netzwerke mit Installationspartnern und bestehenden Kundencentern.   

Im Rennen um den Kunden stellt sich natürlich noch die Frage nach der Finanzierung und den Talenten. Dazu arbeiteten jüngst sogar Spitzenverbände der Automobilhersteller, Energieversorger und Wohnungswirtschaft gemeinsam am Thema Ladeinfrastruktur und legten der Bundesregierung konkrete Förderungsvorschläge vor. Schließlich ist es für alle genannten Akteure noch ein großes Fragezeichen, wie sich mit Produkten rund um das Laden zeitnah Geld verdienen lässt.

Kleinere Unternehmen sichern sich Teile der Wertschöpfung

Hinzu kommt die Perspektive auf die langfristigen Einnahmequellen. Autobauer und Energieversorger müssen heute bereits Schlüsselaktivitäten in der Wertschöpfung Dritten überlassen. So können sich Akteure wie der niederländische Wallbox-Hersteller EVBox oder der österreichische Softwareanbieter has.to.be bereits als Profiteure in diesem Rennen sehen, da sie die großen Marken mit Hardware und Software ausstatten.   

Schließlich ist noch die Frage der richtigen Fähigkeiten und Kompetenzen offen. Während die Plätze auf den klassischen Management-Positionen bei den Autoherstellern weiterhin an exzellente Ingenieure vergeben werden, erfordern die neuen Domänen für Automobil und Energie deutlich mehr Einblick in die gesamte Wertschöpfungstiefe und die Fähigkeit, sich Wissen für diese digitalen Themen anzueignen. 

Was im Rennen um den Kunden die Autobauer und Energieversorger verbindet, sind zunächst Spitzenplätze durch emotionales Marketing, große Budgets und bestehende Kundenzugänge. Ob das zum Erreichen der Ziellinie genügt, hängt jetzt von den richtigen Management-Entscheidungen und dem Talent zum Lenken großer Maschinen auf neuem Terrain ab.

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