Standpunkt Tanken statt aufladen

Es ist nicht der Verbrenner, von dem wir uns verabschieden müssen, sondern es sind fossile, schadstoffreiche Kraftstoffe wie Diesel, meint Bart van Aerle, Vice President, Strategy & Product Planning bei Westport Fuel Systems. Er plädiert dafür, sie durch erneuerbare gasförmige Kraftstoffe zu ersetzen.

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Minus 55 Prozent – das ist das neu gesteckte europäische Klimaziel bis 2030. Der Beschluss der EU-Mitgliedstaaten, das ursprüngliche Emissionsreduktionsziel zu verschärfen, ist ein wichtiges Signal im Kampf gegen den Klimawandel. Nun kommt es auf schnelle Lösungen an. Flüssigerdgas (LNG), insbesondere Bio-LNG, kann und muss dabei eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung des internationalen Straßentransports spielen. 

Verkehr verbindet Menschen, Städte, Länder und Volkswirtschaften – wie wichtig er für unser tägliches Leben ist, macht auch die Covid-19-Pandemie deutlich, die Lieferketten und den Warenverkehr stark belastet. Doch der Transportsektor bleibt eine der Hauptquellen für Umweltbelastungen in Europa und ist für ein Viertel der CO2-Emissionen der EU verantwortlich. Ein grüner Aufschwung nach der Krise bietet eine einmalige Gelegenheit, unser Transportsystem und die Art und Weise, wie wir Menschen und Güter in Zukunft bewegen, nachhaltig zu verändern.

Auf alle marktreifen Technologien setzen

Aktuelle politische Entwicklungen heizen die Debatte über das bevorstehende Aus des Verbrennungsmotors an. Doch es ist nicht der Verbrenner, von dem wir uns verabschieden müssen, sondern fossile, schadstoffreiche Kraftstoffe wie Diesel – indem wir sie durch erneuerbare gasförmige Kraftstoffe ersetzen. 

Um die Klimaziele schnellstmöglich zu erreichen und eine grünere Zukunft zu schaffen, sollte die EU weiterhin auf eine innovative Kombination aller marktreifen Technologien setzen. Alle Bestrebungen auf Elektromobilität zu fokussieren und andere klimafreundliche, kostengünstigere Antriebsalternativen systematisch auszuklammern, kann weder kurz- noch langfristig die Lösung sein. 

E-Mobilität mag für den städtischen Personenverkehr eine praktikable Option sein, nicht aber für den Schwerlast- und Langstreckenverkehr, wo die Anforderungen andere sind und die Elektrifizierung an ihre Grenzen stößt: lange Ladezeiten, niedrige Reichweiten bei gleichzeitig dürftiger Ladeinfrastruktur, Schwachstellen hinsichtlich Batterieproduktion, -kosten und -gewicht – um nur einige zu nennen. 

Der Gasantrieb ist derzeit die einzige technisch und wirtschaftlich sinnvolle Antriebsalternative im internationalen Straßentransport, der die Anforderungen an Leistung, Reichweite und Drehmoment eines Langstrecken-Lkws erfüllt und die CO2-Emissionen sofort reduzieren kann. Nur mit Hilfe solcher Sofort-Lösungen kann der Transportsektor, mit mehr als sechs Millionen schweren Nutzfahrzeugen auf Europas Straßen, den notwendigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Klimaneutralität Wirklichkeit werden lassen

Erneuerbare Gase haben durch ihre negative CO2-Bilanz das Potenzial, den Schwerlastverkehr und die Schifffahrt schnell und kostengünstig zu dekarbonisieren. Ihr Ökosystem ist ein wunderbares Beispiel für eine gelingende Kreislaufwirtschaft, die Mobilität mit erneuerbarer Energie und Landwirtschaft verbindet. Organische Rückstände, das heißt bereits verfügbare nachhaltige Rohstoffe, werden zur Erzeugung von Biomethan verwendet. Dieses wird mit negativen Kohlenstoffemissionen zu Bio-LNG verflüssigt, indem Methan aufgefangen wird, das andernfalls in die Atmosphäre entwichen wäre.

Durch die Umstellung von Diesel auf LNG können die CO2-Emissionen im Schwerlastverkehr bereits heute um 20 Prozent reduziert werden. Durch die Verwendung von Biomethan-Mischungen – oder mittelfristig von 100 Prozent Netto-Null-Bio-LNG – kann eine noch größere Reduktion erzielt werden, mit dem Potential eines klimaneutralen Transports in nur wenigen Jahren

Das macht Bio-LNG zur besten Lösung für ein nachhaltiges, zukunftsträchtiges Transportwesen. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 die gesamte Erdgas-Fahrzeugflotte in Europa zu 40 Prozent mit Bio-LNG betrieben wird, was die Gesamtemissionen um 55 Prozent senkt. Langfristig können die CO2-Emissionen im Transportsektor so um 90 Prozent reduziert werden.

Ich glaube an (Bio-)LNG als eine unverzichtbare Technologie auf dem Weg zu einem klimaneutralen Europa. Unser strategischer Fahrplan für den Schwerlast- und Fernverkehr sollte sich daher auf eine „One-for-all“-Lösung fokussieren, die auf dem klassischen Verbrennungsmotor basiert und für alle gasförmigen Kraftstoffe verwendet werden kann.

Für schwere Nutzfahrzeuge beginnt dieser Weg mit fossilem LNG und Biomethan-Mischungen, die in naher Zukunft durch 100 Prozent Bio-LNG oder sogar Wasserstoff ersetzt werden. Die dafür notwendige Technologie ist bereits heute auf den Straßen unterwegs. Länder wie Schweden haben schon auf Bio-LNG umgestellt. 

Industrie zunehmend unter Druck

Wir beobachten eine steigende Nachfrage nach schnellen, erschwinglichen und umweltfreundlichen Transportlösungen von Flottenbetreibern und Logistikunternehmen wie Amazon, die ihrem Klimaversprechen gerecht werden wollen. Der erhöhte finanzielle Druck, den die Krise mit sich bringt, verstärkt die Nachfrage nach wirtschaftlichen Lösungen. Unter keinen Umständen sollte die Politik zulassen, dass Diesel-Lkw aufgrund fehlender Anreize und Maßnahmen die einzig realisierbare Option für Flottenbetreiber bleiben.

Das Bio-LNG-Potenzial ist groß genug, um 2030 den gesamten LNG-Bedarf im Transportsektor zu decken. Deutschland verfügt über die Rohstoffe und Technologien, um selbst verflüssigtes Biomethan in großem Maßstab zu produzieren. Es ist das europäische Land mit den meisten Biomethananlagen und dem höchsten Produktionsvolumen, produziert sogar mehr als es verbraucht. Da das meiste Biomethan jedoch zur Stromerzeugung genutzt oder im Gasnetz gespeichert wird, wandert bislang nur ein Bruchteil in den Transportsektor. 

Als größte Volkswirtschaft der EU und wichtiges Transitland für den europäischen Schwerlastverkehr muss Deutschland dieser Verantwortung gerecht werden, und die Marktetablierung von Bio-LNG noch stärker vorantreiben. Es laufen bereits viele Projekte für deutsche Bio-LNG-Produktionsanlagen, und die Betankungsinfrastruktur wächst. Mit derzeit 44 LNG-Tankstellen – und weiteren in der Pipeline von großen Energieversorgern wie Shell oder Rolande – ist Deutschland auf einem guten Weg. Darauf müssen wir gemeinsam aufbauen. Jetzt.

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