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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Vom Transportmittel zum High-Tech-Gadget

Christian Seidl, Head of Business Unit Automotive bei Intive
Christian Seidl, Head of Business Unit Automotive bei Intive Foto: promo

Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigungszeiten gelten vielen Autokäufern noch als Qualitätsmerkmale eines Autos. Doch die Prioritäten verschieben sich. Konnektivität und Komfort sowie neue Mobilitätskonzepte werden immer wichtiger.

von Christian Seidl

veröffentlicht am 04.01.2023

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Die Automobilindustrie befindet sich in einer Selbstfindungsphase. Viele Glaubenssätze funktionieren schon jetzt nicht mehr und erst recht nicht in der Zukunft. Klimakrise, technologischer Fortschritt und neue Konsumentenerwartungen erfordern einen neuen Blick auf das Auto. 

Hinzu kommen neue Mobilitätskonzepte, allen voran das Carsharing, die die Notwendigkeit eines eigenen Autos in Frage stellen. Die Folge ist die grundlegendste Transformation der Automobilindustrie, die es je gab, und sie wird von vier maßgeblichen Trends bestimmt: Konnektivität, autonomes Fahren, Sharing-Modelle und Elektrifizierung (nach den englischen Begriffen häufig als C.A.S.E. bezeichnet).

Das smarte Auto als Baustein einer smarten Welt

Wir leben zunehmend in einer smarten Welt, in der wir mit unseren Geräten sprechen (und sie mit uns), alles vernetzt ist und auf individuelle Bedürfnisse und Geschmäcker zugeschnitten werden kann. Das Auto wird immer mehr zu einem Teil dieses komplexen Ökosystems, das weit über die Beförderung hinausgeht. 

Gewissermaßen entwickelt es sich zu einem mobilen Gerät: Fahrer:innen erwarten eine intuitive Bedienung und weitreichende smarte Services, die ihr Leben erleichtern und auf sie zugeschnitten sind. Informationen und Unterhaltung während der Fahrt sind schon jetzt wichtige Bestandteile der Nutzererfahrung und der Kaufentscheidung. Verkehrsinformationen in Echtzeit und Navigation gehören zu den von Verbrauchern am meisten geschätzten Funktionen.

Dass das Smartphone an das Infotainment-System angeschlossen werden kann, dürfte für die meisten Neuwagenkäufer:innen heute selbstverständlich sein. Ein neueres Beispiel: integrierte Zahlungslösungen. Anwendungsfälle wären etwa die Zahlung an der Tankstelle oder an Mautstationen. Aber auch persönliche Empfehlungen entlang der geplanten Route und im Einklang mit Ladestopps wären in der Zukunft denkbar.

Sicherheit vor Performance

Die Leistung eines Autos, insbesondere Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigungszeiten, war lange ein wichtiger Bestandteil für Kaufentscheidungen und Marketing. In Zeiten der Elektrifizierung und Automatisierung tritt dies langsam in den Hintergrund, denn das Auto ist immer stärker Software-getrieben. In Bezug auf Design, vor allem aber auch bei den Themen Sicherheit, Komfort und Umweltfreundlichkeit, spielt die „Hardware“ auch heute noch eine wichtige Rolle.

Immer wichtiger werden ebenfalls Funktionen, die das Fahren selbst erleichtern – insbesondere auf immer volleren Straßen in immer volleren Städten. Von Spurhalte- & Stauassistenten über Müdigkeits- und Totwinkelerkennung bis hin zu Einparkassistenten gehören Fahrassistenzsysteme inzwischen zu den wichtigsten Komfortmerkmalen von Fahrzeugen, einige davon sind seit Juli 2022 sogar gesetzlich vorgeschrieben. Andere zeichnen den Weg zum autonomen Fahren vor und die ersten Fahrzeuge mit Level-3-Zulassung, die hochautomatisiert fahren können und dürfen, sind bereits auf deutschen Straßen unterwegs.

Neue Mobilitätskonzepte verschieben die Wahrnehmung

Komfortfunktionen und eine reibungslose Nutzungserfahrung, beispielsweise beim Verbinden des eigenen Smartphones, werden umso wichtiger, wenn Fahrer:innen nicht zwangsläufig auch die Besitzer:innen der Autos sind. Gerade beim Carsharing möchten Fahrer:innen schnell und unkompliziert ihr Handy anschließen, um Funktionen wie Navigation und Freisprechen zu nutzen oder unkompliziert ihre Lieblingsmusik zu hören

Die Frage nach der Automarke oder dem Modell und nach Performance-Merkmalen rückt hier in den Hintergrund: Fahrer:innen identifizieren sich nicht mehr emotional mit dem Auto, das sie fahren – wichtig ist, dass es intuitiv zu bedienen ist und keine Umgewöhnung oder gar der Blick ins Handbuch nötig sind. Je stärker sich Konzepte wie das Carsharing durchsetzen, desto deutlicher kommen diese Effekte zum Tragen.

Carsharing ist dabei nur ein Element von Smart Mobility. Mobilität wird und ist teilweise schon heute ein Geschäftsmodell, unabhängig vom einzelnen Baustein. Das Auto ist einer dieser Bausteine, neben Flugzeug, Bus, Bahn und E-Scootern, autonomen Pods und anderen bekannten und noch unbekannten Mobilitätslösungen.

„Innere Werte“ werden in Zukunft noch wichtiger

Marken wie Tesla oder der seit Oktober 2022 im deutschen Markt aktive chinesische Hersteller von Elektroautos Nio zeigen mit ihren Software-lastigen Fahrzeugen schon heute, wohin die Reise für die Autobranche in den nächsten Jahren gehen wird.

Das Auto wird sich in Zukunft durch seine Software-Features definieren. Personalisierung und das Erleben des Fahrzeugs als persönlichen Raum werden massiv an Bedeutung zunehmen. Gerade mit Blick auf zukünftiges autonomes Fahren werden Funktionen wie Sprachsteuerung, Entertainment oder der Sitzkomfort immer wichtiger. 

Features kommen per Software-Download und Abonnement auch nach dem Kauf flexibel hinzu. Die Fähigkeit für sogenannte Software-Updates over the air, wie man sie vom Smartphone kennt, ist entsprechend schon heute ein Kaufargument.

Solch vernetzte Autos ziehen zwangsläufig Fragen nach der IT-Sicherheit nach sich. Dies wird für die Autohersteller in den nächsten Jahren neben der gesetzlichen Regulierung eine der größten Herausforderungen darstellen. Ohne Vertrauen und Transparenz von den Fahrer:innen und Besitzer:innen werden sie sich dabei schwer tun. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Gesellschaft, die immer stärker an smarte Geräte gewöhnt ist, zukünftig noch stärker als schon heute genau die gleiche intuitive und individuelle Nutzungserfahrung vom Auto erwarten wie vom Smartphone.

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