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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Warum die Autoindustrie ihre Ökobilanz offenlegen sollte

Fredrika Klarén, Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit bei Polestar
Fredrika Klarén, Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit bei Polestar Foto: Polestar

Die Klimabilanz verschiedener Fahrzeugmodelle lässt sich bisher kaum miteinander vergleichen, kritisiert Fredrika Klarén. In ihrem Gastbeitrag drängt die Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit beim schwedisch-chinesischen E-Autobauer Polestar dazu, eine einheitliche Methodik zu entwickeln, anhand derer sich die CO2-Belastung entlang der Wertschöpfungskette messen lässt. Auch, weil Transparenz das Vertrauen der Verbraucher stärken könne.

von Fredrika Klarén

veröffentlicht am 01.12.2020

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Elektroautos sind nicht perfekt – aber sie sind der Weg zu einer besseren Zukunft. Großbritannien ist das jüngste Beispiel dafür, wie Regierungen auf der ganzen Welt energische Maßnahmen ergreifen, um die Umstellung auf Elektrofahrzeuge im großen Maßstab zu beschleunigen. Das ist großartig, aber wenn wir eine wirklich nachhaltige Nutzung von Autos erreichen wollen, muss die Automobilbranche ihre Arbeitsweise umdenken. Ich behaupte, dass Transparenz der Schlüssel ist. Jeder gewinnt durch mehr Transparenz. Wenn wir uns von anderen Branchen wie der Modebranche inspirieren lassen und anfangen, Informationen auszutauschen, können wir voneinander lernen und gleichzeitig das Vertrauen der Verbraucher stärken.

Die Verbraucher haben eine immense Macht, wenn es darum geht, den Wandel hin zu einer nachhaltigen Mobilität zu beschleunigen. Wir müssen damit beginnen, sie besser und ehrlicher anzuleiten. Die Autohersteller müssen erkennen, dass Transparenz sich zu ihren Gunsten auswirken wird und dazu genutzt werden kann, die Verbraucher über die Umweltvorteile ihrer Produkte aufzuklären. Leider sehe ich heute in der Branche nicht viele Beispiele dafür. Wir alle erinnern uns an Dieselgate. Der Missbrauch des öffentlichen Vertrauens zur Maximierung der Rentabilität muss als eine der unmoralischsten Maßnahmen der Automobilindustrie eingestuft werden, die jemals begangen wurden. Dennoch hatte dies keine nennenswerten Auswirkungen auf die Transparenz.

Wenn wir uns Branchen wie die Nahrungsmittelindustrie oder den Einzelhandel ansehen, so stehen diese unter genauer Beobachtung und werden nicht nur aufgefordert, sondern verpflichtet, ihre produktionsbezogenen Auswirkungen offenzulegen. Die Automobilindustrie hat es geschafft, sich dieser Verpflichtung und somit Verantwortung zu entziehen.

Transparenz ermöglicht Vergleiche verschiedener Fahrzeugmodelle 

Viele Autohersteller messen die Klimaauswirkungen ihrer Produkte mittels sogenannter Life Cycle Assessments (LCAs) oder Ökobilanzen. Die Ergebnisse dieser Life Cycle Assessments werden jedoch häufig in Jahresberichten versteckt, und die Hersteller teilen die zugrunde liegende Methodik nicht – vor allem nicht mit den Verbrauchern. Können Sie sich einen Wissenschaftler in irgendeinem Bereich vorstellen, der keine Antwort darauf hat, wie er oder sie zu einer Schlussfolgerung gelangt ist? Es ist ein absurder und irrationaler Gedanke und ebenso absurd ist die Vorstellung, dass die Automobilindustrie auf diese Weise weitermacht.

Wir müssen das Vertrauen unserer Verbraucher zurückgewinnen und ihnen dafür ermöglichen, die CO2-Belastung der verschiedenen Fahrzeuge zu vergleichen. Dazu müssen wir auf eine einheitliche Methodik für Life Cycle Assessments in der gesamten Branche drängen – denn derzeit gibt es keine Standards zur Messung der Umweltauswirkungen von Fahrzeugen.

Um als gutes Beispiel voranzugehen, haben wir eine Ökobilanz für den Polestar 2 und die gesamte zugrunde liegende Methodik veröffentlicht. Sie zeigt den vollständigen CO2-Fußabdruck des Autos und erläutert, wie wir diesen berechnet haben. Sobald man erst genau weiß, welche Teile des Herstellungsprozesses die meisten Emissionen verursachen, können die Anstrengungen darauf konzentriert werden, diese zu reduzieren.

Reduzieren, Rückverfolgen, Modellprojekte anstoßen

Das Herzstück unserer Klimastrategie werden Reduzierungsmaßnahmen sein, die uns dazu bringen, keine Emissionen zu verursachen. Der Übergang zu erneuerbaren Energien in der gesamten Lieferkette, der Einsatz innovativer Materialien und der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Und wir werden nicht darauf warten, dass die Kunden Lösungen verlangen, sondern sie aktiv aufklären und ihnen attraktive, nachhaltige Konzepte unterbreiten.

Zweitens wird die Rückverfolgbarkeit ein wesentlicher Bestandteil unserer Transparenzinitiative sein. Damit werden wir gewährleisten, dass Nachhaltigkeit in unserer gesamten Lieferkette sichergestellt ist. Die Blockchain-Technologie, wie wir sie im Polestar 2 für Kobalt verwenden, ist eine unveränderliche und effiziente Methode, um dies zu erreichen.

Schließlich müssen wir uns vom Greenwashing und leeren Versprechungen verabschieden. Wir müssen den Worten Taten folgen lassen und es wagen, mutig voranzugehen. Deshalb haben wir im September angekündigt, dass wir unser Studienfahrzeug Precept produzieren werden. Im Gegensatz zu einem Konzeptauto, das normalerweise darauf abzielt, so ausgefallen wie möglich zu sein, ging es uns bei Precept um eins: ein wirklich nachhaltiges Auto herzustellen.

Mit mehr Transparenz die Branche umkrempeln 

Ich habe mich in verschiedenen Branchen mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst – Möbel, Mode und jetzt Autos. Unabhängig von der Branche müssen wir einige Dinge tun, um den Wandel hin zu einer klimaneutralen Zukunft zu beschleunigen. Transparenter zu werden ist eines dieser Dinge.

Auch Polestar hat keineswegs alle Antworten, aber wir haben eine klare Vision. Wir wissen, dass Vertrauen verdient werden muss, und wir wollen das transparenteste Autounternehmen der Welt werden, um dieses Vertrauen zu gewinnen. Wir sind jedoch nur ein Unternehmen in einer großen Branche. Deshalb rufen wir andere Autohersteller auf, sich zu beteiligen und wie wir Ökobilanzdaten, Methoden und Angaben zu den Herausforderungen, vor denen wir stehen, mit unseren Verbrauchern zu teilen. Gemeinsam können und müssen wir unsere Branche neu erfinden. Volle Transparenz ist der einzig denkbare Weg in die Zukunft.

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