Standpunkt Weniger ist nicht immer mehr

Die Forderung nach Verzicht steht in der Coronakrise oft im Vordergrund. Dabei lohnt es sich, gezielt auf ein Mehr zu setzen, meint Bosch-Geschäftsführer Rolf Najork, verantwortlich für den Unternehmensbereich Industrial Technology. In seinem Gastbeitrag skizziert er fünf Perspektiven für ein nachhaltiges Wirtschaften in der „Post-Corona-Zeit“.

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Die Corona-Pandemie ist in vielerlei Hinsicht eine Zäsur. Wir haben gesehen, wie fragil wir als Gesellschaft sind, wie abhängig von Umwelteinflüssen. Vieles hat die Pandemie beschleunigt, manches neu ins Bewusstsein gerückt und auch gezeigt, was möglich ist: Sind Lösungen rasch gefordert, können Wissenschaft und Wirtschaft liefern. 

Wir digitalisierten von heute auf morgen in vielen Bereichen die Arbeit, Flugzeuge wurden zu fliegenden Hospitälern, Tauchausrüstungen zu Beatmungsgeräten. In noch nie dagewesener Geschwindigkeit wurden Impfstoffe entwickelt, getestet und zugelassen. Wir erleben in der Pandemie, dass wir vieles neu denken können und müssen. Dabei steht die Forderung nach Verzicht oft im Vordergrund: weniger Kontakte, weniger Mobilität, weniger Konsum. Die Annahme dahinter: Von allem weniger, bedeute mehr für Mensch und Umwelt. Aber ist weniger wirklich immer mehr? Oder ist weniger nicht manchmal einfach nur weniger? Es sind meines Erachtens vor allem fünf Bereiche, in denen sich ein Umdenken lohnt, um gezielt auf ein Mehr zu setzen – für ein gesundes und nachhaltiges Wirtschaften in der „Post-Corona-Zeit.

Erstens: Wir brauchen nicht weniger Kooperation, wir brauchen mehr. Globale Herausforderungen wie die Corona-Pandemie lassen sich nur gemeinschaftlich lösen. Kein Land, kein Unternehmen für sich genommen ist dazu in der Lage. Bei Bosch teilen wir unser Wissen: Wir testen und evaluieren Industrie-4.0-Lösungen in den eigenen Werken. Nur das, was sich bewährt, bieten wir extern auf dem Markt an. Genauso verfahren wir beim Klimaschutz: Bosch entwickelt und produziert als erstes globales Industrieunternehmen klimaneutral. Vermehrt rücken in einer globalisierten und vernetzten Welt branchenübergreifende Initiativen in den Fokus. Die Idee klingt simpel, entfaltet aber große Durchschlagskraft: gemeinsam mehr bewegen. Die Voraussetzung sind Lösungen, die offen und kompatibel sind und auf definierten Standards basieren. 

Zweitens: Wir brauchen nicht weniger Technik, wir brauchen mehr. Technik muss dem Menschen dienen – als Werkzeug, um neue Verfahren und naturwissenschaftliche Erkenntnisse nutzbar zu machen und anzuwenden. Die Corona-Pandemie zeigt: Unternehmen, die auf Digitalisierung setzen, sind weniger verwundbar. Dort, wo physische Nähe zur Herausforderung wird, halten wir den Betrieb mit digitalen Hilfsmitteln aufrecht. Das können in Fabriken digitale Schichtbücher und Schichtübergaben sein oder Software, die dabei hilft, Maschinen per Fernzugriff in Betrieb zu nehmen und zu warten, ohne dass ein Techniker vor Ort sein muss. Vernetzte Assistenzsysteme ergänzen nicht nur die menschliche Arbeitskraft, sie überwinden Social Distancing und verschaffen den nötigen Überblick. Mit unserem Know-how in Medizintechnik und Fertigung ist es uns gelungen, in wenigen Wochen einen Covid-19-Schnelltest auf den Markt zu bringen. Auch eine eigene Maskenproduktion haben wir aufgebaut. Technik kann Leben retten. 

Drittens: Wir brauchen nicht weniger Wandel, wir brauchen mehr. Die Corona-Pandemie führt uns eindringlich vor Augen: Täglich werden neue Erkenntnisse gewonnen und Thesen widerlegt. Überzeugungen und Gewissheiten erodieren. Auf diese Dynamik, die im Wissenschaftsbetrieb Alltag ist, müssen wir Menschen vorbereiten und Dinge immer wieder auf den Prüfstand stellen. Flexible Konzepte helfen. Zum Beispiel das Modell der Fabrik der Zukunft: Statisch und fest sind lediglich Boden, Decke und Wände. Alles andere ist variabel und wandelbar. So lässt sich die Fertigung rasch umrüsten und bedarfsorientiert anpassen. Mit der Fabrik der Zukunft meistern wir Herausforderungen wie immer kürzere Produktlebenszyklen, unzählige Produktvarianten und schwankende Nachfragen.

Viertens: Wir brauchen nicht weniger Fortschritt, wir brauchen mehr. Aus Krisen erwächst nur Gutes, wenn sich Menschen für Verbesserungen einsetzen, ihre Optionen nutzen, um etwas zu bewirken. Die Corona-Pandemie bewältigen wir, indem wir verstärkt technische Lösungen in unsere Überlegungen einbeziehen: Tracking-Apps, Schnelltests, Impfstoffe. Technik kann viel – sie ist aber kein Allheilmittel. Es geht um das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren. Menschen müssen vom Kurs überzeugt sein, mitziehen, sich einbringen. Dabei kommt es auch auf die passenden Rahmenbedingungen an. Bei Bosch schaffen wir Start-up-Kultur da, wo sie gefragt ist; interdisziplinäre Teams dort, wo unterschiedliche Stärken benötigt werden. Das verbindende Element: eine Atmosphäre, die das Experimentieren unterstützt und zum Ausloten der Grenzen einlädt.

Fünftens: Wir brauchen nicht weniger Globalisierung, wir brauchen mehr – müssen diese aber besser austarieren. Vor allem gilt es, Unterbrechungen von Lieferketten zu vermeiden. Wir sind weltweit miteinander vernetzt. Dieses Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Und es besteht dazu auch keine Notwendigkeit. Die Errungenschaften der Globalisierung sind unverkennbar: weniger Armut, mehr Wohlstand, kreative Vielfalt, direkter Zugang zu den Märkten der Welt. Renationalisierung ist der falsche Weg. Allerdings zeigt die Krise: Cluster, die spezielles Know-how an nur einem Ort bündeln, können sich nachteilig für die Weltgemeinschaft auswirken. Dies ließ sich zu Beginn der Pandemie bei der Herstellung von Masken, Beatmungsgeräten oder Desinfektionsmitteln beobachten. Künftig müssen wir Know-how besser und breiter streuen. Wir brauchen ein Gleichgewicht aus lokalem und globalem Handel, eine sinnvolle Verknüpfung im Sinne von Glokalisierung. Es geht in der Post-Corona-Zeit also oft nicht mehr um ein „Entweder-oder-Prinzip, sondern um ein harmonisiertes „Sowohl-als-auch.

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