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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Wie AFIR die E-Mobilität wirklich weiterbringen könnte

Koen Noyens, Direktor für EU-Politik bei EVBox
Koen Noyens, Direktor für EU-Politik bei EVBox Foto: EVBox

Die AFIR-Verordnung der EU ist eine vielversprechende Grundlage für den euroweiten Ladesäulen-Ausbau. Doch die Ziele müssen nachgeschärft werden. Es braucht ein flächendeckendes Netz, passende technische Standards und ein Recht für Verbraucher, an jeder Ladestation aufzuladen.

von Koen Noyens

veröffentlicht am 07.02.2022

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Das „Fit for 55“-Paket wird der Entwicklung der Elektrofahrzeugindustrie einen noch nie dagewesenen Schub geben. Es hat die Elektrizität an die Spitze der alternativen Kraftstoffe im Straßenverkehr gestellt und enthält eine Reihe wichtiger Vorschläge, die den Bedarf an mehr, besser vernetzter und hochwertiger Ladeinfrastruktur sowohl auf öffentlicher als auch auf privater Ebene ansprechen. Der wichtigste Teil des Pakets, der die Entwicklung der öffentlichen E-Fahrzeug-Infrastruktur fördern wird, ist die „Verordnung über die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe“ (AFIR). 

Der Vorschlag stellt eine vielversprechende Grundlage dar: Er sieht die Elektromobilität als Katalysator für die Transformation und Integration der europäischen Energie- und Verkehrssysteme, indem er den Aufbau der Ladeinfrastruktur beschleunigt und die Entwicklung erneuerbarer Energien unterstützt. Dabei wird ein harmonisierter, kosteneffizienter Ansatz gewährleistet, was zu einem einheitlicheren Fahrerlebnis für die europäischen Autofahrer führen wird. So werden beispielsweise die Anforderungen an das intelligente Laden und der Auftrag, öffentliche Ladenetze zu öffnen, ein stärkeres und effizienteres Ökosystem für das Laden von Elektrofahrzeugen schaffen. 

Es gibt jedoch noch Raum für Verbesserungen: Der Vorschlag muss auf die tatsächlichen Bedürfnisse der E-Fahrer zugeschnitten werden. Damit die E-Mobilität zu einem echten Katalysator wird, muss die AFIR in den drei Bereichen Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Attraktivität gestärkt werden.

Verfügbarkeit

Erstens muss man ein ausreichend flächendeckendes Netz aufbauen, um die Verfügbarkeit der öffentlichen Infrastruktur in ganz Europa zu gewährleisten, von Faro bis Kiruna. Die AFIR legt derzeit nationale kapazitätsbasierte Ziele fest, d.h. dass die Anzahl der in jedem Mitgliedstaat installierten Ladeinfrastrukturen proportional zur Anzahl der in jedem Land verkauften E-Fahrzeuge steigt. Die Festlegung solcher Ziele ist zwar wichtig, um einen ausreichenden Ausbau der Ladestationen zu gewährleisten, doch muss die Gesamtmethodik angepasst werden: Die vorgeschlagenen kW-Werte werden von den meisten Mitgliedstaaten bereits heute erreicht und reichen nicht aus, um die Verbreitung von Elektrofahrzeugen in Ländern mit einer geringen Zahl von E-Fahrzeugen zu fördern. Daher müssen die vorgeschlagenen Ziele erhöht werden

Noch wichtiger ist, dass die festgelegten Ziele die Länder dazu veranlassen, Infrastrukturpläne zu entwickeln, welche private Investitionen attraktiver machen, damit der Ladebedarf der Mitgliedstaaten langfristig gedeckt werden kann. Höhere Zielvorgaben in Verbindung mit den richtigen politischen Rahmenbedingungen, um private Betreiber von Ladestationen anzulocken, werden schließlich zu einem organischen Ausbau der Infrastruktur führen, bei dem die Netze in einem wettbewerbsorientierten Marktumfeld betrieben werden.

Zugänglichkeit

Zugänglichkeit bedeutet in erster Linie, dass die Qualität der Ladeinfrastruktur durch die richtigen technischen Mindeststandards sowie durch hohe Anforderungen an die Betriebszeit und das Serviceniveau gewährleistet wird. Der aktuelle Vorschlag berücksichtigt dies durch eine Reihe von Bestimmungen, wie zum Beispiel Preis- und Informationsanforderungen, sowie durch Mindeststandards für digitale Vernetzung und intelligente Funktionen, die den Fahrern ein reibungsloseres Erlebnis ermöglichen. 

Zugänglichkeit bedeutet aber auch, dass E-Fahrer in der Lage sein sollten, so viele Ladestationen wie möglich zu erreichen – und zwar auf die bequemste Weise. Dies ist in verschiedenen Teilen Europas wegen in sich geschlossener Netze nach wie vor ein großes Problem, das auch in der AFIR nicht angegangen wird. Der beste und einfachste Weg, um eine vollständige Zugänglichkeit zu erreichen, ist eine gemeinsame Mindestanforderung für das Roaming. Dies würde es den Fahrern ermöglichen, an jeder öffentlich zugänglichen Ladestation aufzuladen, ohne sich um zusätzliche Gebühren kümmern zu müssen und ohne gezwungen zu sein, einen Vertrag mit dem Betreiber dieses Ladestation zu schließen. Die freie Roaming-Fähigkeit ist also ein Muss, um einen EU-weiten vernetzten Markt zu schaffen, der den Wettbewerb und die Innovation fördern wird. 

Attraktivität

Schlussendlich muss das Laden von E-Fahrzeugen auch attraktiv sein. Das bedeutet, dass wettbewerbsfähige Preise angeboten werden müssen sowie der bestmögliche Service. Es besteht die Gefahr, dass die AFIR in seiner jetzigen Form die Entwicklung eines voll funktionsfähigen Marktes für Ladedienste untergraben könnte. 

Zwei Beispiele: Das erste ist das vorgeschlagene Mandat für Ad-hoc-Zahlungstechnologien, das sich negativ auf die Wahlmöglichkeiten der Verbraucher auswirken wird. Denn es bindet die Anbieter, erhöht die Betriebskosten, untergräbt die digitale Agenda der EU und wird dazu führen, dass die Wertschöpfung auf die Finanzinstitute verlagert wird. Das Gleiche gilt für das Mandat für die Preisgestaltung der Mobilitätsdienstleister: Autofahrer haben derzeit verschiedene Optionen für Ladedienste, von festen monatlichen Gebühren bis hin zu Netzrabatten, die durch eine Vielzahl von Abonnementmodellen angeboten werden.

Der aktuelle Vorschlag würde dieses große Angebot durch die Einschränkungen der Preismodelle drastisch reduzieren. Diese Bestimmungen wurden mit der Absicht vorgeschlagen, den Verbraucher in den Mittelpunkt der Strategien für den Ausbau der Ladeinfrastruktur zu stellen. Sie werden jedoch das Gegenteil bewirken: Sie werden einige der größten Vorteile des elektrischen Fahrens untergraben, nämlich die Freiheit, maßgeschneiderte Zahlungs- und Ladeoptionen zu wählen. Infolgedessen wird das elektrische Fahren sowohl für aktuelle als auch für potenzielle Fahrer weniger attraktiv.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass AFIR nur dann eine Top-Bewertung erhalten kann, wenn wir die Grundpfeiler eines wettbewerbsfähigen Marktes schaffen. Der endgültige AFIR-Rahmen muss die Entwicklung eines wirklich integrierten europäischen E-Infrastrukturmarktes fördern, anstatt sie zu behindern. Nur wenn es sowohl etablierten als auch neuen Akteuren leicht gemacht wird, in den Markt einzutreten und kundenorientierte Lösungen im Bereich der Ladeinfrastruktur anzubieten, wird es möglich sein, eine großflächige Elektrifizierung in Europa zu erreichen.

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