Standpunkt Wie digitale Zugdiagnose in der Krise hilft

Der Güterverkehr wird bei der Bewältigung der Coronakrise eine wichtige Rolle spielen, auch aus Gründen des Klimaschutzes, ist Railwatch-Chef Michael Breuer überzeugt. Für eine vorausschauende Instandhaltung müsse er aber digitaler werden.

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In Zeiten von Corona ist das Personal für die Überprüfung von Zügen besonders knapp: Manche sind krank, andere können wegen der Grenzschließungen nicht anreisen. Immer mehr Zugfahrten können so nur verspätet oder gar nicht freigegeben werden. Das bringt den systemrelevanten Güterverkehr ins Stocken. Lieferketten reißen ab, Waren bleiben aus. Doch das ist nicht nur in Coronazeiten so. Auch vorher fehlte schon Personal. Und das Problem wird sich nun, nach der Krise, noch verschärfen.  

Wozu braucht es das Personal? Eine gute Frage. Wie vor 100 Jahren wird auch heute noch jeder Güterwagen vor jeder Zugfahrt manuell auf kritische Schäden überprüft. Vor allem die Zuginspektion ist sehr antiquiert: Wagenlisten, Schadformulare, Bremszettel, alles auf Papier. Ein Wagenmeister geht um den 700 Meter langen Zug und überprüft ihn per Sichtprüfung auf kritische Schäden. Das ist nicht einfach, denn meist erfolgt diese Sichtprüfung bei Nacht, manchmal bei Regen oder Schnee, gelegentlich ohne ausreichende Beleuchtung. Kritische Schäden an Rädern, wie beispielsweise Flachstellen, sind so schwer zu erkennen. Und sie werden auch noch durch das Wagenchassis oder angelegte Bremsenklötze verdeckt. So kann es sein, dass Güterwagen mit kritischen Schäden an Rädern und Achsen auf die Fahrt gehen und, als Beispiel, durchs Rheintal rumpeln. 

Personal fehlt – deshalb Automatisierung 

Was kann man dagegen tun? Das Zauberwort ist, wie so oft, Automatisierung. Hier: automatisierte Einrichtungen zur Zugkontrolle. Diese sogenannten „Wayside-Train-Monitoring-Systeme“, die am Schienenrand stehen, können bei Durchfahrt den technischen Zustand eines Zuges erfassen. Dabei wird mit HD-Kameras, Lasern, Mikrofonen, Kraft- und Schwingungssensoren der komplette technische Zustand des Zuges erfasst und mit Hilfe von KI-Prozessen verarbeitet. Die Informationen werden von der Strecke in Windeseile direkt per 4G ins Cloud-Backend gesendet und innerhalb von zehn Minuten verarbeitet. Der verantwortliche Wagenmeister erhält eine Zugdiagnose per WebPortal, Mobile-App, Push-E-Mail und als Excel-Tabelle. Dadurch weiß er ganz genau, welche Güterwagen noch fahren dürfen und welche nicht. Dies hilft dem Eisenbahnverkehrsunternehmen ungemein, sein Personal zu entlasten. Das hilft während der Pandemie und auch danach. Außerdem bleibt so der Schienengüterverkehr sicher. Fahrpläne werden eingehalten, Lieferketten funktionieren und Waren kommen rechtzeitig am Bestimmungsort an. 

Schwachstelle ist der Mensch 

Ist das alles noch ein Traum? Nein. Technisch ist das möglich. Bisher war die Schwachstelle der Mensch. Damit meine ich nicht die engagierten Wagenmeister, sondern das Management. Der Schienengüterverkehr ist geprägt durch eine Entscheider-Generation der „Nicht-Computerisierung“. Das heißt, viele können Outlook bedienen. Bei Excel oder Powerpoint wird es aber schon dünn. Und bei komplexen Automatisierungsprozessen unter Einbindung von Clouddaten, Blockchain, der Nutzung von modernen KI-Prozessen und Virtual Reality, gerät diese Generation an ihre Grenzen. Die Krise gibt uns die Chance einer Veränderung. Die Erfahrungen aus den schnellen und unbürokratischen Entscheidungen, die wir in diesen Notzeiten treffen, können die Zukunft neu gestalten. Insoweit fördert die schreckliche Corona-Tragödie immerhin die Digitalisierung des Güterverkehrs auf der Schiene. 

Michael Breuer ist Geschäftsführender Gesellschafter der Railwatch GmbH & Co. KG. Das Bonner IT-Unternehmen entwickelt digitale Tools für die Instandhaltung von Zügen. 

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