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Standpunkt

Wir brauchen globale Energie-Partnerschaften

Ralf Diemer, Geschäftsführer eFuel Alliance
Ralf Diemer, Geschäftsführer eFuel Alliance Foto: Foto: promo

Wenn synthetische Kraftstoffe in Chile oder im Nahen Osten hergestellt und nach Europa transportiert werden, entstehen hohe Umwandlungsverluste, räumt auch Ralf Diemer ein, der Geschäftsführer der eFuel Alliance. Durch viel Wind und Sonne in anderen Weltgegenden werde das aber ausgeglichen. Globale Energie-Partnerschaften würden auch vor Ort viel Wohlstand schaffen.

von Ralf Diemer

veröffentlicht am 04.02.2022

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Deutschland ist weit davon entfernt, seine Klimaziele zu erreichen. Mit dieser Botschaft schilderte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kürzlich vor der Presse eindrucksvoll, dass die aktuellen Maßnahmen nicht zu einer ausreichenden Senkung der Treibhausgasemissionen führen. Grundlegendes Problem ist dabei der zu geringe Anteil erneuerbarer Energien.

Deren Anteil an der weltweiten Energieerzeugung wächst zwar stetig, lag im Jahr 2019 aber nur bei 23 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) konkludiert, dass erneuerbare Energien zur Erreichung von Netto-Null-Emissionen bis 2050 einen Anteil von mehr als 60 Prozent an der Stromerzeugung bis 2030 erreichen müssen. In dichtbesiedelten asiatischen Ländern wie Japan, Indonesien oder Indien ist die Lücke besonders groß.

Die IEA prognostiziert einen weltweiten Anstieg des Strombedarfs um vier Prozent im Jahr 2022. Gleichzeitig steigen die CO2-Emissionen im Elektrizitätssektor auf ein Allzeithoch (Quelle: IEA). Ein Beispiel ist der Mobilitätssektor als einer der größten globalen Emittenten. Allein der weltweite Bestand an Fahrzeugen betrug 2020 über 1,4 Milliarden Pkw, wovon die überwältigende Mehrheit mit Verbrennungsmotoren betrieben wird. Dazu kommen andere Bereiche wie Schifffahrt oder Luftfahrt. Hierfür wurde noch keine technische Lösung entwickelt.

Die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot zeigt, dass der Ausbau erneuerbarer Energien weltweit die größte Hürde darstellt. Wir brauchen also einen Ansatz, der international greift. Alle Potenziale erneuerbarer Energien müssen erschlossen werden, denn klar ist: Wenn wir zukünftig nachhaltig leben, mobil sein und klimaneutral wirtschaften wollen, brauchen wir sehr viele erneuerbare Energien. 

Wo finden wir diese grünen Energien in ausreichendem Maße? 

Das Gute ist, es gibt eine Lösung für dieses Problem: ob Wasserkraft in Norwegen, Windkraft in Chile oder Sonnenenergie in der Sahara. Ideale Standorte gibt es in vielen unterschiedlichen Ländern. Es gibt deutlich mehr Potenzial erneuerbarer Energie als eine mögliche Nachfrage. Eine Fläche von 800 mal 800 Kilometer in Nordafrika würde ausreichen, um den globalen Primärenergiebedarf zu decken. Noch erfreulicher ist, dass es auch Möglichkeiten gibt, diese zu erzeugen, zu speichern und mit bestehenden Infrastrukturen zu verteilen. 

Genau das ist der Grundgedanke für die Herstellung und Nutzung von synthetischen Energieträgern. Denn scheint zum Beispiel die Sonne in Freiburg durchschnittlich 1700 Stunden im Jahr, so scheint sie in der Sahara 4300 Stunden. Ein Windrad in Chile hat rund viermal so viele Volllaststunden wie ein vergleichbares in Deutschland (Quelle: PtX Allianz).

Richtig ist, dass für die Herstellung von E-Fuels mehr Energie benötigt wird als bei direktelektrischen Anwendungen. Das wird jedoch durch die höhere Energieausbeute an günstigen Standorten kompensiert, womit sich Effizienzunterschiede in der Herstellung zu beispielsweise direkter Elektrifizierung angleichen. Denn klar ist auch: Der erneuerbare Strom aus Patagonien oder Nordafrika lässt sich nur durch die Umwandlung in „transportable“ Moleküle nutzen. 

Was bringen globale Energie-Partnerschaften?

Gleichzeitig wird Technologie exportiert, in anderen Ländern investiert und Wertschöpfung generiert. Durch die Analyse von Multiplikatoreffekten, die die Auswirkungen von Investitionen vor Ort verstärken, zeigen Untersuchungen, dass die Produktion von zehn Prozent E-Fuels für den EU-Kraftstoffmarkt bis zu 278.700 neue Arbeitsplätze vor Ort schafft, 18.900 direkt und 259.800 indirekt bei Vorlieferanten (Quelle: Frontier Economics). Dies gilt für fast alle Länder Afrikas und des Nahen Ostens, aber auch für große Teile Mittel- und Südamerikas und viele Länder Asiens sowie Australiens.

Davon würden vor allem wirtschaftlich schwächere Länder profitieren, aber auch solche, die stark vom Export fossiler Energieträger abhängig sind. Am Beispiel Marokko zeigt sich, dass jeder investierte Euro in E-Fuels vor Ort zusätzlich zwölf Euro an Wertschöpfung generiert. 

Eine klassische Win-Win Situation. Durch globale Energie-Partnerschaften kann der Energiewandel eine globale Erfolgsgeschichte werden.

Oft ist es auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit: In ersten Ausschreibungen für Photovoltaikanlagen wurden im Nahen Osten Stromgestehungskosten von um die ein Cent je Kilowattstunde Strom (ct/kWh) erreicht. Demgegenüber stehen PV-Stromgestehungskosten in Deutschland von aktuell je nach Anlagentyp und Sonneneinstrahlung zwischen drei und elf ct/kWh.

Kostenparität kann also auch mit dem drei- bis elffachen Energieverlust für Umwandlung zum Beispiel in E-Fuels und Transport erreicht werden, wenn Nutzungsfläche kein limitierender Faktor ist. In einer globalisierten Welt muss nicht alles vor Ort hergestellt werden. Ein weiterer Vorteil der globalen Perspektive ist die Geschwindigkeit. Durchschnittlich dauert die Genehmigung eines Windrades in Deutschland vier bis fünf Jahre, also viel zu lange. Das soll jetzt beschleunigt werden. 

An weltweit geeigneten Standorten, an denen es keine Nutzungskonkurrenz gibt und die dünn besiedelt sind, kann das in einem Bruchteil der Zeit erreicht werden. Die Mitglieder der eFuel Alliance zeigen in unterschiedlichen Projekten wie Chile, USA und Saudi-Arabien, dass innerhalb von drei Jahren nicht nur die EE-Anlagen, sondern auch die Elektrolyse und Syntheseanlagen errichtet werden können.

Wie können wir Klimapolitik also weltweit vorantreiben?

Hinzukommt, dass Energieautonomie wie in der Europäischen Union kaum erreichbar ist. Das ist keine Frage des Ausbaus von erneuerbaren Energien, sondern war und ist auch in Zeiten von fossiler oder atomarer Versorgung nicht anders gewesen. Im Jahr 2019 importierte die EU 60 Prozent ihrer Energie – so viel wie noch nie.

Durch die Verteilung der Versorgung auf viele Schultern wird eine Abhängigkeit von einzelnen Ländern vermieden. Es stehen deutlich mehr Länder für den Import von E-Fuels zur Verfügung als jene, von denen wir aktuell fossile Energieträger beziehen. Energieabhängigkeiten wie aktuell von Russland können in Zukunft vermieden werden.

Mit Blick auf die EU lässt sich feststellen, dass die Kommission richtigerweise die Vorreiterrolle im Klimaschutz übernehmen möchte. Mit dem richtungsweisenden „Fit-for-55“ Klimapaket wurden die Weichen für die nächste industrielle Revolution gestellt, wenn auch die Ausgestaltung noch Verbesserungspotenzial bietet.

Beispielsweise könnten durch eine ambitioniertere Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED) mit einer erhöhten Treibhausgasreduktion im Verkehrssektor in Höhe von mindestens 20 Prozent im Jahr 2030 Anreize in notwendige Investitionen in die Produktion nachhaltiger Kraftstoffe geschaffen werden. Als Unterziel für Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe sollte ein Anteil von mindestens fünf Prozent festgelegt werden, um sichere Märkte zu schaffen. 

Bessere Geschäftsmodelle als fossile Kraftstoffe

Die Europäische Kommission betont, dass Klimaschutz „sozial und gerecht“ sein muss, wenn er erfolgreich sein möchte. Das betrifft die Mitgliedsstaaten der EU, aber auch die weltweite Staatengemeinschaft. Wenn andere Staaten nicht beteiligt werden, werden wir sie auch nicht von einem Wandel überzeugen. Im Gegenteil, gerade die weltweite Vernetzung der europäischen Wirtschaft bietet den Hebel, global für eine Veränderung zu sorgen und Millionen Arbeitsplätze in der ganzen Welt zu sichern. Am Ende müssen wir bessere Geschäftsmodelle entwickeln als das Fördern von fossilen Kraftstoffen.

Eine nun stattfindende und grundlegende Transformation bietet viele Chancen. Diese sollten wir nicht verstreichen lassen. Am Ende könnten vielfältige globale Märkte stehen, von deren Wertschöpfung viele Regionen profitieren. Und nicht zu vergessen: Die Erderwärmung verhindern wir nur gemeinsam. Lassen Sie uns daran arbeiten.

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