Standpunkt Mobilitätsrevolution für die Städte

Natürlich verdient BMW am Verkauf neuer Autos. Gleichwohl spricht sich der Betriebsratsvorsitzende Manfred Schoch für neue Mobilitätsformen wie Ride Pooling, Ride Sharing oder Car Sharing aus. Der echte Durchbruch kommt nach seiner Einschätzung aber erst, wenn individuelle Kleinfahrzeuge mit elektrischem Antrieb vollautomatisiert auf unseren Straßen fahren. Diese E-Pods erlauben es, den Arbeitsweg produktiv zu nutzen und so den Büroaufenthalt zu verkürzen.

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Die Automobilindustrie ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Gemeinsam mit allen Zulieferern ist sie der größte Arbeitgeber und schafft damit die Grundlage für den Wohlstand in Deutschland. Davon profitieren nicht nur die direkt Beschäftigten, sondern durch hohe Steuereinnahmen auch die Kommunen und der Staat. Die Branche ist aber nicht nur Steuerzahler, sondern auch ein Aushängeschild auf der ganzen Welt. Denn Mobilität ist ein Grundbedürfnis für alle Menschen. Ohne Mobilitätsangebote wäre jeder Weg mühsam oder erst gar nicht möglich. Die individuelle Mobilität verspricht dabei höchsten Komfort, ständige Verfügbarkeit und individuelle Freiheit. 

Doch der Wunsch nach Mobilität schafft auch Herausforderungen. In München hat die Stadtverwaltung vor rund einem Jahr die Ergebnisse einer Bürgerbefragung veröffentlicht: Drei Viertel der Befragten beklagen Verkehrslärm und Luftverschmutzung, rund ein Viertel den mangelhaften ÖPNV und das Verkehrsaufkommen allgemein. Und die Lage wird sich noch verschärfen. Denn München wächst jährlich um 30.000 Einwohner, die alle in die Arbeit, Universitäten, Schulen oder Kitas wollen. Wird Mobilität nicht intelligent gesteuert, geht Lebensqualität verloren.

In diesem Spannungsfeld ist München nicht allein. Weltweit kämpfen Metropolen mit den Folgen des Wachstums und dem Bedürfnis der Menschen, mobil zu sein. Gerade für viele europäische Städte ist der Verkehr aufgrund ihrer historischen Bauweise eine strukturelle Herausforderung. Dazu nur zwei Beispiele: In Deutschland sind die meisten Städte auf ein stark prosperierendes Zentrum zugeschnitten. Das Verkehrsaufkommen verdichtet sich in den Zentren und deren Ein- und Ausfallrouten. In Italien ist der Bau von Tunnellösungen für den Autoverkehr oder von U-Bahnlinien wegen historischer Bauten und Funde archäologisch wertvoller Artefakte oft nicht möglich. Es braucht also neue Ansätze, die in allen Städten funktionieren. 

Es ist Zeit für eine Neuordnung des Verkehrs

Doch eine Neustrukturierung der städtischen Verkehrsströme ist komplex. Denn um effiziente und nachhaltige Lösungen zu finden, braucht es ein Bündnis, das von der Bundespolitik bis auf die kommunale Ebene reichen muss und zahlreiche Wirtschaftszweige sowie die Bevölkerung miteinbezieht. Wenn sich Elektromobilität nachhaltig durchsetzen soll, müssen Stromerzeuger ihr Augenmerk auf nachhaltig und emissionsfrei erzeugten Strom legen. Die Netzbetreiber sind bei einer leistungsfähigen Infrastruktur gefragt. Hinzu kommt: Nur mit einer flächendeckenden und lückenlosen Bereitstellung des 5-G-Mobilfunk-Standards wird das autonome Fahren in Zukunft funktionieren – hier sind die Mobilfunkunternehmen am Zug. Damit das gelingt, sind hohe Investitionen notwendig, die die Unternehmen und der Staat auch finanzieren müssen. Die politischen Vertreter auf allen Ebenen müssen eine evolutionäre Revolution des Verkehrs jetzt konsequent vorantreiben. Sie sind verantwortlich für die Orchestrierung des Wandels und müssen dabei alle Industriezweige auf einen gemeinsamen Weg mitnehmen. Zusammengefasst kann man sagen: Das Investitionsvolumen in die Mobilität der Zukunft muss massiv erhöht werden – hier ist die Automobilindustrie bereits Vorreiter. 

Die Branche ist auf dem Weg vom klassischen Autohersteller zum umfassenden Mobilitätsdienstleister. Das bedeutet: Ganz gleich, wann und wo sich ein Kunde entscheidet, von A nach B zu kommen – die gesamte Mobilitätskette sollte auf Knopfdruck und nach seinen Wünschen gestaltet werden. Ob Fahrzeug, öffentlicher Nahverkehr oder Mitfahrgelegenheit – es geht um den schnellsten und bequemsten Weg, der zugleich den Anforderungen an Nachhaltigkeit standhalten muss. Bestenfalls teilen alle Fahrzeuge die erforderlichen Informationen. Vernetzte Ampeln, elektronische Verkehrsschilder und Navigationssysteme lotsen die Fahrzeuge intelligent durch die Stadt. Die Aufgabe der Automobilkonzerne ist, dass die Technik im emissionslosen Fahrzeug funktioniert und dauerhaft Sicherheit bietet. 

Es geht um nicht weniger als eine Disruption der Mobilität – dafür müssen alle Beteiligten in die Zukunft investieren. Zurückhaltung ist heute nicht mehr gefragt. Der Automobilindustrie allerdings einen Alleingang abzuverlangen, wird nicht zielführend sein. Deshalb muss das Bündnis aus Politik, Wirtschaft und Bevölkerung in vier Stoßrichtungen denken – von schnellen bis hin zu langfristigen, visionären Maßnahmen: Die Elektrifizierung des Autos, Mobilitätsdienstleistungen wie Car Sharing, ein Fahrrad-Highway über den Straßen sowie E-Pods: elektrifizierte, autonome und vollständig vernetzte Kleinfahrzeuge für Einzelpersonen. 

Für eine bessere Luft: elektrifizierte Antriebe 

Auf der Straße hört man nur ein Summen, in der Wohnung neben der Straße praktisch nichts mehr vom Verkehr. Schadstoffemissionen entfallen gänzlich. Die Emotion beim Fahren geht trotzdem nicht verloren. Klar ist: Um Emissionen in den Metropolen effizienter zu reduzieren, braucht es elektrifizierte Antriebe – und die sind bereits verfügbar. 

Trotzdem haben sie in Deutschland den Durchbruch noch nicht geschafft. Dafür bräuchte es Anreize: Denn nur wer sich sicher sein kann, sein E-Auto zuverlässig laden zu können, entscheidet sich womöglich auch für ein Elektrofahrzeug.

Dabei kann Deutschland von anderen Ländern lernen: In Norwegen liegt der Anteil von E-Fahrzeugen an verkauften BMW bei 75 Prozent, in Deutschland bei 3,7 Prozent. Woher kommt dort die Begeisterung für Elektromobilität? Vor allem hat Norwegen finanzielle Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen gesetzt. Zum Beispiel entfallen Kfz- und Mehrwertsteuer, und auch die Städte ziehen mit: Von fehlender Ladeinfrastruktur spricht dort niemand mehr. Selbst an entlegenen Fjorden kann man seinen BMW i3 problemlos laden.  

Zumindest eine kleine Revolution könnte jede Stadt also schnell starten. Ladesäulen für Elektroautos in allen Straße wären ein Anfang. An mangenden Ideen liegt es nicht, wie dies kostengünstig und planerisch sinnvoll umzusetzen wäre. Die BMW Group hat Ideen entwickelt, wie man ohne hohe Investitionen in die Infrastruktur Lademöglichkeiten schaffen kann. So gibt es die Option, Straßenlaternen als Ladesäulen zu nutzen. 

Doch der Aufbau der Infrastruktur kann nicht alleine in der Verantwortung der Automobilindustrie liegen. In Norwegen gehen der Staat und die Städte beim Umbau in Richtung Elektromobilität voran. In Deutschland wird über Dieselnachrüstungen und damit Investitionen in die Vergangenheit diskutiert. Die Industrie wird alleine gelassen – die Herausforderungen der Schadstoffemissionen werden so nicht zukunftsorientiert gelöst. Nur auf einer breiten gemeinsamen Basis aller Stakeholder wird der Wandel nachhaltig gelingen – die Anschubinvestition muss allerdings der Staat leisten. 

Mit der Elektromobilität können Emissionswerte also deutlich verringert werden. Der Stau dagegen bleibt. Doch auch dafür gibt es praktische Lösungsansätze.

Bessere Straßennutzung: Car Sharing, Ride Sharing oder Ride Pooling

Hauptursache für Verkehrsbehinderungen in den Stoßzeiten ist die Menge an Fahrzeugen auf der Straße. Ein Pkw benötigt während der Fahrt rund 35 Quadratmeter Fläche. Hat man weniger Platz, entsteht Stau. Die Lösung liegt darin, den vorhandenen Straßenraum besser zu nutzen. Dafür sind neuen Mobilitätsformen nötig: Ride Pooling, Ride Sharing oder Car Sharing.

Beim Ride Pooling kann sich der Kunde von einem professionellen Fahrer abholen lassen. Der Shuttle fährt mit weiteren Nutzern zu den Wunschzielen. Beim Ride Sharing findet der Fahrer per App Mitfahrer für den Arbeitsweg. Car Sharing zielt auf die geteilte Nutzung eines Fahrzeugs ab. Hierbei bezahlt der Kunde nur die gefahrenen Kilometer und stellt das Auto am Ziel ab – der nächste Nutzer kann anschließend darauf zugreifen. Damit werden die vorhandenen Autos besser genutzt und der Flächenbedarf gerade im ruhenden Verkehr substanziell reduziert.

Alle drei Konzepte können ein neues Geschäftsmodell sein. Vernetztes und automatisiertes Fahren wird die Verfügbarkeit und Effizienz dieser Innovationen weiter steigern. 

Auch wenn die Produktion von Fahrzeugen die Kernkompetenz der BMW Group bleiben wird, illustrieren diese Modelle den Wandel der Mobilität. Denn die Kunden erwarten, dass ihre Mobilität auf dem Handybildschirm organisiert wird.

E-Pods: autonom, vernetzt und elektrifiziert

Die neuen Mobilitätsformen werden allerdings nicht alle Herausforderungen lösen. Ein weiterer Durchbruch kommt erst, wenn individuelle Kleinfahrzeuge mit elektrischem Antrieb vollautomatisiert (Level 5) auf unseren Straßen fahren. Ich nenne sie E-Pods.

Sie bieten einer Person mit Gepäck bequem Platz, genügend Stauraum und Entertainment-Möglichkeiten. Ein individuelles Setup im Interieur bringt die Möglichkeit, den Arbeitsweg für Arbeitszeit zu nutzen und so den Büroaufenthalt zu verkürzen. Vergleichbar wäre ein Business Seat im Flugzeug, der den Anspruch von Premium-Mobilität erfüllt. 

Außerhalb der Stoßzeiten fahren die E-Pods individuell. Während der Stoßzeiten verbinden sie sich zu Flottenverbänden, dem sogenannten Platooning. Die Digitalisierung ermöglicht eine umfängliche Vernetzung: So wird ein logischer und störungsfreier Verkehrsfluss erzeugt und der Besetzungsgrad der Straße um ein Vielfaches erhöht. Dass ein Fahrer 35 Quadratmeter Platz braucht, ist dann undenkbar. 

Im Vergleich zu Ride Sharing und Ride Pooling bleibt die Privatsphäre erhalten. Am sinnvollsten könnten E-Pods als Mobilitätsdienstleistung genutzt werden. Man lässt sich per Smartphone orten, und nur Sekunden später wird man von einem autonom fahrenden E-Pod abgeholt. Das ist die neue individuelle Premium-Mobilität für den Stadtverkehr.

Auf dem Fahrrad-Highway den Stau umfahren

Ein weiterer Lösungsansatz für die Städte ist, Alternativen zum Autoverkehr attraktiver zu gestalten. Wer möchte schon mit dem Rad fahren, wenn er ständig von Pkw oder Fußgängern behindert wird? Die Lösung: Die Nutzungskonkurrenz auf der Straße muss aufgebrochen, und Rad-Trassen müssen neu gedacht werden.  

In China hat die BMW Group im Sommer die Idee des Fahrrad-Highways vorgestellt. Auf separaten Fahrbahnen, aufgeständert über dem Straßenverkehr, erhalten Radfahrer eine sichere Vorfahrt. Radfahrer sind auf den Schnellstraßen kreuzungsfrei unterwegs und kommen sich mit Autos nicht mehr in die Quere. Neben und über der Fahrbahn braucht es Glaswände und -dächer sowie eine Begrünung der Trassen – dadurch entsteht ein ganz neues Gefühl von Freiheit. An jeder Auf- oder Abfahrt können Fahrräder, E-Bikes, E-Scooter oder Segways gemietet werden – so kann ein Mobilitätsdienstleister auch Geld verdienen. 

Über Rampen und Schleusensysteme ist der Highway angebunden an das normale Straßennetz, U-Bahnstationen, andere Verkehrsknotenpunkte oder sogar Shoppingmalls. Es ist eine tolle Vorstellung, auf zwei Rädern aus der Münchner Innenstadt über der Leopoldstraße bis zum BMW-Werk im Norden dem Verkehr davonzufahren.  

Oft reichen schon kleine Hebel, die etwas bewirken können. Der BMW-Betriebsrat hat gemeinsam mit der Firma JobRad das BMW LeaseRad eingeführt. Das Modell ist einfach: Der Mitarbeiter least ein Fahrrad, bekommt durch eine Förderung des Arbeitgebers günstige Konditionen und damit einen Anreiz, Rad zu fahren. Das Feedback war überwältigend: 10.000 Mitarbeiter aus München und Landshut haben sich bereits für das System registriert und können die Förderung des Unternehmens nutzen. 

Ein Neuanfang der Mobilität muss gewollt sein

Nimmt man alle Beispiele zusammen, erkennt man, dass Arbeitsplätze und Steuereinnahmen nicht in Konkurrenz stehen zu Klimaschutz, Luftreinhaltung oder effizienter Flächennutzung. Selbst wenn Beispiele wie E-Pods noch großen Entwicklungsaufwand benötigen, sollten sie von der Automobilindustrie frühzeitig angegangen werden. Allerdings müssen alle Stakeholder an einem Strang ziehen – ein Unternehmen alleine wird keinen Erfolg haben. Es braucht ein neues gesamtgesellschaftliches Bündnis für unsere Mobilität von morgen.

Damit die beschriebenen Innovationen ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten können, sind zentrale Marktzugangsbarrieren zu beseitigen. Die Ladeinfrastruktur muss nicht nur in den Städten konsequent ausgebaut werden. Verkehrspolitisch müssen Anreize für die Nutzung von elektrifizierten Fahrzeugen geschaffen und Radverkehrstrassen neu geplant werden. Das Personenbeförderungsgesetz, das die Mitnahme von Mitfahrern untersagt, muss angepasst werden. 

Es wird Zeit, echte Innovationen auch umzusetzen. Es wird Zeit, Visionen endlich konkret werden zu lassen. Es wird Zeit für einen Neustart der Stadtplanung. Dafür lohnt sich jeder Einsatz.

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