Standpunkt Norwegen führt beim Kohleausstieg

Die konservative Partei in Norwegen will die Auflagen des norwegischen Pensionsfonds für Investitionen in Kohle-, Öl- und Gasunternehmen verschärfen und damit staatliche Gelder aus fossilen Energien abziehen. Das würde auch die RWE-Aktien im Portfolio betreffen. Lene Westgaard-Halle erklärt in ihrem Standpunkt, warum ihr Land damit zum Vorbild wird.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen

Mit Norwegens Entscheidung, der Kohleindustrie weitere Milliarden Euro zu entziehen und mit diesen Geldern des weltweit größten Staatsfonds stattdessen Solar- und Windenergieprojekte zu fördern, kündigt sich eine neue Zukunft an. Sie könnte die Umsätze des weltweiten Markts der sauberen Energien in ungeahnte Höhen emporschnellen lassen.

Der Vorschlag wurde im letzten Jahr von der konservativen Regierungspartei erarbeitet und soll im Juni 2019 als Gesetz verabschiedet werden. Das Gesetz sieht vor, dass der Norwegische Ölfonds bis zu zwei Prozent seines weltweiten billionenschweren Portfolios – insgesamt mehr als 20 Milliarden US-Dollar (etwa 18 Milliarden Euro) – in Solar- und Windenergieprojekte sowie in andere Erneuerbare-Energien-Projekte investiert.

Aus Sicht der konservativen Partei ist diese Neuausrichtung des Staatsfonds gleichzeitig eine notwendige Reaktion auf den Klimawandel und eine äußerst geschickte Finanzentscheidung. Wer sich vor dieser Entwicklung fürchtet, sollte sich klarmachen, wo der Trend hingeht, also wohin das Geld in Zukunft fließen wird.

Die Entscheidung ist aus vielen Gründen in finanzieller Hinsicht sinnvoll

Erstens gibt es bereits einen florierenden, viele Billionen schweren Markt für erneuerbare Energieinfrastruktur, der stetig wächst. Zweitens werden erneuerbare Energien rentabel. Drastisch sinkende Kosten, rasante technologische Fortschritte und anhaltend hohe Investitionsniveaus bedeuten, dass Fonds zur Förderung von Solar- und Windenergieprojekten den Norwegern in Zukunft genauso hohe und stabile Erlöse einbringen werden wie viele andere Fonds.

Im Gegensatz dazu sind Investitionen in die Kohleindustrie riskant, und werden bloß künstlich hochgehalten, und das nicht etwa, weil die Kohleverstromung eine Zukunft hätte, sondern damit diejenigen, die viel in die Kohle investiert haben, die letzten Dollar aus der Branche herauspressen können, bevor sie das sinkende Schiff verlassen. Was sie bereits tun.

Den Energieanalysten des Think Tanks IEEFA zufolge haben sich seit 2013 mehr als 100 Finanzinstitute weltweit in unterschiedlichem Umfang aus dem Kohlegeschäft zurückgezogen. Führend bei der Stilllegung von Kohlekraftwerken sind die USA. Selbst Japan hat durch neue, von Umweltminister Yoshiaki Harada initiierte politische Maßnahmen seinen aggressiven Pro-Kohle-Kurs zumindest teilweise wieder zurückgenommen und Neubauten sowie Modernisierungen von Kohlekraftwerken auf Eis gelegt. Auch Südkorea – einst von Vorständen und Geschäftsführern großer Kohleenergieunternehmen als wichtiger Zukunftsmarkt hofiert – vergibt inzwischen keine Baugenehmigungen für neue Kohlekraftwerke mehr.

Wie Bloomberg und andere Medien berichten, werden die neuen Auflagen der norwegischen Regierung dazu führen, dass Anteile in Höhe von 4,2 Milliarden US-Dollar (3,76 Milliarden Euro) abgestoßen werden. Das betrifft bekannte Energieunternehmen wie RWE, Glencore, BHP Billiton, Anglo America, South32, Sumitomo und Uniper. Norwegens 2015 beschlossener Investitionsstopp in den Kohlesektor wird damit weiter vorangetrieben, um die letzten großen Bergbauunternehmen und Energieriesen rauszuschmeißen, bei denen der Kohleausstieg zu langsam vorangeht.

Und es geht nicht nur um Kohle

Mark Lewis vom Asset Management der BNP Paribas (450 Milliarden US-Dollar verwaltetes Vermögen) warnte davor, dass erneuerbare Energien auch die Gewinne der Öl- und Gasindustrie unaufhaltsam schmälern werden. PR- und Lobbykampagnen ändern nichts daran und die Umsetzung von CCS-Technologien zur Abscheidung und Speicherung von CO2 erweist sich nach wie vor als schwierig. Nur der Wechsel von fossilen Brennstoffen zur Solar- und Windenergie wird Energieunternehmen vor dem finanziellen Ruin bewahren.

Vorerst wird der norwegische Ölfonds einige seiner weltweiten Investitionen in Öl- und Gasunternehmen wie Shell und Exxon beibehalten. Norwegen ist diesen rückläufigen Märkten durch das staatliche Ölunternehmen Equinor in zweifacher Hinsicht ausgesetzt. Insofern entwickeln sich diese Unternehmensanteile sowohl in ökologischer als auch finanzieller Hinsicht zu kollektiven Fallstricken für das Land. Die norwegische Zentralbank hat bereits die Alarmglocke geläutet, als sie warnte, dass der Ölfonds um 40 Milliarden US-Dollar reicher wäre, wenn er nicht Aktienanteile an ausländischen Öl- und Gasunternehmen halten würde. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis diese Anteile auch verkauft werden.

Es ist unbestreitbar, dass der Klimawandel umfassende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben wird und unsere finanzielle Zukunft in den erneuerbaren Energien liegt. Norwegen verschafft sich hier einen Vorsprung und je schneller wir die Änderungen umsetzen, umso größer werden die Gewinne sein, die wir einstreichen. Statt krampfhaft an fossilen Investitionsruinen festzuhalten, sollte unser Land sein Vermögen jetzt dafür einsetzen, unsere Zukunft zu gestalten; eine Zukunft, die sowohl finanziell als auch gesellschaftlich nachhaltigen Wohlstand bringt.

Dieser Schritt wird den weltweiten Energiemarkt für immer verändern. Man kann Investoren und Regierungen, denen hohe Renditen und ihre Zukunft am Herzen liegen, nur raten, dem norwegischen Vorbild zu folgen. 

Dieser Beitrag erschien auf Englisch zunächst bei der Thomson Reuters Foundation. Vermittelt wurde er über das internationale Kommunikationsnetzwerk GSCC. 

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen