Standpunkt Regionalisierung von Ausschreibungen bei Windkraft hilft nicht

Es gibt braucht mehr räumliche Koordination beim Ausbau der Windenergie. Die Regionalisierung von Ausschreibungen hilft aber nicht, schreiben die Volkswirtschaftler Paul Lehmann und Erik Gawel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in ihrem Standpunkt. Das sei weder kosteneffizient noch hebe es Standortpotenziale.

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Vertreter aus Politik und Wirtschaft sehen es zunehmend kritisch, dass der Ausbau erneuerbarer Energien innerhalb Deutschlands mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten voranschreitet. Das beklagte auch Michael Class, Vorstandsvorsitzender des Windkraft-Projektierers Juwi AG, jüngst in seinem Standpunkt bei Tagesspiegel Background. Als Lösung wird die Regionalisierung der EEG-Ausschreibungen vorgeschlagen. Damit soll erreicht werden, dass mehr Windkraftanlagen südlich der Mainlinie gebaut werden.

Gelingen könnte das beispielsweise, indem separate Ausbaumengen für Nord- und Süddeutschland festgelegt und ausgeschrieben werden. Alternativ könnte man an einer gemeinsamen Ausschreibung festhalten, Gebote aus dem Süden aber durch Boni bevorteilen. Laut Juwi-Chef Class lässt sich eine regionale Ausschreibung einfach und schnell umsetzen und hat vernachlässigbare Effekte auf die EEG-Umlage. Doch ist es tatsächlich so einfach?

Zunächst ist zu bedenken, welche Ziele mit der Einführung der Ausschreibungen verfolgt werden. Neben einer besseren Steuerung der Ausbaumengen geht es vornehmlich auch darum, durch den expliziten Wettbewerb zwischen Bietern und Standorten die Stromgestehungskosten zu reduzieren. Diese hängen maßgeblich von der Windhöffigkeit des jeweiligen Standorts ab. Eine räumliche Ungleichverteilung beim Ausbau der Windenergie ist die logische Folge und genau im Sinne einer Minimierung der Stromgestehungskosten. Ob die Umstellung auf Ausschreibungen in der Realität tatsächlich zu einer nennenswerten Senkung der Stromgestehungskosten geführt hat, mag fraglich sein. Klar ist aber: Eine Regionalisierung der Ausschreibungen würde diesem Ziel gerade zuwiderlaufen.

Natürlich bringt eine regionale Verteilung der Windenergie, die rein unter dem Aspekt der Stromgestehungskosten optimiert wird, Herausforderungen mit sich. Dazu gehört die Frage der Netzintegration von neuen Windenergieanlagen. Vor diesem Hintergrund kann es sinnvoll sein, dass Windenergie in bedeutsamem Umfang in Süddeutschland ausgebaut wird. Aber ist eine Regionalisierung der Ausschreibungen dafür tatsächlich das richtige Instrument? Grundsätzlich ist zweifelhaft, ob mit einer simplen Aufteilung Deutschlands in zwei Zonen konkrete Netzengpässe in Zukunft effektiv vermieden werden können.

Dazu bedürfte es vermutlich einer viel kleinräumigeren Steuerung. Darüber hinaus verbirgt sich hinter der Diskussion um eine Regionalisierung der EEG-Ausschreibungen der Gedanke, dass sich primär die Erneuerbaren an das bestehende Stromsystem anpassen müssen. Mittelfristig muss sich jedoch das Stromsystem auch an die Erfordernisse einer erneuerbaren Stromerzeugung anpassen – durch den intelligenten räumlichen Ausbau von Netzen, Speichern und flexiblen Reservekraftwerken.

Als völlig irreführend erweist sich das Argument, dass es regionaler Ausschreibungen bedarf, um die verfügbaren Flächenpotenziale in Süddeutschland zu nutzen. Es stimmt zwar: Sehr wahrscheinlich müssen auch Flächen in Süddeutschland in größerem Umfang bebaut werden, um die Energiewendeziele zu erreichen. Voraussetzung dafür ist jedoch zunächst, dass im Süden planerisch substantiell Flächen für die Windenergienutzung bereitgestellt werden. Insofern Flächen verfügbar sind, kann es dort in Zukunft auch mit dem gegenwärtigen Ausschreibungsregime zu einem Ausbau der Windenergie kommen.

Das gilt insbesondere, wenn die deutschlandweiten Ausschreibungsmengen adäquat fortgeschrieben und erhöht werden und geeignete Standorte im Norden Deutschlands zunehmend knapp werden. Gunstlagen werden dann zuerst, Ungunstlagen zu höheren Preisen später genutzt. Wird hingegen (zu Recht) beklagt, dass der deutschlandweite Ausbau der Windenergie nicht im notwendigen Maße erfolgt, muss eine Diskussion über die verlässliche Entwicklung und Höhe der Ausschreibungsmengen geführt werden, eine Regionalisierung der Ausschreibungen hilft hier nicht weiter. 

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