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Smart City & Verwaltung

Interview

Aschaffenburg: Dialog statt „Bitkom-Digitalisierung“

Eric Leiderer
Eric Leiderer ist seit 2020 Digital-Bürgermeister in Aschaffenburg. Sein Motto: digital und analog im Dialog. Dieses Leitbild prägt die Smart-City-Aktivitäten in der bayerischen Mittelstadt. (Foto: Stadt Aschaffenburg/Björn Friedrich).

Mit einem Antrag für eine Bundesförderung über die Modellprojekte Smart Cities ist Aschaffenburg 2020 gescheitert. Nun versucht die bayerische Stadt ihren Ansatz einer „Dialog City“ mit EU-Geldern umzusetzen. Andere europäische Städte sind mit an Bord. Kultur und Stadtgeschichte spielen eine wichtige Rolle, erzählt Bürgermeister Eric Leiderer im Interview.

Helen Bielawa

von Helen Bielawa

veröffentlicht am 06.10.2022

aktualisiert am 21.10.2022

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In Aschaffenburg fand Ende September der Auftakt für das EU-Projekt „Dialog City“ statt, das vom Creative-Europe-Programm kofinanziert und vom Stadtarchiv Aschaffenburg koordiniert wird. Projektpartner sind Culturepolis in Griechenland, die österreichische Stadtmuseum Graz GmbH, aus Italien die Fondazione Cirko Vertigo, das Centro Formazione Professionale Cebane Monregalese und das Consorzio Interaziendale Canavesano per la Formazione Professionale CIAC, sowie Quatorze aus Frankreich. Das Projekt läuft von Mitte 2022 bis Ende 2025 und hat ein Budget von einer knappen Million Euro. Das zugrundeliegende Konzept der Dialog City wird in Aschaffenburg schon seit mehreren Jahren umgesetzt.

Herr Leiderer, Aschaffenburg hat beim EU-Projekt „Dialog City“ den Hut auf. Wie kamen Sie darauf, bei der Digitalisierung den Fokus auf den Dialog zu legen?

Seit 2020 bin ich Bürgermeister von Aschaffenburg. Mit meiner Wahl wurde das neue Referat Digitalstrategie, Personalmanagement und zentrale Dienste ins Leben gerufen. Zum Start haben wir uns mit unserem Team gut drei Monate quasi eingesperrt, viel recherchiert, überlegt, und auch andere Städte besucht. In dieser Zeit haben wir einen Antrag für die Modellprojekte Smart Cities (MPSC) des Bundes formuliert. Darin haben wir geschrieben, dass wir das Wording „Smart City“ nicht zielführend finden. Stattdessen haben wir „Dialog City“ als Titel gesetzt.

Aus unserer Sicht war das wirklich ein Bomben-Antrag, aber wir haben die Förderung nicht bekommen. Trotzdem war das der Startpunkt für unsere Digitalstrategie. Im Prozess der Bewerbung haben wir gemerkt, dass bei Smart City etwas zu kurz kommt und dass praktische Beispiele, die den Menschen wirklich in den Mittelpunkt stellen, fehlen. Wir wollten die Menschen von vornherein mitnehmen und einbeziehen. Wir wollen das Digitale und Analoge verweben.

Wie genau wollen Sie das machen?

Reine Digitalisierungsmaßnahmen ohne analoge Auswirkungen sind für uns nur ein Nice-to-have, aber keine Digitalisierung, die eine Stadtgesellschaft prägt. Wir schmunzeln dabei immer über die sogenannte „Bitkom-Digitalisierung“, wo nur gemessen wird, welche digitalen Tools da sind. Wir sehen Digitalisierung als gesellschaftlichen Prozess, der alle Arbeits- und Lebensbereiche durchdringt.

Welche Auswirkungen hatte die Absage aus dem Bundesinnenministerium (BMI), das zu dem Zeitpunkt noch das MPSC-Programm verantwortete?

Das hat überhaupt nichts gemacht. Seit wir das Thema einmal für uns definiert hatten, haben wir andere Förderungen gewonnen: vom bayerischen Digitalministerium, dem bayerischen Heimatministerium und jetzt auch von der Europäischen Union.

Welche Beteiligungsprojekte haben Sie in Aschaffenburg denn schon umgesetzt?

Wir haben zum Beispiel einen sogenannten Digitalladen in der Innenstadt. Das ist ein Raum für Veranstaltungen, Podcasts oder Vereinstreffen und ist eine Anlaufstelle für Menschen, die Fragen rund um die Digitalisierung haben. Dort wollen wir jetzt eine digitale Ideenmanufaktur aufbauen. Wir arbeiten dabei mit der Technischen Hochschule Aschaffenburg zusammen. Menschen mit Ideen für unsere Stadt sollen im Digitalladen vorbeikommen und ihre Idee in die Ideenmanufaktur eingeben. Eine Künstliche Intelligenz soll dann im Hintergrund recherchieren, ob rechtliche Fragen gegen die Idee sprechen, ob es schon Projekte in diese Richtung gibt, wer Unterstützer sein könnte und welches Potenzial die Idee hat. Und es soll geklärt werden, ob die Idee eine Aufgabe für die Stadt ist, oder ob vielleicht ein Start-up daraus werden kann – dann würde die Person direkt in unser digitales Gründerzentrum geschickt. Im Oktober steht der Kick-off an.

Wie genau soll das funktionieren? Per App oder Sprachassistent?

Zuerst sammeln wir Daten in allen möglichen Bereichen der Stadt, wir machen also Befragungen, aktuell zum Schwerpunkt Mobilität. Dann soll daraus ein Sprachassistent werden, der im Digitalladen stehen wird. Den soll man sowohl per Sprache als auch per Texteingabe bedienen können. Unabhängig davon bieten wir auch analoge Design-Thinking-Workshops in der Ideenmanufaktur an. Hier haben wir also auch wieder digitale und analoge Möglichkeiten verknüpft.

Welche Rolle spielt die Verwaltungsdigitalisierung bei Ihnen?

Natürlich sind auch Online-Dienste der Verwaltung ein Thema für uns. Aber diese Online-Formulare, die im Rahmen des Onlinezugangsgesetz (OZG) entwickelt werden, sind ja nur ein Schild nach außen. Da können die Menschen etwas digital ausfüllen, aber innerhalb der Verwaltung gibt es weiterhin Medienbrüche, dort landet eine Mail, die ausgedruckt wird und dann ins Fachverfahren eingefügt wird. Wir in Aschaffenburg sind zwar in Bayern bei der OZG-Umsetzung führend unter den Städten bis 100.000 Einwohnern. Aber eigentlich machen wir hier lieber einen Schritt langsamer und dafür nachhaltig. Wir implementieren die neuen Services erst, wenn unsere Fachverfahren digitalisiert sind. Ansonsten würden wir die Menschen nur blenden, während im Rathaus weiter großes Chaos herrscht und analog gearbeitet wird.

Zu Ihrem Referat gehört neben Personalmanagement, Digitalisierung und IT auch das Stadt- und Stiftsarchiv. Wieso ist das so?

Das Personal ist das Herz für die interne Digitalisierung und die Abläufe im Rathaus. Das Archiv ist das Gedächtnis der Stadt. Ohne das Gedächtnis, ohne die Geschichte der Stadt zu erzählen, geht eigentlich nichts. Wir haben zum Beispiel ein Podcast-Format, in dem wir Lebensgeschichten der Digitalisierung erzählen und schauen, wie bestimmte Themen in der Vergangenheit oder in der Zukunft aussehen könnten. Daran sieht man, dass uns das Archiv wegen der Geschichte sehr wichtig ist. Deshalb war das Archiv von Anfang an bei der Digitalstrategie mitgedacht. Unser Archivleiter Joachim Kemper beim Stadt- und Stiftsarchiv ist sehr digitalaffin und entstaubt sozusagen alles bei uns. Er ist unser Innovator für viele Förderprojekte.

Welche Rolle spielt das Archiv für das Thema Partizipation?

Dabei ist das Stadt- und Stiftsarchiv führend. Beispielsweise gibt es ein Geschichtsprojekt namens „Aschaffenburg 2.0“, bei dem die Bürger die Stadtgeschichte mitschreiben können. Sie können zu ihrer Straße oder ihrem Zuhause einfach Texte über ihre Erlebnisse und Erfahrungen einschicken. Zusätzlich haben wir vom Heimatministerium für unser Projekt „Heimat Hub“ eine umfangreiche Förderung bekommen zum Thema Identität und Heimat. Wir beziehen dabei andere Landkreise aus der Region Untermain mit ein, die inzwischen auch ähnliche Einrichtungen wie unseren Digitalladen eröffnet haben. Hier geht es also auch wieder um Partizipation und das passt genau zu unserem Verständnis der Dialog City. So setzen wir alle Projekte auf: Sie müssen im Dialog sein, partizipativ sein, etwas Digitales haben und im analogen Leben eine Rolle spielen.

Was genau war denn die Motivation dafür, aus Ihrem Dialog-Ansatz ein internationales Projekt zu machen?

Sie werden lachen, aber die Idee ist zufällig entstanden. Nach der Absage vom BMI dachten wir, wenn uns der Bund nicht will, gehen wir eine Stufe höher. Auf EU-Ebene sind dann viele Türen aufgegangen und wir haben gemerkt, dass solche Themen dort auch stark gefördert werden. Die Bürokratie hat uns erst abgeschreckt, aber dank der Hilfe unseres Projektkoordinators Stefan Horn, der mit solchen Projekten Erfahrungen hat, haben wir auch den Papierkram bewältigt.

Wie kam es zu der Kooperation mit den Partnern aus Griechenland, Österreich, Italien und Frankreich?

Wir haben einfach andere Städte gefragt, was sie machen und ob Interesse an einer Zusammenarbeit bestünde. Dabei sind diese Länder herausgekommen. Mehrere Workshops zwischen den Partnern haben dann zur Ausformung des Antrags geführt. Im zweiten Schritt haben wir dann noch unsere Partnerstädte gefragt. Da ist dann noch Miskolc aus Ungarn hinzugekommen, vor allem aus alter Verbundenheit. Die fanden die Dialog City auch so spannend, dass sie etwas von uns lernen wollen und überlegen, ob sie auch etwas in die Richtung umsetzen können.

Am 23. September waren die Partner:innen aus der EU dann ja auch bei Ihnen in Aschaffenburg zum Auftakt von „Dialog City“ zu Gast. Wie geht es jetzt weiter?

Es sollen Digitalfestivals in den Partnerstädten stattfinden. Das nächste ist im italienischen Mondovi im Sommer 2023 geplant. Das soll keine Konferenz nur in einem Raum werden, sondern in einem großen Stadtteil – auch mit dem Thema Partizipation im Vordergrund. Und diese Festivals werden parallel auch bei allen anderen Partnern im kleineren Rahmen stattfinden. Welche Gestalt das annimmt, kann ich noch nicht sagen. Aber sich dabei Prinzipien wie unser „digital und analog im Dialog“ zu setzen, finde ich wichtig.

Auch die Auftaktkonferenz war ja recht offen konzipiert und hatte das besondere Format der „Unconference“, ohne vorher definierte Themen. Wie genau lief der Tag dann ab und welche Themen wurden diskutiert?

Viele haben erstmal ihren Stand vorgestellt, was sie unter dem Thema Dialog City verstehen. Da haben wir schnell gemerkt, dass wir eigentlich eine Wertedebatte führen und nicht nur über die Umsetzung von Projekten sprechen. Die Frage, wie man in der eigenen Stadt Digitalisierung diskutiert und wie man das mit Werten belegt, haben wir lange diskutiert – auch wie wir da unsere Start-ups und Unternehmen mitnehmen können. Denn wenn wir heute „Smart City“ rufen, dann stehen morgen unsere IT-Firmen vor der Tür. Aber wir wollen ja eigentlich ein Update der ganzen Gesellschaft diskutieren und nicht die Technik in den Vordergrund stellen.

Die Miskolcer haben dabei gemerkt, dass sie die Diskussion über Digitalisierung aktuell intern führen in der Stadtverwaltung. Die verstehen das Thema bisher eher technisch. Sie haben dann aber schnell gemerkt, dass das eine Gefahr birgt und, dass die Bürger dabei nicht mitkommen. Das wollen sie jetzt ändern und den Punkt Partizipation stärker ins Auge fassen.

Dann ist Miskolc also mit ins Projekt eingestiegen, obwohl sie bisher eigentlich völlig anders gearbeitet haben?

Ja, genau. Das Ganze ist ein Experiment. Es kann ja auch passieren, dass eine Stadt zwischendurch wieder aussteigt. Aber eigentlich können wir nicht scheitern. Die Miskolcer sagen, sie können eigentlich nur gewinnen, weil sie Impulse mitnehmen.

Gab es während der „Unconference“ schon erste Ideen, welche Projekte genau umgesetzt werden sollen?

Die Grazer haben ihr Bürgerarchiv vorgestellt, das ähnlich aufgezogen wird wie unser Projekt zu den Lebensgeschichten der Digitalisierung. Dort soll aber ein komplettes Archiv entstehen, das so viel Potenzial hat, dass jeder Mensch alles potenziell Wichtige darin festhalten kann. Ich persönlich kann mir auch noch nicht vorstellen, wie genau das funktionieren soll. Aber die Grazer denken Geschichte, Kultur und andere Themen ganzheitlich, sodass alle in einem Bürgerarchiv mitschreiben können sollen. Unser Stadt- und Stiftsarchiv wird im Projekt bei der Entwicklung des Prototyps auch mitmachen.

Dialog City“ wird ja über das Creative-Europe-Programm kofinanziert. Welche Rolle spielt das Thema Kultur für das Projekt?

Wir wollen im Kulturbereich Resilienz gegenüber Pandemien schaffen, mithilfe der Digitalisierung. Diese Idee ist vor allem aus der Coronapandemie entstanden, wo viele Künstlerinnen und Künstler hart getroffen waren. Wir wollen schauen, welche Möglichkeiten es da noch gibt – über Videokonferenzen oder so hinaus.

Kultur spielt zum Beispiel eine sehr starke Rolle bei den Festivals und auch bei dem Projekt rund um das Bürgerarchiv. Das Thema muss zwar nicht in allen Teilprojekten verankert sein. Für Dialog und Partizipation bietet der Kulturbereich aber sehr viele Anschlussmöglichkeiten. Die Mitmach-Ausrichtung des Gesamtprojekts spiegelt sich in den Digitalfestivals, im Bürgerarchiv, aber auch in einem „Art for public“-Austauschprogramm für Künstler:innen – und wir wollen eben die Zukunft neu denken und digital mitgestalten, was der Projektbereich der „Future Literacy“ meint, der auch wichtig ist.

Welche Projekte genau mit der Förderung über eine knappe Millionen Euro umgesetzt werden, ist also noch offen und ergibt sich erst während der Zusammenarbeit?

Das ist genau das, was uns an der EU gefallen hat. Wir mussten den kompletten Prozess nicht vorzeichnen. Das geht ja bei einer partizipativen Ausrichtung gar nicht. Das finden wir sehr fortschrittlich. Bei anderen Förderprojekten muss man immer wissen, was später herauskommt. Das geht in einem Dialog nicht. Wir mussten zwar im System eingeben, für welche Bereiche wir welche Gelder ausgeben wollen, aber da dürfen wir im Projektverlauf noch jonglieren.

Die einzelnen Städte bekommen ein Budget für ihre Digitalfestivals – da haben wir aber in Aschaffenburg den Lead und achten darauf, dass alles zum Motto „digital und analog im Dialog“ passt. Digitalisierungsprojekte als Mitnahmeeffekte zu finanzieren, geht nicht.

Wie tauschen Sie sich denn mit anderen Städten in Deutschland über Ihre Vision aus? Nehmen Sie zum Beispiel die Vernetzungsangebote der Koordinierungs- und Transferstelle Smart Cities (KTS) wahr, die die Modellprojekte Smart Cities begleitet?

Da läuft momentan kaum Kontakt – nicht weil wir beleidigt wären, weil wir nicht genommen wurden, sondern weil wir auch nur begrenzte Ressourcen haben. Für uns gab es da jetzt kein attraktives Angebot. Trotzdem sind wir in vielen Netzwerken verankert, vor allem in bayerischen Netzwerken. Auch bei der Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) sind wir Teil der Debatten rund um die Zukunft der Kommunen. Vor allem beteiligen wir uns dort an der Diskussion über den Wandel hin zu Netzwerkkommunen. Genauso verstehen wir uns. Die Dialog City hat viel mit Netzwerken und kommunikativen Plattformen zu tun.

Das Interview führte Helen Bielawa.

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