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Smart City & Verwaltung

Standpunkt

Lasst uns die Uni Speyer neu denken!

Foto: Marco Brunzel. Foto: MRN GmbH

Unter dem Motto „#Speyer2030“ sollte für die Bund-Länder-Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer eine neue Vision geschaffen werden, fordert der dortige Lehrbeauftragte und E-Government-Experte Marco Brunzel. Aus der altehrwürdigen Institution soll nach seiner Vorstellung ein „Campus der Innovation und Transformation“ werden.

von Marco Brunzel

veröffentlicht am 12.04.2022

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Im Zuge der schrittweisen Überwindung der pandemischen Extremsituation scheint – passend zur Jahreszeit – aktuell auch in der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer der Frühling Einzug zu halten. Über drei Tage war die altehrwürdige Verwaltungshochschule in der vergangenen Woche gemeinsamer Veranstaltungsort für drei sehr unterschiedliche, in gewisser Weise jedoch eng miteinander in Verbindung stehende, Events.

Den Anfang machte am Donnerstag ein hybrides Event im WITI-Innovationslabor, das im Rahmen der  Bund-Länder-Förderinitiative „Innovative Hochschule“ aufgebaut wurde. Der hessische CIO Patrick Burghardt übergab in dem Rahmen einen Förderbescheids an den KommunalCampus. Das 2020 von der Metropolregion Rhein-Neckar (MRN) auch in Zusammenarbeit mit dem WITI-Labor auf den Weg gebrachte Vorhaben zielt auf den Aufbau einer bundesweiten digitalen Weiterbildungsplattform im öffentlichen Sektor. Mit Fokus auf den kommunalen Bereich sollen zertifizierte beziehungsweise qualitätsgesicherte Lehr- und Lerninhalte unterschiedlichster Bildungsanbieter zusammengeführt werden. Hessen unterstützt den weiteren Ausbau der inzwischen in der Rechtsform einer Genossenschaft tätigen interkommunalen Institution.  

Am gleichen Tag startete die von Professor Hermann Hill im Rahmen des 75-jährigen Jubiläums der Universität Speyer organisierte Fachtagung „Die digitale Transformation gestalten. Hier thematisierte unter anderem Alexander Schweitzer, der rheinland-pfälzische Minister für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung, erneut die „doppelte Transformationsrolle“ des öffentlichen Sektors. So gilt es,  Staat und Verwaltung, als das grundlegende „Betriebssystem“ unserer Gesellschaft neu zu denken – gerade in Zeiten, in denen die fortschreitende Digitalisierung, der demographische Wandel aber auch der klimaneutrale Umbau unserer Wirtschaft die gesamte Arbeitswelt und damit auch die bestehenden Systeme der sozialen Sicherung vor fundamentale Herausforderungen stellt.

Speyer als Ort der Vordenker

Zahlreiche Teilnehmer der Fachkonferenz setzten an diesem Gedanken an und stellten einen direkten Bezug zur Geschichte der Universität Speyer her. So beschäftigte sich hier beispielsweise Niklas Luhmann, einer der Vordenker der soziologischen Systemtheorie, bereits vor über 60 Jahren mit grundlegenden Fragen einer erst kürzlich veröffentlichten „Theorie der öffentlichen Verwaltung“ sowie mit Fragen von „Recht und Automation in der öffentlichen Verwaltung“ (1966). Hier wirkte auch Heinrich Reinermann, ein wie Luhmann international anerkannter Wissenschaftler und Pionier der deutschen Verwaltungsinformatik. Ganz im Sinne einer von ihm über Jahrzehnte hinweg geforderten „Bauhaus-Bewegung“ für die öffentliche Verwaltung trug der von ihm konzipierte initiale Band 1 der Schriftenreihe Verwaltungsinformatik 1988 den programmatischen Titel „Neue Informationstechniken, neue Verwaltungsstrukturen?“ – eine Fragestellung, die es angesichts der Entwicklung aktueller Daten-, Identitäts- und Plattformtechnologien sowie damit verbundener Fragen des maschinellen Lernens, der Tokenisierung, aber auch der Digitalen Souveränität heute erneut zu beantworten gilt. 

Da trifft es sich gut, dass sich auch das N3GZ-Netzwerk die Universität Speyer letzte Woche als Treffpunkt und Tagungsort ausgesucht hat. Dieses besonders frische und agile Netzwerk von Nachwuchskräften aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, das sich mit der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung beschäftigt und Teil des Nationalen E-Government Zentrum (NEGZ) ist, hat sich längt etabliert – mit anspruchsvollen Impulsen zu Themen wie „Staat als Plattform“ sowie offenen und mitunter kritischen Diskursen zur OZG-Umsetzung, Gaia-X, FIT-Store/FIT-Connect oder auch einem „Manifest für eine richtig digitale Verwaltung".

Erfreulich war auch, dass Fedor Ruhose, der CIO des Landes Rheinland-Pfalz, nach seinem Beitrag auf der Fachtagung am Freitag spontan auch das Treffen des N3GZ-Netzwerkes besuchte, bevor er sich am Nachmittag dann im WITI-Labor über die dort laufenden und geplanten Projekte informierte. Dazu gehört neben Ideen für den Aufbau einer Smart City Akademie unter anderem auch die aktive Mitwirkung am Projekt E-Gov-Campus des IT-Planungsrats, bei dem es um einen – auch aus der Fortbildungsperspektive – spannenden Verbund sämtlicher wissenschaftlicher Einrichtungen im Bereich der Verwaltungsinformatik und E-Government handelt. Längst existieren Überlegungen, dieses Vorhaben langfristig an der Universität Speyer zu verankern und dann in enger Zusammenarbeit mit der Rektorenkonferenz der Hochschulen für den öffentlichen Dienst (RKHöD), um weitere fachbezogene Allianzen (etwa im Bereich Public Management) zu ergänzen.

Dies könnte ein weiterer Baustein für die notwendige strategische Neuausrichtung der gemeinsam von Bund und Ländern getragenen Universität Speyer sein. Und möglicherweise rückt ja auch CIO Patrick Burghardt das Thema Kompetenzen sowie das damit eng in Verbindung stehende gesamte System der Aus- und Weiterbildung im öffentlichen Sektor in den Fokus des hessischen Vorsitzes des IT-Planungsrats im kommenden Jahr. 

Universität Speyer strategisch neu ausrichten

Mit Blick auf den dreifachen Tagungsort wäre zu hoffen, dass diese vielen frischen Ideen möglichst bald auch die Universität Speyer selbst erfassen. Denn im 75. Jahr ihres Bestehens sind die fachlichen und strategischen Impulse der gemeinsam von Bund und Ländern getragen Universität in Bezug auf das digitale Neudenken unseres föderalen Mehrebenensystems eher überschaubar. Wo sind die prägenden Beiträge zur Debatte um eine Staatsreform im digitalen Zeitalter? Warum ist man auf wissenschaftlicher Ebene nicht Wortführer beim Onlinezugangsgesetz? Hier kommt mit Blick auf die Dimension und Gleichzeitigkeit der anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen in jeder Hinsicht deutlich zu wenig.  

Es wäre sehr spannend, wenn Initiativen wie etwa das N3GZ-Netwerk, inspiriert durch das Vernetzungstreffen in Speyer, im Verbund mit vergleichbaren Netzwerken wie NEGZ, NExTAWVKommune X.0, den kommunalen Spitzenverbänden und weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren einen breiten fachlichen Diskurs über die Zukunft der Universität Speyer auslösen würden. So ließe sich vielleicht bis zum Ende des Jubiläumsjahres der Universität gemeinsam ein konkreter inhaltlicher Vorschlag erarbeiten, der Bund und Länder vielleicht dazu motiviert, ihre gemeinsame Trägerschaft der Universität Speyer dafür zu nutzen, um die Universität radikal neuzudenken

Im Ergebnis könnte (und müsste) eine digital und personell hervorragend aufgestellte Universität entstehen, die jede Bundes- und Landesverwaltung ganz konkret als Baustein ihrer Transformationsstrategien nutzen könnte. Und das im Frühling besonders schöne Gelände der zumindest architektonisch maßgeblich durch das Bauhaus inspirierten Universität könnte von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam als „Campus der Innovation und Transformation“ genutzt werden. Was für eine wunderbare Perspektive! 

Marco Brunzel lehrt an der Universität Speyer. Zuvor leitete er den Fachbereich Digitalisierung bei der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. Vor 20 Jahren gründete Brunzel das Beratungsunternehmen City & Bits und engagiert sich bis heute in zahlreichen Initiativen und Netzwerken im Bereich der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors. 

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