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Standpunkt

Sechs Punkte für einen Neustart der Uni Speyer

Marco Brunzel, Lehrbeauftragter an der Universität Speyer
Marco Brunzel, Lehrbeauftragter an der Universität Speyer Foto: MRN GmbH

Das System der Aus- und Weiterbildung in der öffentlichen Verwaltung muss radikal neu gedacht werden, so Marco Brunzel, E-Government-Experte und Lehrbeauftragter an der Bund-Länder-Universität Speyer. Vor allem seine eigene Uni habe bei der digitalen Transformation einiges aufzuholen – und sollte viel stärkere Impulse setzen. In seinem Standpunkt schlägt Brunzel ein Reformpaket vor.

von Marco Brunzel

veröffentlicht am 25.10.2022

aktualisiert am 26.10.2022

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Zu den bescheidenden Erfolgen der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) gehört die Erkenntnis, dass engagierte und fachlich kompetente Mitarbeiter:innen bedeutend wichtiger (und leider auch viel knapper) sind als finanzielle Ressourcen. Mit Blick auf die vor uns liegenden gesellschaftlichen Herausforderungen – einschließlich der demographischen Entwicklung – ist es daher ein Gebot der Stunde, das bestehende System der Aus- und Weiterbildung im Bereich der öffentlichen Verwaltung radikal neu zu denken.

Amerikanische Elite-Universitäten als Vorbild

Wie das gelingen kann, zeigt der Digitalcampus des Hasso-Plattner-Instituts, der in diesem Herbst sein zehnjähriges Bestehen feiert. Das Projekt „Open HPI“ startete 2012 nach dem Vorbild amerikanischer Elite-Universitäten wie der Stanford University, wo beispielsweise bereits 2011 der aus Deutschland stammende KI-Forscher und „Google-Fellow“ Sebastian Thrun seinen Kurs „Einführung in die Künstliche Intelligenz“ als MOOC (Massive Open Online Course) anbot, und sich schon im ersten Jahr 160.000 Studenten anmeldeten beziehungsweise 23.000 an einem Online-Abschlussexamen teilnahmen.

Erfreulicherweise hat das Projekt Open HPI auch konkrete Impulse im Bereich des öffentlichen Sektors ausgelöst. So nutzen nicht nur die laufenden Projekte KI-Campus (des Stifterverbandes) und E-Gov-Campus (des IT-Planungsrats) sowie der Kommunal Campus (interkommunale Genossenschaft) die konzeptionellen Vorarbeiten und auch die technische Plattform des HPI, sondern auch große Bildungsprojekte der Zukunft wie die Entwicklung einer länderübergreifenden Schul-Cloud oder der Aufbau einer Nationalen Online-Weiterbildungsplattform („NOW!“, des Bundesarbeitsministeriums) setzen auf den Erfahrungen des HPI auf.

In Speyer liegt viel ungehobenes Potenzial

Auch die Universität Speyer begeht in diesem Jahr ein Jubiläum, wenngleich sich die Feierlaune hier leider in Grenzen hält, wie ich in einem Gastkommentar an dieser Stelle bereits einmal beschrieben habe. Denn es steht nicht gut um die vor 75 Jahren gegründete und seit 1952 von Bund und Ländern gemeinsam getragene Universität. Ein Indikator ist, dass es der Universität in den letzten Jahren (trotz milliardenschwerer digitaler Konjunkturpakete) nicht gelungen ist, einen substanziellen Beitrag in der fachlichen Debatte, um die aktive Gestaltung der digitalen Transformation zu leisten.

Dabei ist eine wissenschaftlich fundierte Perspektive für das dringend erforderliche Neudenken unseres über 200 Jahre alten Grundmodells der Arbeitsteilung im föderalen Mehrebenensystem dringend erforderlich. Diesen Bedarf sollten Bund und Länder auch gegenüber „ihrer“ Universität stärker adressieren. Dass hier aus Speyer diesbezüglich aktuell wenig kommt, ist traurig, gerade wenn man an die Tradition innovativer Ideen und Konzepte denkt, die maßgeblich hier ersonnen wurden.

Exemplarisch sei hier an Niklas Luhmann und Heinrich Reinermann erinnert, die hier die Grundlagen einer soziologischen Systemtheorie erarbeiteten beziehungsweise die Verwaltungsinformatik als Disziplin begründeten. Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen um Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Fachkräftemangel und Ressourceneffizienz sind das zwei hochaktuelle Themenfelder.

Wie die Uni Speyer reformiert werden könnte

Nicht nur deshalb sollten Bund und Länder nun so schnell als möglich ein substanzielles Reformpaket auf den Weg für „ihre“ Universität bringen. Dieses könnte unter anderem die folgenden Maßnahmenpakete enthalten:

Erstens sollen neue Bildungsinitiativen und Lernformate wie E-Gov-Campus oder Kommunal Campus institutionell an der Universität Speyer andocken und im Verbund mit der Rektorenkonferenz der Hochschulen für den öffentlichen Dienst weiterentwickelt und verstetigt werden.

Die Uni Speyer muss zweitens ihre Prozesse und Lehrangebote dringend digitalisieren. Das schafft die besten Voraussetzungen, um ein aktualisiertes Curriculum bestmöglich in die verschiedenen Aus- und Weiterbildungsstrategien sowie -programme der Bundesländer und des Bundes zu integrieren.

Im Zuge eines neu zu konzipierenden Curriculums sollte drittens der Weiterbildung eine besondere Priorität zukommen. Aufbauend auf den aktuellen Angeboten der Uni Speyer im Bereich der Technischen Referendare, sollte die Universität in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen eine Plattform für qualitätsgesicherte modulare Weiterbildungsangebote aufbauen. Hier bieten sich auch einige vielversprechende fachliche Anschlusspunkte, zu nationalen Projekten und Initiativen rund um Digitale Bildungsräume, den Aufbau der Nationalen Online-Weiterbildungsplattform beziehungsweise zur Einführung sicherer digitaler Identitäten (digitale Zertifikate/Credentials).

Um die Idee einer grundlegenden Erneuerung der Universität Speyer als „gemeinsames Projekt von Bund und Ländern“ zu unterstreichen, sollte viertens jedes Bundesland und der Bund eine herausragende wissenschaftliche Persönlichkeit für die Arbeit in einer Reformkommission „Speyer 2030“ nominieren.

Fünftens muss die Berufungspolitik angepasst werden. Es braucht „Brückenprofessuren“, die Verwaltungspraxis und Wissenschaft verstehen. Dazu sollte der Einfluss der Praxis gestärkt werden, beispielsweise durch die Einrichtung eines „Nutzerbeirates“, realisiert und gesteuert als ein Arbeitskreis des IT-Planungsrats.

Hinsichtlich der Finanzierung sollte der Bund sechstens perspektivisch einen Anteil 49 Prozent übernehmen. Zudem sollte der jeweilige Anteil der Bundesländer nach dem Königsteiner Schlüssel berechnet werden.

Lasst es uns anpacken

Das Neudenken der „Bund-Länder-Universität Speyer“ ist dringend erforderlich, denn die vor uns liegenden Aufgaben und Projekte werden um ein Vielfaches anspruchsvoller sein als die im Rahmen des OZG geplante (und nicht einmal geschaffte) „Elektrifizierung der Zugangswege“ zu 20.0000 Verwaltungen. Also: Auf nach Speyer!  

Marco Brunzel lehrt an der Universität Speyer. Zuvor leitete er den Fachbereich Digitalisierung bei der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. Vor 20 Jahren gründete Brunzel das Beratungsunternehmen City & Bits und engagiert sich bis heute in zahlreichen Initiativen und Netzwerken im Bereich der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors. Zudem initiierte er einige Buchprojekte, zuletzt 2021 das „Handbuch Onlinezugangsgesetz“.

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