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Smart City & Verwaltung

Standpunkt

Smartes Heizen schont Klima und Geldbeutel

Dirk Then, Geschäftsführer der Noventic GmbH
Dirk Then, Geschäftsführer der Noventic GmbH Foto: Dirk Then ist Geschäftsführer der Noventic GmbH, die vernetzte Lösungen und digitale Anwendungen für die klimaintelligente Steuerung von Gebäuden anbietet (Foto: noventic GmbH 2021)

Das größte CO2-Einsparungspotenzial birgt der Gebäudesektor. Dabei erzielt eine smarte Steuerung der Wärmeversorgung in Mehrparteienhäusern mehr als bauliche Maßnahmen an den Hüllen der Häuser, schreibt Dirk Then, Geschäftsführer der Noventic Group. Vermieter und Mieter können dadurch auch Geld sparen – die öffentliche Hand sollte vorangehen.

von Dirk Then

veröffentlicht am 26.04.2022

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Angesichts stark steigender Energiepreise und immer höherer Mieten spitzt sich die Diskussion um bezahlbares Wohnen zu. Klimaschutzmaßnahmen, die auch im Wohngebäuden notwendig sind, fordern ebenfalls ihren Preis – mit steigender Tendenz. Der Streit darüber, wer diese Kosten ganz oder überwiegend zu tragen habe ­– Mieter oder Vermieter – bestimmt meist die politische Debatte, greift aber zu kurz.

Eine smarte Steuerung der Wärmeversorgung in Mehrparteienhäusern kann einen sehr wirksamen Hebel für alle bieten, um schnell und kosteneffizient Energie einzusparen – sowohl zum Wohle der Bestandshalter als auch der Mieter. Die öffentliche Hand mit ihrem riesigen Gebäudebestand sollte hier zum Vorreiter werden. Auch bei den Hunderttausenden Wohnungen, die das neue Bauministerium in den kommenden Jahren anschieben will, sollte nicht ohne digitale Technik geplant werden. Eine Smart City oder Smart Region, die intelligente Heizsysteme nicht forciert, ist nicht wirklich smart.

Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif

Die drastische Steigerung der Energiekosten erleben viele Bürger derzeit vor allem an den Tanksäulen, wo die Preise für Benzin und Diesel neue Höchststände erreichen. Neben dem Krieg Russlands gegen die Ukraine ist auch die seit 2021 erhobene CO2-Steuer einer der Treiber dieser Entwicklung. Diese CO2-Steuer wird auf die Emission von Kohlendioxid erhoben und treibt damit die Kosten beim Heizen mit fossilen Brennstoffen in die Höhe. Der weitere Weg ist vorgezeichnet: Die Bundesregierung will, dass der Preis für eine Tonne CO2 von heute 25 Euro auf 55 Euro im Jahr 2025 steigt. Trotz der damit verbundenen Mehrkosten für die Mieterhaushalte halte ich die CO2-Steuer grundsätzlich für richtig. Durch diese Verknüpfung von tatsächlichem Verbrauch fossiler Ressourcen und CO2-Emissionen macht sie den Verbraucher zu einem aktiven Player im wohnungswirtschaftlichen Klimaschutz.

Man kann aus meiner Sicht nicht oft genug daran erinnern: Rund 30 Prozent der deutschlandweiten CO2-Emissionen stammen heute aus dem Gebäudebereich. Wenn es uns also nicht gelingt, hier einen Durchbruch zu schaffen, werden die deutschen Klimaziele kaum zu erreichen sein. Die CO2-Steuer kann hier einen Beitrag leisten. Vor allem, wenn die CO2-Kosten wie aktuell vom Gesetzgeber geplant je nach energetischem Sanierungszustand des Gebäudes zwischen Mieter und Bestandshalter aufgeteilt werden.

Smarte Heizungstechnik als zusätzliche, günstige Säule im Klimaschutz

Zum Erreichen der Klimaziele sollte daher auf die Verknüpfung von Verbrauchsdaten mit smarter Steuerungstechnik im Heizungsbereich gesetzt werden. Dies kann die deutsche Klimaschutzstrategie, die bislang auf Gebäudephysik und -technik fokussiert ist, sehr wirksam um eine weitere, niedriginvestive Säule ergänzen. Mit ihrer Hilfe lässt sich an dieser Stelle je investiertem Euro mehr CO2 einsparen als beispielsweise mit baulichen Maßnahmen an der Gebäudehülle.

Es geht unter anderem darum, die individuellen Temperaturwünsche aus den einzelnen Wohnungen mit der Steuerung der Zentralheizung zu verknüpfen. Mit Hilfe der kontinuierlich erfassten Soll- und Ist-Temperatur kann die Zentralheizung optimal ausgesteuert – und so eine verschwenderische Überversorgung vermieden werden. Mit Hilfe einer digitalen Assistenz vermeiden wir unnötige Wärmeverluste – zum Beispiel über eine im smarten Thermostat integrierte Fenster-Offen-Erkennung. Diese Verknüpfung bringt der privaten und öffentlichen Wohnungswirtschaft einen großen Hebel, um Klimakosten schnell zu reduzieren.

Schnelle Amortisation

Schon bei der bereits jetzt angestrebten CO2-Preisentwicklung der nächsten Jahre amortisiert sich die Investition in die Ausstattung für den Bestandshalter in rund zwei bis drei Jahren ­– abhängig von der Wohnungs- beziehungsweise Gebäudegröße und des energetischen Sanierungszustandes. Eine teure Wärmepumpe dagegen rechnet sich erst nach 20 Jahren.

Es kommt aber auch auf die Mieter an, sie müssen mitgenommen werden. Die Noventic hat unter Leitung von Professor Andreas Pfnür von der TU Darmstadt eine Umfrage unter 1.000 repräsentativ ausgewählten Mieterhaushalten durchgeführt. Die Ergebnisse sind ermutigend: Die überwiegende Anzahl der Mieter erkennt die eigene Mitverantwortung an und ist auch bereit, durch ein verändertes Heizverhalten einen Beitrag zu leisten. Gemeinsam mit den Bestandshaltern – der Wohnungswirtschaft – könnten sich hier „Beutegemeinschaften“ ergeben, die zum beiderseitigen Vorteil nach mehr Klimaschutz jagen.

Um Energie effizienter und damit sparsamer einzusetzen, müssen Mieter allerdings erst einmal wissen, wie viel Energie sie zuhause verbrauchen – und was das für ihren CO2-Fußabdruck bedeutet. Genau hier setzt die Energieeffizienz-Richtlinie (EED) der Europäischen Union an: Demnach haben Mieter neben der jährlichen Abrechnung auch Anspruch darauf, unterjährig über ihren Energieverbrauch informiert zu werden. Die im vergangenen Jahr verabschiedete Novelle der Heizkostenverordnung überträgt diese europäische Direktive in deutsches Recht. Ob allerdings der hier definierte – maximal monatliche – Rückblick wirklich ausreicht, bleibt in der Zeit der heutigen In-Time-Interaktion fraglich. Zudem führt die in der Heizkostenverordnung beschriebene postalische Informationspflicht den Grundgedanken Klimaschutz ad absurdum.

Smart-Home-Produkte ebnen dem Klimaschutz den Weg

Spätestens mit Einführung der CO2-Steuer ist daher aus meiner Sicht nicht allein die digitale Verbrauchserfassung, sondern vor allem deren Verknüpfung mit Zentralheizungssteuerung und Thermostaten in Mehrparteienhäusern für alle Beteiligten am sinnvollsten. Die Kombination dieser Infrastrukturbausteine reduziert nicht nur die laufenden Betriebs- und Verbrauchskosten und rechnet sich für den Bestandshalter innerhalb von zwei bis drei Jahren durch die so eigesparte CO2-Bepreisung – sie trägt auch dazu bei, die Klimaziele schneller zu erreichen. Damit wir das schaffen, brauchen wir die Vermieter, Mieter – und die öffentliche Hand als Role Model.

Dirk Then ist seit Juli 2020 Geschäftsführer der Noventic GmbH, die vernetzte Lösungen und digitale Anwendungen für die klimaintelligente Steuerung von Gebäuden anbietet. Zuvor war er bei anderen Unternehmen in leitenden Funktionen. Dirk Then hat an der Technischen Universität Kaiserslautern im Fachbereich Physik promoviert. Kommenden Montag, am 2. Mai, spricht er bei den Berliner Energietagen zum Thema „Der Faktor Mensch im wohnungswirtschaftlichen Klimaschutz“.

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