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Smart City & Verwaltung

zirkuläre Wirtschaft

Wie Barcelonas Fab Lab eine weltweite Bewegung inspiriert

Weltweit setzen sich sogenannte Fab Labs für zirkuläre Wirtschaft und Gesellschaft in ihren Städten ein. Das Labor in Barcelona koordiniert das Netzwerk und das dazugehörige Bildungsprogramm. Ein Besuch.

Helen Bielawa

von Helen Bielawa

veröffentlicht am 22.11.2022

aktualisiert am 29.11.2022

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In der hinteren rechten Ecke der großen Werkstatt summt die CNC-Fräse. Daneben findet ein Fotoshooting vor einer roten Leinwand statt. Im Seminarraum hinter einer Glasscheibe sitzt eine Gruppe Studierender im Unterricht. Die Studierenden nehmen an der Fab Academy teil, einem Fortbildungsprogramm von sogenannten Fab Labs in über 50 Städten weltweit. Das Motto lautet „How To Make (Almost) Anything“. Es geht darum, möglichst viele Dinge selbst herzustellen – ob Kleidung, Lebensmittel oder Software.

Das Fab Lab Barcelona liegt im Innovationsdistrikt 22@, dem ehemaligen Industrieviertel El Poblenou (Tagesspiegel Background berichtete). Es teilt sich Räume und Werkzeuge mit dem Institute for Advanced Architecture of Catalonia (IAAC). Das Fab Lab ist eines von weltweit fast 2.000 solcher Einrichtungen.

Sie alle vereint die Vision, dass ihre Städte sich bis 2054 selbst versorgen können. Nur noch Software und digitales Wissen sollen zwischen Städten ausgetauscht werden, während materielle Ressourcen im lokalen Kreislauf verbleiben. Dazu tragen die Labs durch Bildungsarbeit bei, und indem sie Bürger:innen digitale Fertigungstechnologien in offenen Werkstätten zur Verfügung stellen, zum Beispiel 3D-Drucker, Fräsen und Laser-Cutter.

Erstes europäisches Fab Lab

Das Fab Lab in Barcelona ist 2007 gegründet worden, von Tomas Diez, dem geschäftsführenden Direktor der Fab Foundation. Es war das erste Fab Lab in Europa. Inzwischen koordiniert das Lab sowohl das internationale Netzwerk der Fab Labs, als auch die Fab Academy, ihr gemeinsames Fortbildungsprogramm.

Die Labs verfolgen zwar ein gemeinsames Ziel, unterscheiden sich aber in ihren Aktivitäten. Der Fokus in Barcelona liegt seit einigen Jahren nicht mehr auf dem Betrieb eines Makerspaces und dem Herstellen von Produkten. Dafür hat die Stadt Barcelona inzwischen ein eigenes Angebot geschaffen und bietet fünf offene Werkstätten an. In diesen sogenannten „Ateneus de Fabricació“ können Bürger:innen digitale Fertigungstechnologien nutzen und soziale Innovationen für ihre Stadt entwickeln.

Das Fab Lab will dazu keine Alternative, sondern eine Ergänzung bieten. Es hat die Stadt bei der Gründung und Erstausstattung ihrer Labs beraten und fokussiert sich selbst nun auf Bildung und Forschung. Neben der Fab Academy bietet es Fortbildungen für Unternehmen, Schulen oder Regierungen an, forscht zu zirkulärer Zukunft, und kooperiert mit dem IAAC-Master „Design for Emergent Futures“. Für einzelne Projekte bekommt es Geld von der Stadt. Die wichtigste Finanzierungsquelle sind aber europäische Forschungsprojekte, zum Beispiel das Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020, Creative Europe und Erasmus Plus.

Formale Assoziation fehlt bisher in Barcelona

Einige Städte haben sich der Fab-City-Vision auch offiziell angeschlossen und sich politisch zu den Zielen der Fab Labs bekannt, also zu einer Transformation von Konsum und Produktion. Barcelonas ehemalige Bürgermeisterin Ada Colau machte 2014 dazu den ersten Aufruf und forderte andere Städte auf, es ihr gleichzutun. Weltweit haben 49 Städte oder Regionen eine solche Erklärung unterzeichnet. Zuletzt trat im Oktober Bali bei.

Das bisher einzige deutsche Mitglied ist Hamburg (Tagesspiegel Background berichtete). Dort haben 2020 mehrere Vereine, Institute und Unternehmen gemeinsam den Fab City Hamburg Verein gegründet, mit der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Innovation (BWI) als Schirmherrin.

In Barcelona fehlt eine solche formale Assoziation zwischen städtischen und gesellschaftlichen Akteuren bisher. Jessica Guy, Projektmanagerin, Designerin und Forscherin am Fab Lab Barcelona, hält deshalb Hamburg und auch Paris für am fortschrittlichsten. Diese beiden Städte zeichnen sich demnach durch ein besonders starkes lokales Netzwerk aus, das gemeinsam auf die Fab-City-Vision hinarbeitet. Sie betont aber, dass die Arbeit der unzähligen lokalen Labs trotzdem etwas verändert, auch ohne eine formale Zusammenarbeit mit der Politik. Treibende Kraft seien vor allem Grassroot-Initiativen, sagt sie.

Was das Lab für die Stadt bedeutet

Zu den zahlreichen Projekten, die im Fab Lab Barcelona bereits entstanden sind, zählt zum Beispiel das Smart-Citizen-Kit, ein Sensor-Kit und eine Online-Plattform, mit der Bürger:innen Umweltdaten erheben und teilen können. Ein anderes Projekt namens Centrinno beschäftigte sich mit der Neugestaltung von historischen, ungenutzen Orten in der Stadt. Weitere Projekte sind ein Open-Source-Sensor-Kit für Imker:innen, Produkte aus Lebensmittelresten oder Recycling- und Upcycling-Projekte für Schulen.

Am Hafen der Stadt ist eines der bisher größten Produkte zu sehen, die bisher aus dem Fab Lab entstanden sind: Das Fab Lab Solar House, das Studierende des IAAC für den Solar Decathlon Europe im Jahr 2010 gebaut hatten.

Können solche Projekte wirklich dafür sorgen, dass Städte innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte ihr komplettes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell umstellen? Jessica Guy glaubt an die Vision. „Wir sind überzeugt, dass der Status quo nicht funktioniert“, sagt sie. Deshalb arbeiten sie und das rund 30-köpfige Team im Fab Lab Barcelona daran. Sie setzt auf die Kraft des internationalen Netzwerks, auf die lokalen Innovationen und den Kompetenzaufbau durch Bildungsarbeit. Das stimmt sie optimistisch, dass Städte die Vision für 2054 erreichen können.

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