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Standpunkt

Wir müssen bei der Digitalisierung Tempo aufnehmen

Srini Gopalan, Sprecher der Geschäftsführung der Telekom Deutschland GmbH
Srini Gopalan, Sprecher der Geschäftsführung der Telekom Deutschland GmbH Foto: Telekom

Digitalisierung ist nicht die Lösung aller Probleme, aber ein wichtiges Werkzeug, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen, schreibt Telekom-CEO Srini Gopalan. Beim Netzausbau müsse Bürokratie abgebaut werden. Digitalisierung und Nachhaltigkeit müssten Hand in Hand gehen.

von Srini Gopalan

veröffentlicht am 28.06.2022

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Vor sechs Jahren bin ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern nach Deutschland gekommen. Es war keine rein berufliche Entscheidung. Wir lebten damals in Neu-Delhi, einer Stadt mit immenser Luftverschmutzung. Uns ging es also auch um grundsätzliche Dinge: Luft zum Atmen. Gute Bildung. Soziale Sicherheit. Diese Kombination ist nirgends so gut ausgeprägt wie in Europa und speziell in Deutschland.

Mein Gefühl ist, dass sich Deutschland seiner Schwächen manchmal bewusster ist als seiner Stärken. Ja, Selbstkritik ist wichtig. Denn durch Selbstzufriedenheit wird aus Vorsprung schnell Rückstand. Aber es braucht auch Selbstvertrauen, um die großen Herausforderungen zu meistern.

Digitalisierung hilft uns bei den großen Problemen

Denn davon gibt es einige. Die Bevölkerung Deutschlands nimmt ab. Von 82 Millionen aktuell auf 69 Millionen im Jahr 2050. Zugleich werden wir älter. Im Jahr 2050 wird bereits jeder Dritte älter als 65 Jahre sein. Noch dramatischer ist der menschengemachte Klimawandel. Um zumindest das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, darf Deutschland noch 6,1 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. Aktuell stoßen wir rund 675 Millionen Tonnen pro Jahr aus. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen noch einmal wichtiger geworden.

Deutschland muss produktiver werden. Nur dann kann es seinen Wohlstand erhalten. Gleichzeitig darf Wirtschaftswachstum nicht auf Kosten der Umwelt gehen. Wir müssen Ressourcen sparen. Im Kern geht es also um mehr Effizienz. Ein Patentrezept gibt es nicht. Aber: Digitalisierung kann helfen.

Wo wir digitale Werkzeuge einsetzen können

In der vernetzten Fabrik der Zukunft zum Beispiel herrscht ständige Transparenz über den Produktionsprozess. Die Prozesse werden schlanker. Dadurch sinken die Produktionskosten. Drei bis fünf Prozent mehr Effizienz sind in der vernetzten Fabrik möglich, schätzt McKinsey.

Auch die vernetzte Landwirtschaft ist ein Beispiel für die großen Chancen. Durch den Einsatz von Sensoren auf den Feldern kann auf derselben Fläche bis zu 30 Prozent mehr Ernte eingefahren werden. Gleichzeitig sinkt der Einsatz von Ressourcen. Denn gedünkt und gewässert wird nur so viel, wie die Pflanzen tatsächlich brauchen. 

Natürlich ist auch eine digitale Verwaltung notwendig. Griechenland hat sich nach der Finanzkrise konsequent digitalisiert. Jeder und jede Neugeborene bekommt eine eindeutige ID. Damit können inzwischen 1.500 Verwaltungsprozesse problemlos digital erledigt werden. Es ist gut, dass sich Deutschland mit dem Onlinezugangsgesetz auch auf diesen Weg macht.

Schneller Netzausbau braucht weniger Bürokratie

Eine Voraussetzung für die genannten Beispiele ist Vernetzung. Und dabei spielt die Deutsche Telekom eine wichtige Rolle. Wir wollen in Deutschland für den Ausbau von Glasfaser bis in die Wohnungen (FTTH) mehr als 30 Milliarden Euro investieren. Nebenbei bemerkt: FTTH ist eine nachhaltige Technologie und verbraucht im Vergleich zu den Kabelnetzen nur rund ein Siebtel an Energie.

Bis 2030 wollen wir 30 Millionen Haushalte „Glasfaser-ready“ machen. Wir kooperieren dazu auch mit zahlreichen Stadtwerken und haben mit allen großen Anbietern wie Telefonica oder 1&1 Verträge geschlossen. Sie können damit ihre Produkte auf unserem Netz anbieten. Die Unternehmen untereinander haben also eine gute Lösung für den FTTH-Ausbau gefunden. Durch Kooperation. Und durch Wettbewerb.

Was uns hilft: Weniger Bürokratie. Schnelle Genehmigungsverfahren. Hilfe bei der Suche nach Standorten für Mobilfunk. Unterstützung der kommunalen Wohnungsunternehmen, damit die Häuser nicht nur FTTH-ready sind, sondern tatsächlich angeschlossen. Was nicht hilft: Unsicherheit über die Investitionsbedingungen. Hier mache ich mir Sorgen. Bürokratie wird nicht abgebaut – wie es aktuell bei der Energiewende aus guten Gründen geschieht – sondern verschärft.

Beim Ausbau von Glasfaser verlegen wir heute Leerrohre. Die Bundesnetzagentur schlägt vor, dass die Telekom diese Rohre an Wettbewerber vermieten muss. Und zwar zu Preisen, die die Behörde festlegt. Umgekehrt soll das nicht gelten. Ein wirtschaftlicher Ausbau wird so erschwert. Das schafft Unsicherheit. 

Doch so wichtig Vernetzung ist: Sie ist nur ein Teil der Digitalisierung. Sie braucht noch mehr Zutaten: die Cloud, eine einheitliche ID für Transaktionen im Netz, Datenanalyse, Software, Sicherheit im Netz – und: Fachkräfte! Bei der Corona-Warn-App konnten wir sehen, was es bedeutet, wenn dieses Ökosystem noch nicht vorhanden ist. Ein wesentlicher Kostentreiber dort war die fehlende Digitalisierung der Labore und Gesundheitsämter. Mit 46 Millionen Nutzern ist die App gleichwohl die erfolgreichste in Deutschland und kann Basis sein, um eine einheitliche ID für alle Bürgerinnen und Bürger und digitale Bürgerdienste zu etablieren.

Glauben wir an uns selbst

Zu oft machen Verwaltungen es sich selbst und den Bürgerinnen und Bürgern schwerer als nötig. Die Telekom hat darum aktuell einen Public Innovation Hub gegründet. Das Lab bietet eine Simulationsumgebung: Online-Dienste der Verwaltungen und Bürgerämter können von Anfang bis Ende simuliert werden. Verwaltungen können dort also digitale Abläufe und Prozesse gestalten und direkt ausprobieren. Dadurch steigt die Umsetzungsgeschwindigkeit.

Wirklich effizient sind solche Lösungen allerdings erst dann, wenn nicht jede Gemeinde ihr eigenes System entwickelt. Die Politik hat also eine wichtige Koordinierungsfunktion. Aber vielleicht muss sie im Wirrwarr der Zuständigkeiten auch neue Strukturen schaffen.

Die Probleme, vor denen Deutschland steht, sind immens. Und doch sollten wir gerade jetzt optimistisch sein. Denn Optimismus bedeutet nicht, naiv zu sein. Es bedeutet, an die eigenen Handlungsoptionen zu glauben. Und dann anzupacken.

Wir alle haben die Pflicht, unseren Kindern das weiterzugeben, was wir selbst von unseren Eltern übernommen und weiterentwickelt haben. Wohlstand und soziale Teilhabe etwa. Und ja: Frische Luft zum Atmen. Die Digitalisierung ist für die junge Generation das größte Geschenk. Sie ist kein Patentrezept. Aber immerhin Teil der Lösung.

Srini Gopalan, geboren 1970, ist seit November 2020 Vorstand Deutschland und Sprecher der Geschäftsführung der Telekom Deutschland GmbH. Zuvor war er seit 2017 als Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom für das Segment Europa verantwortlich. Heute spricht er beim Kommunalkongress des deutschen Städte- und Gemeindebunds zum Thema „Digitaler Aufbruch – Gemeinsam gelingt er“.

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