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Smart City & Verwaltung

Standpunkt

Zirkuläre Experimentierräume in die Städte bringen

Alexa Böckel, Project Together
Alexa Böckel, Project Together Foto: Fee Kunze

In einer Circular Economy bleiben Ressourcen möglichst lange im Kreislauf, anstatt entsorgt zu werden. Um das zu erreichen, müssen lokal und international viele Akteure zusammenarbeiten, schreibt Alexa Böckel vom gemeinnützigen Unternehmen Project Together. Dazu gehören Verwaltung, Bürger:innen und Unternehmen.

von Alexa Böckel

veröffentlicht am 08.09.2022

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Das aktuelle lineare Wirtschaftssystem funktioniert nach dem take-make-waste Prinzip: Ressourcen werden aus dem natürlichen Kreislauf entnommen, durch die Industrie zu einem Produkt verarbeitet, Konsumierende benutzen das Produkt und es wird weggeworfen. Die Circular Economy hingegen hält Ressourcen und Materialien so lange wie möglich im Kreislauf, bevor sie in die Natur zurückgeführt werden.

Strategien der Circular Economy können uns dabei helfen, Ressourcen einzusparen, Modelle des Teilens zu entwickeln, die Nutzungsdauer von Produkten zu verlängern und nachhaltigere Unternehmen und Geschäftsmodelle aufzubauen. Immer mehr Städte kündigen an, Zero-Waste-Cities werden zu wollen oder bezeichnen sich als Circular Cities, wie beispielsweise Berlin, Frankfurt und München. Ein bekannter Ansatz ist die Sharing Economy, in der Smart-City-Lösungen eine wichtige Rolle spielen können.

Circular Society für tiefgreifende Veränderungen

Jedoch durften Bürger*innen größerer Städte in den letzten Jahren beobachten, wie aus einer guten Idee in der Theorie die nächste Mobilitätsherausforderung wurde – E-Scooter versperren Bürgersteige (was vor allem für Menschen mit Behinderung ein erhebliches Hindernis ist), vermüllen städtische Gewässer und erwirken eine zusätzliche Umweltbelastung. Smart ist daran nichts.

Technologische Lösungen allein werden nicht zu nachhaltigeren, partizipativen urbanen Räumen führen. Grundsätzlich verfügen wir über genügend Innovationen und Lösungen. Häufig nicht bedacht wird aber die Veränderung der Werte, Haltung und der Handlungen von Bürger*innen. Wie Uwe Schneidewind jüngst in dieser Reihe schrieb: Es braucht ein anderes Verständnis von Bürger*innenbeteiligung in einer Transformation.

Systemisch gedachte Lösungen, Beachtung von Bedürfnissen diverser Bürger*innen und experimentelle Ansätze finden sich in der Circular Society wieder. Die Circular Society setzt auf Beteiligung, Transparenz und Rückbesinnung auf das Wesentliche. Also auf das, was das gute Leben ausmacht. Häufig werden städtische Reallabore genutzt, um gemeinsam Lösungen zu testen, bevor sie großflächig ausgerollt werden.

Ideen für eine nachhaltige Zukunft

Diese Logik verfolgt auch Circular Futures, ein Programm von Project Together, das über 100 zirkuläre Start-ups, NGOs und Vereine mit dem öffentlichen Sektor und bestehendem Unternehmen zusammenbringt, zum Beispiel im Bereich Mehrwegverpackungen oder Plastic Credits.

In Deutschland gibt es unzählige zirkuläre Lösungen, vor allem von jungen Start-ups. Da wäre Reyclehero, ein Impact-Start-up, das die Entsorgung von recycelbaren Wertstoffen von Privathaushalten und Betrieben unterstützt und zeitgleich schwer zu vermittelnden Arbeitslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert. Oder der A-Gain Guide, die digitale Plattform für die Bürger*innen Berlins, um ihre Kleidung reparieren, wiederverwenden oder zum Recycling geben zu lassen. Für die verlängerte Lebensdauer von elektronischen Geräten setzt sich das Start-up Fixfirst ein und bietet Reparaturservice, vereinfacht aber auch durch seine Software das Reparieren für Kund*innen selbst.

Da Zirkularität nur in gesamten Wertschöpfungsnetzwerken eingebettet in gesellschaftlichen Prozessen sinnvoll umgesetzt werden kann, braucht es vor allem Beziehungsarbeit zwischen diesen jüngeren Akteuren und Kommunen wie auch alteingesessenen Unternehmen. Gut beobachten lässt sich dies am Mehrwegsystem, da im nächsten Jahr die Mehrwegpflicht in der EU greift – gastronomische Anbieter werden verpflichtet, bei To-Go-Essen und -Trinken eine Mehrwegalternative anzubieten.

Nötige Infrastrukturen müssen geschaffen werden

Um Verpackungen von Lebensmitteln zum Mitnehmen und allgemein zu vermeiden, braucht es lokale Infrastrukturen, die ein Mehrwegsystem möglich machen und verschiedene Lösungen, die ineinandergreifen. Die Bundesländer haben die wichtige Aufgabe, die Umsetzung des Verpackungsgesetzes zu kontrollieren. Unternehmen stellen mehrwegfähige Becher, Boxen und Dosen bereit, die entweder in den gastronomischen Betrieben oder von den Anbietenden gesäubert werden.

Es benötigt eine logistische Infrastruktur, die für die Verteilung der Verpackungen zuständig ist. Und ein Informationssystem, welches Endnutzer*innen über Rückgabestellen informiert und die beteiligten Unternehmen überprüfen lässt, wie viele Verpackungen sich an welchen Orten befinden.

Damit dieses System funktioniert, müssen Nutzende offen sein, Mehrwegalternativen auszuprobieren und in ihre Gewohnheiten zu integrieren. Gleichermaßen liegt es in ihrer Hand, sorgsam mit den Verpackungen umzugehen. Plus, es braucht wie bei vielen Themen in Bezug auf Nachhaltigkeit, breite Kommunikationskampagnen für alle Beteiligten, damit die ökologische Notwendigkeit verstanden wird und eine Bereitschaft entsteht, sich an den Lösungen zu beteiligen.

Alexa Böckel begleitet bei Project Together das Projekt „Circular Futures“ wissenschaftlich. Sie ist Promotionsstipendiatin im Kolleg Circular Economy der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Beim Circular Futures Festival kommen am 14. und 15. September einige der von ihr erwähnten Akteur*innen zusammen. Das Festival findet digital statt und ist kostenlos, eine Anmeldung ist hier möglich.

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