Smart Meter als Smartphone der Energiewirtschaft

Smart Meter werden die Energiebranche revolutionieren, glaubt Klaus Mittelbach, Vorsitzender der Geschäftsführung des Zentralverbandes der Elektronikindustrie (ZVEI). Seine Branche wolle ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Hier gebe es einen hohen Handlungsdruck.

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Herr Mittelbach, wie steht die Elektroindustrie zur Energiewende?


Die Elektroindustrie will, dass die Energiewende ein Erfolg wird. Die Chancen sind da. Es ist Zeit, dass wir sie besser als bisher nutzen. Die Technologien liegen größtenteils vor und müssen bei uns endlich zum Einsatz kommen. Dann können wir zeigen, dass der Umbau eines Energiesystems in einem Industrieland funktioniert. Das würde unsere Exportchancen nochmals verbessern.


Klima- und Energiepolitik sind keine natürlichen Antagonismen. Das zeigt auch die in der vergangenen Woche vorgelegte BDI-Studie „Klimapfade für Deutschland“, an der sich neben dem ZVEI auch viele andere Industriebranchen beteiligt haben. Die Bedeutung der Studie kann nicht hoch genug bemessen werden. Unternehmen haben in einem Bottom-up-Verfahren gesagt, welche Technologien was leisten können, um die Klimaziele zu erreichen und das Ganze noch mit einem Preisschild versehen. Im Ergebnis heißt das: Wenn wir es richtig angehen, erreichen wir die Klimaziele mit einer „schwarzen Null“. Das wäre ein Riesenerfolg!


Zwar zahlt die weitere Elektrifizierung besonders auf unsere Branche ein, uns ist aber daran gelegen, dass das gesamte System funktioniert und es nicht zu wirtschaftlichen Brüchen kommt.


Wie soll es nun weitergehen?


Jetzt ist es Aufgabe der Politik, weg von Einzelbausteinen und hin zu einem Gesamtsystem zu kommen. Die Systemaspekte müssen viel stärker in den Mittelpunkt rücken, sie bieten die größten Effizienzerfolge. So wie bei der Effizienzpolitik an sich. Da hat sich die Politik in den vergangenen Legislaturperioden nicht nur mit Ruhm bekleckert. Beispielsweise die Initiative für ein Gebäudeenergiegesetz, das im Bundesrat gescheitert ist. Dabei gilt nach wie vor der Grundsatz: Die Kilowattstunde, die ich nicht brauche, ist die preiswerteste.


Wie steht der ZVEI dazu, zusätzlich zum Emissionshandel einen CO2-Preis einführen?


Der Emissionshandel soll ja ein marktwirtschaftliches Instrument sein. Nur richtig funktionieren konnte er durch die anfängliche großzügige Ausstattung mit kostenlosen Zertifikaten nicht. Jetz CO2-Mindestpreise einzuführen, ist schwierig. Ein solcher Preis darf keine negativen Auswirkungen auf den Standort Deutschland haben.


Was für einen Unterschied macht das Klimaabkommen von Paris?


Deutschland hat einen völkerrechtlich bindenden Vertrag unterschrieben und steht im Wort wie alle anderen Unterzeichner. Die formulierten Klimaschutzziele für 2030 und 2050 sind bindend zu erreichen. Es besteht bereits hoher Handlungsdruck. Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren, sonst schaffen wir es nicht. Es ist schade, dass wir das nationale 2020-Ziel verpassen. Nicht weil es technisch nicht möglich gewesen wäre, sondern weil wir zu lange zu untätig waren. Beim Pariser Klimaschutzabkommen darf sich das nicht wiederholen. Wir müssen das Momentum, das von dem Abkommen ausgeht, nutzen. Die BDI-Studie hilft da enorm.


Wie wichtig ist die Digitalisierung?


Die Digitalisierung der Energiewende ist der nächste große Schritt, den wir jetzt machen müssen. Die Energiewirtschaft ist immer noch überwiegend analog, Sinnbild sind die alten mechanischen Ferraris-Zähler. Die Alternative steht parat und muss jetzt eingeführt werden. Smart Meter ermöglichen Kostenvorteile bei der Energie- und Verkehrswende und erlauben neue Geschäftsmodelle. Daten aus der Wohnung, die über den Smart Meter ausgelesen werden, können zum Beispiel für Pflegedienste hochinteressant sein. Und viele weitere Ideen werden sich erst noch entwickeln, wenn die dazugehörige Infrastruktur endlich aufgebaut ist. Der Smart Meter kann in gewisser Weise zum Smartphone der Energiewirtschaft werden. In Berlin erleben wir zum Glück, wie aus der sehr lebendigen Start-up-Community jeden Tag neue Ideen sprudeln.


Und wir können optimistisch sein: Vor fünf Jahren haben wir in der Industrie über Digitalisierung und Vernetzung zumeist nur gesprochen. Heute wird mit Industrie 4.0 Geld verdient. Die Digitalisierung wird auch die Energiewirtschaft beschleunigen.


Was bedeutet die Digitalisierung für das Energiesystem?


Das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende rückt ins Zentrum, das Energiewirtschaftsgesetz hingegen an den Rand, denn es steht nicht für Veränderung und Innovation. Die Technologie der Zukunft wird der Smart Meter sein, in einem stark dezentralisierten Energiesystem. Der Verbraucher wird mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben, weil er aus Tarifen wählen kann, die er wirklich braucht. Elektromobilität wird integriert werden und durch den Einsatz von erneuerbaren Energien erzielen wir eine größere Energieautarkie. Kundennutzen und Mehrwertdienste werden die Schlüsselbegriffe der Energiewelt von morgen.


Der Smart-Meter-Roll-out lässt aber noch auf sich warten. Wann kommt er?


Noch im ersten Quartals 2018 will das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik so weit sein, dass die ersten Geräte zugelassen werden.


Haben wir schon alle Technologien, die wir für die Energiewende brauchen?


Die Technologien, die wir benötigen, sind größtenteils vorhanden. Spätestens jedoch bis 2030. Dennoch werden wir über viele Jahre auch Gaskraftwerke als Back-up-Kapazitäten benötigen. Auch bei leistungsstarken Energiespeichern müssen wir noch zulegen. Aber: Es gibt keine Ausreden mehr! Mit der Energiewende kann und muss es vorangehen. Selbstverständlich ohne Verzicht oder Komfortverlust. Klimaschutz heißt nicht, von allem etwas weniger.


Eine Frage des Preises ist es aber schon.


Natürlich, aber auch eine Frage von Economy of Scale. Das ABS im Auto gab es zuerst auch nur in der S-Klasse und nach ein paar Jahren war es in jedem Auto – sogar gesetzlich verpflichtend – ohne kostenmäßig ins Gewicht zufallen.


Schwierigkeiten sehen Sie also keine mehr?


Selbstverständlich bleibt es eine große Herausforderung, die einzelnen Komponenten der Energiewende zu einem System zu verbinden. Bisher hatten wir eine sehr vertikale Struktur, gerade auch in der Gesetzgebung. Davon werden wir uns in Teilen verabschieden müssen, auch von der einen oder anderen lieb gewordenen Regulierung.


Zum Beispiel?


Bei der Elektromobilität hieß es, die Elektroautos müssten gefördert werden. Der ZVEI hat dagegen gehalten, die Bedeutung der Infrastruktur betont und Recht behalten. Solange diese nicht vorliegt, bleibt der Absatz von Elektroautos schleppend. Es reicht künftig nicht mehr aus, reine Klientelpolitik zu betreiben. In der digitalen Welt sind die Dinge vernetzt und beeinflussen sich gegenseitig.


Das Interview führte Susanne Ehlerding

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