Standpunkt So klappt der Ökostrom-Ausbau

Ignorieren, Bekämpfen, Verzögern: Lange bremste die deutsche Autoindustrie bei Elektromobilität und Energiewende. Das ändert sich gerade. Plötzlich sind die Autobauer ins Lager der Ökostrom-Lobbyisten gewechselt. Was es noch braucht, um den Erneuerbaren-Ausbau zu beschleunigen, beschreibt Gastautor und Verbraucherschützer Udo Sieverding.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen

Die E-Mobilität kommt, und mit sich bringt sie zweierlei: einen steigenden Bedarf an Strom und eine ungewohnte Lobby für dessen grüne Erzeugung. Denn gebraucht wird nicht irgendein Strom, sondern sauberer Ökostrom. Nur so kann die Technologie ihren Klimanutzen voll entfalten und ihre Akzeptanz sichern.

Deshalb braucht es schnell mehr Erzeugungskapazitäten für günstigen Strom aus erneuerbaren Quellen. Doch die sind aktuell nicht in Sicht. Im Gegenteil: Bei der Photovoltaik ist der Zubau nach wie vor gesetzlich gedeckelt, beim Wind droht gar der Rückbau bestehender Anlagen. Denn wenn sie nach 20 Jahren aus der EEG-Vergütung fallen und an ihren Standorten kein Repowering möglich ist, könnten ab 2021 vor allem Onshore-Windkraftanlagen vom Netz gehen.

10.000 Windräder für die E-Flotte

Nun ist die E-Mobilität bei weitem nicht die einzige, die mehr günstigen grünen Strom braucht. Das Erreichen der Klimaziele, der Ausstieg aus der Kohle – das alles ist gar nicht denkbar ohne mehr Solar- und Windkraft. Selbst wenn wir die immensen ungenutzten Möglichkeiten der Effizienzsteigerung ausschöpfen, wird es ohne starken Zubau nicht gehen. Die E-Mobilität aber hat zwei Vorteile: Zum einen bringt sie Zahlen mit sich, die den Mangel an grünem Strom greifbarer machen. Zum anderen bringt sie eine neue, mächtige Lobby ins Spiel.

Zunächst zu den Zahlen: Wäre Deutschlands gesamte Pkw-Flotte elektrisch unterwegs, wäre der jährliche Gesamtstromverbrauch um circa 100 Terawattstunden (TWh) höher. Das entspricht einer Steigerung um ein Fünftel und der Erzeugung von 10.000 modernen Windrädern. Das ist sehr viel. Es steht zu hoffen, dass Umstiege auf ÖPNV und Fahrrad sowie weitere alternative Antriebstechnologien diesen Wert noch verringern. Aber selbst ein Bedarf dieser Größenordnung könnte mit sauberer Energie bedient werden. Wenn Prioritäten gesetzt werden.

Bei der Prioritätensetzung kommt unter anderem die erwähnte Lobby ins Spiel. Derzeit gibt es in der Politik ja einen Überbietungswettbewerb um die bestklingenden Bekenntnisse zum Ziel „Klimaschutz“. Geht es aber um Klimaschutz als konkretes Bündel von Maßnahmen, nimmt die Entschlossenheit deutlich ab. Da kann es durchaus hilfreich sein, wenn jetzt – ausgerechnet – die Automobilindustrie zur Hilfe eilt.

Bislang bremste die Autoindustrie

Zwar sind auch hier noch Zweifel angebracht, wie ernst die meisten Hersteller es mit der E-Mobilität meinen. Schließlich blicken wir zurück auf viele Jahre des Ignorierens, Bekämpfens und Verzögerns. Aber es gibt erste Bekenntnisse zum E-Auto. Und den Firmen dürfte klar werden, dass ihr Ruf nach einer guten Ladeinfrastruktur als Voraussetzung für eigene gute Absätze seinerseits eine simple Voraussetzung hat.

Nämlich die, dass genügend Strom da ist. Und zwar sauberer, erschwinglicher Strom, der die Akzeptanz der Technologie fördert. Das bedeutet letzten Endes, dass Automobilkonzerne zu Lobbyisten im Stromsektor werden. Oder werden müssen. Denn weit über die Energieversorgung für ihre eigenen Fabriken hinaus teilen sie jetzt ein Ziel mit preis- und klimabewussten Verbrauchern und anderen Industrien, die die Tatsache des Kohleausstiegs anerkennen: Den raschen, günstigen Ausbau erneuerbarer Energien.

Dass das aktuelle Ökostromsystem das Problem nicht lösen kann, sollte klar sein. Zwar wähnen viele E-Mobilisten sich schon grün mobil – „100 Prozent Ökostrom“ steht schließlich auf den Ladesäulen und ihrer Stromrechnung. Doch nur wenige Ökostromtarife tragen wirklich zum Ausbau der erneuerbaren Energien bei. Meist handelt es sich um reine Mitnahmeeffekte aus bestehenden Anlagen im Ausland. Klimanutzen? Nahe Null – die Gesamtmenge an grünem Strom bleibt unverändert.

Was also ist konkret zu tun?

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die dezentrale Erzeugung. In Photovoltaikanlagen zum Beispiel auf Supermärkten, öffentlichen Gebäuden oder Gewerbebetrieben, mit angeschlossenen Ladesäulen. Und die eigene Stromtankstelle auf dem Eigenheim. Gerade letztere ist ein psychologischer Schlüssel für die Energiewende, fördert deren Akzeptanz.

Aus unserer Beratungserfahrung  wissen wir, dass es bei der Eigenversorgung oft nicht nur um Wirtschaftlichkeit geht, sondern auch um Unabhängigkeit. Aus diesem Antrieb heraus können Verbraucher einiges für den Klimaschutz tun. Zum Beispiel kann ein tagsüber ladendes E-Auto, das für jährlich rund 10.000 Kilometer 1800 Kilowattstunden benötigt, ein Drittel der Energie direkt vom Dach beziehen. Mit Batteriespeicher sogar mehr als zwei Drittel. Doch es bleibt immer ein Rest. Die 100-prozentige Eigenversorgung ist kaum möglich. Und Mietern ist diese Möglichkeit derzeit komplett verschlossen.

Stockender Ausbau, heftiger Widerstand

Der technische Schlüssel für die Lösung des Problems liegt deshalb darin, sämtliche Potenziale zu erschließen. Auf den Dächern, aber auch in der Fläche. Was wir brauchen im e-mobilen Nach-Kohle-Zeitalter sind Onshore-Windparks und Freiflächen-Photovoltaik. Weil sie leistungsfähig sind und zugleich nicht sehr kostspielig. Doch hier verzeichnen wir derzeit keine großen Fortschritte, im Gegenteil: Der Ausbau stockt.

Bei der Windkraft an Land ist der Zubau 2018 im Vergleich zu 2017 um 55 Prozent eingebrochen. Für das erste Halbjahr 2019 erwartet die Branche nicht mehr als 300 Megawatt (MW) Kapazitätsgewinn – vor wenigen Jahren noch wäre das sogar für einen einzigen Monat ein schwacher Wert gewesen. Und die teils sehr hitzig geführte Diskussion um Landschaftsbild und Naturschutz spricht nicht für eine schnelle Trendumkehr. Hierfür und für den drohenden Rückbau ehemaliger EEG-Anlagen müssen dringend Lösungen gefunden werden.

Dafür muss die Politik den Moment nutzen. Klimaschützer und Industrien ziehen gewissermaßen an einem Strang – noch größer kann der Konsens kaum werden. Die Abwägung mit Aspekten des Umweltschutzes und der Wohnqualität spielt natürlich weiter eine große Rolle.

Aber zur Wahrheit gehört: Wer saubere Elektromobilität auf den Straßen sehen will, muss Windräder an Land tolerieren. Wer die Kohle ablösen will, muss Photovoltaik auf Freiflächen akzeptieren. Und wer Klimaziele erreichen will, muss den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien initiieren. Mehr Lobby als heute gab es dafür noch nie.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen