„Strenge Klimapolitik ist für die Unternehmen, nicht gegen sie“

Deutschland kann zeigen, dass Industrie und Klimaschutz zusammengeht, sagt Johan Rockström, designierter Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), im Interview mit Tagesspiegel Background. Allerdings müsste die Politik auch entsprechende Pfade für Emissionsminderungen aufzeigen, etwa über einen CO2-Preis.

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Herr Professor Rockström, in seinem jüngsten Bericht beschreibt der Weltklimarat IPCC, warum wir eine Erderwärmung von mehr als 1,5 Grad vermeiden müssen. Was ist so schlimm daran, wenn es ein bisschen wärmer wird?


Heute ist die Erde schon ein Grad wärmer als noch vor Beginn der Industrialisierung und das liegt maßgeblich daran, dass wir Kohle, Öl und Gas verbrennen. Wir sehen bereits jetzt verstärkt Wetterextreme und ihre Folgen, von Dürren oder Überflutungen bis hin zu Hurrikans oder Waldbränden. Schon bei nur einem Grad mehr! 2018 ist noch nicht zu Ende, aber es wird vielleicht in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem sich viele Folgen und Konsequenzen des Klimawandels für Wirtschaft und Gesellschaft weltumspannend deutlich gezeigt haben.


Dazu kommt, dass wir bei einer Erwärmung von mehr als 1,5 Grad vielleicht bereits Kipppunkte überschreiten, die zu einer sich selbst verstärkenden weiteren Erwärmung führen könnten. Etwa wenn die arktischen Eisflächen auf dem Meer schmelzen und so weniger Sonnenstrahlung reflektiert werden kann. Oder weil durch tauenden Permafrost Methan in die Atmosphäre freigesetzt wird und der Boden vom Speicher zur Quelle von Treibhausgasen wird.


Wir können nicht ausschließen, dass schon bei einer Erwärmung von deutlich unter zwei Grad Prozesse angestoßen werden, die den Klimawandel auch ohne weiteres menschliches Zutun langfristig und vielleicht unumkehrbar weiter antreiben würden. Dem würden wir alle kommenden Generationen aussetzen.


Klimaforscher haben immer gewarnt, dass es fünf vor 12 ist und die Emissionen schnell sinken müssen, spätestens nach 2020. Jetzt wirft der IPCC eine neue Zahl in die Runde: Eine Halbierung der Emissionen bis 2030. Ist es jetzt wieder zehn vor 12?


Der Eindruck täuscht. Tatsächlich ist der IPCC aus meiner Sicht mit seinen Aussagen klarer als je zuvor: Wie auch immer wir die Daten hin und her wenden, wir haben nur ein Jahrzehnt, um die CO2-Kehrtwende zu schaffen und die Menschen noch vor den größten Risiken des Klimawandels zu schützen. Besser als je zuvor wissen wir mit diesem Bericht, was bereits bei einer Erwärmung von nur 1,5 Grad Celsius auf dem Spiel steht. Wir müssen die Kurve der Treibhausgasemissionen schnell nach unten bringen, das ist eine ganz klare Botschaft des Berichts. Jetzt ist die Zeit zu handeln.


Wie beurteilen Sie die Klimapolitik der deutschen Regierung in diesem Licht?


Ich verstehe, dass auch Deutschland vor großen Herausforderung beim Klimaschutz steht. Die deutsche Energiewende und die deutsche Klimapolitik auf europäischer Ebene waren immer sehr konstruktiv. Wenn sie voll umgesetzt würden, hätten sie großen Einfluss auf die Zukunft Europas und für die Klimaagenda in der Welt, und ich bewundere das. Gleichzeitig besorgt es mich, dass es auch große Widersprüche gibt in Deutschland, zum Beispiel wenn man sich die Abhängigkeit von der Kohle anschaut. Es ist ein Land, das mit seiner fossilen Abhängigkeit kämpft.


Für mich ist Deutschland der perfekte Ort, um wirklich etwas zu bewegen. Deshalb bin ich als Schwede jetzt hier. Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Es ist eine führende Industrie- und Technologienation. Es nimmt den Klimawandel ernst. Wenn Deutschland der Übergang zu einer Wirtschaft ohne fossile Brennstoffe gelingt, dann wird das auch anderen Ländern zeigen: Es ist machbar, wir können das schaffen. Hier spielt auch die Arbeit der Kohle-Kommission der Bundesregierung eine große Rolle.


Haben Sie Verständnis dafür, dass sich die deutsche Regierung in der EU für niedrige CO2-Grenzwerte von Autos einsetzt, um die heimische Automobilindustrie zu schützen?


Ich habe als wissenschaftlicher Berater für Volkswagen gearbeitet, ich weiß, wie etwa Volvo und Scania über das Thema denken und ich habe in Schweden eine große Initiative zur Dekarbonisierung der Transportindustrie geleitet. Es gibt heute innerhalb der Industrie eine große Einsicht, dass die Zukunft nicht im Verbrennungsmotor liegt. Von der Elektrifizierung über verschiedene Arten von Biokraftstoffen bis hin zum digitalen autonomen Fahren – ich glaube, dass wir vor einer potenziellen Revolution der Mobilität stehen.


Für Unternehmen birgt das ein enormes Risiko, zu den Verlierern zu gehören, wenn sie nicht an vorderster Front dieser Revolution stehen. Kürzlich wurde berichtet, dass in den USA erstmals mehr Autos von Tesla verkauft wurden als etwa von Mercedes oder Audi. Wir leben in aufregenden Zeiten, in denen wir exponentiell wachsende, disruptive Technologien sehen, die schon lange auf dem Sprung waren und nun schnell groß werden könnten. Das wird die Industrie auch in Deutschland verändern.


Das muss jedoch mit einer bestimmten Politik verbunden sein. Eigentlich sind strenge und wissenschaftliche basierte Regulierungen der beste Freund der Industrie. Wenn man klare Pfade für die Minderung von Emissionen aufzeigt oder Kohlendioxid einen Preis gibt, fühlt sich das anfangs vielleicht hart an. Aber es zwingt die Industrie, Prioritäten zu setzen, von denen sie mittelfristig profitieren wird. Eine strenge Politik wäre also keine Politik gegen die Autoindustrie in Deutschland, sondern für sie.


Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit einer nachhaltigen Produktion von Lebensmitteln. Können wir zehn Milliarden Menschen auf dem Planeten ernähren?


Bereits heute ist unser Ernährungssystem einer der wichtigsten Treiber für den Klimawandel, für die Übernutzung von Wasserressourcen und für Umweltverschmutzung. Ob wir die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad und möglichst sogar 1,5 Grad begrenzen können, wird auch daran hängen, ob wir es schaffen, die Emissionen in der Landwirtschaft zu senken oder der Entwaldung und Degradierung der Böden entsprechend zu begegnen. Das ist eine enorme Herausforderung, zumal wir die Produktion von Nahrungsmitteln bis 2050 um die Hälfte erhöhen müssen, um eine Weltbevölkerung von bis zu zehn Milliarden Menschen ernähren zu können.


Aber es ist möglich, das haben wir erst kürzlich wieder in einer in „Nature“ veröffentlichten Studie gezeigt. Um die Nahrungsmittelproduktion innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen und damit innerhalb eines sicheren Handlungsspielraums für die Menschheit zu halten, können wir drei Dinge tun: Mehr gesundes Gemüse und weniger Fleisch essen, systematisch Lebensmittelverschwendung vermindern und landwirtschaftliche Technologien und Management verbessern wie zum Beispiel bei der Bodenbearbeitung oder dem Düngerrecycling. Eine weitere Studie hat gezeigt, dass 29 Prozent der Bauern weltweit solche nachhaltigen Praktiken bereits anwenden. Wir haben das Wissen dafür. Aber es braucht auch eine Veränderung im Lebensstil.


Müssen wir also unser gutes Leben aufgeben?


Vor 20 Jahren wäre die Antwort vielleicht noch gewesen: Ja, wir müssen unser gutes Leben aufgeben. Das war die Art, wie das Problem diskutiert wurde: Entweder schützen wir die Natur, oder wir haben ein gutes Leben. Beides zusammen geht nicht.


Heute würde ich ohne zu zögern sagen: Nein, wir müssen unser gutes Leben nicht aufgeben. Es gibt so viele Beweise, dass eine nachhaltige Zukunft eine gesündere, modernere und attraktivere Zukunft ist. Nehmen Sie zum Beispiel Peking, wo die Luftverschmutzung bereits Auswirkungen auf Gesundheit und Lebenszeit hat. Ich würde deshalb sogar noch weiter gehen: Wenn irgendetwas unser gutes Leben bedroht, dann ist das ein nicht-nachhaltiger Lebensstil. Wir haben so viele Beweise und Indizien, dass die Abhängigkeit von der Kohle keine moderne, gesunde, attraktive und saubere Zukunftsoption für die Menschheit ist. Eine technologiegetriebene Gesellschaft mit null Emissionen ist da doch eine ganz andere und vielversprechende Perspektive.


Natürlich müssen wir uns und vielleicht auch unsere Werte verändern und weiterentwickeln. Es gibt keinen Zweifel, dass das Konsumverhalten, das wir in den vergangenen 25 Jahren gesehen haben, nicht nachhaltig ist. Das ist eine ganz andere Welt als noch vor ein paar Jahrzehnten. Aber weniger Konsum heißt eben nicht, das gute Leben aufzugeben. Es ist die Gelegenheit für ein anderes, besseres Leben.


Wie kann man die Menschen motivieren, dabei mitzumachen?


Wir sollten aufhören so zu reden, als wäre der Schutz der Natur ein Opfer, für das wir etwas aufgeben müssen. Und lieber sagen, sich um die Umwelt zu kümmern, das geht Hand in Hand mit einem guten Leben. Wenn man Arbeitsplätze, eine starke Wirtschaft und ein wettbewerbsfähiges Deutschland haben will, geht es nicht ohne Nachhaltigkeit. Das wäre eine neue Wahrnehmung der Nachhaltigkeit als innovativere, wettbewerbsfähigere und erfolgreichere Alternative und Chance.


Klar ist aber auch: Weder in Deutschland noch in Schweden kümmern sich die Menschen in erster Linie um Nachhaltigkeit. Sie kümmern sich erst mal um ihre Familie, ihre Kinder und ihren Alltag. Wenn es also leicht für Menschen ist, nachhaltig zu leben, werden sie es tun. Wenn es schwierig ist und teurer, dann werden sie nicht nachhaltig leben. Es muss eine leichte Wahl sein. Wenn man zum Beispiel ein großes Angebot öffentlicher Verkehrsmittel hat und richtig gute Fahrradwege und leichten Zugang zu gesunden Lebensmittel, kann das in sich selbst ein Weg in eine nachhaltige Zukunft sein. Derzeit scheint es mir oft noch zu schwierig zu sein, nachhaltig zu leben. Sogar in einem Land wie Deutschland ist es manchmal einfacher, das Flugzeug zu nehmen als die Bahn.


Noch eine Baustelle ist die Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll. Die Deutschen halten das sogar für das größte Umweltproblem. Was ist schlimmer: Der Klimawandel oder der Plastikmüll?


Kaum ein Problem wirkt sich so weitreichend und weltumspannend auf unser Leben aus wie der Klimawandel. Verstehen Sie mich richtig: Plastikmüll im Ozean ist eine sehr ernste Angelegenheit und ein großes Problem. Dimensionen und Dringlichkeiten sind aber vielleicht nicht unbedingt vergleichbar. Trotzdem kann das Engagement der Menschen gegen Plastik ein wertvoller Hebel sein dafür, dass sich Menschen mit ihrer Umwelt und der Nachhaltigkeit beschäftigen.


Manche Themen gehen wohl auch stärker ans Herz als andere. Aber wenn einen ein Thema erst mal berührt, dann ist der Schritt vielleicht auch nicht mehr weit, sich gegen den Verlust der Artenvielfalt zu engagieren oder gegen den Klimawandel – Themen, die viel weniger greifbar und schwieriger zu kommunizieren sind.


Die Folgen der Plastikverschmutzung sind dagegen in sehr konkreten, schrecklichen Bildern festgehalten, zum Beispiel in Bildern von Seevögeln, die mit Plastik im Magen verendet sind. Am PIK ist gerade der US-amerikanische Künstler und Filmemacher Chris Jordan als Artist in Residence zu Gast, der genau das in seinem Film „Albatros“ aufgreift.


Ich glaube, wir brauchen diese Art von andauernder Mahnung, dass wir die lebenserhaltenden Systeme der Erde zerstören, wenn wir so weitermachen wie bisher. Denn das ist eine moralische Unzumutbarkeit. Jedes Engagement dagegen ist sehr gut. Es gilt einfach das ganze Bild im Blick zu behalten. Der Seevogel repräsentiert so viel mehr als nur das Plastikproblem. Er repräsentiert alles, was auf dem Planeten schiefläuft.


Das Gespräch führte Susanne Ehlerding


Zur Person: Johan Rockström leitete bis vor kurzem das Stockholm Resilience Centre in Schweden. Zusammen mit anderen Erdsystemforschern entwickelte er das Konzept der planetaren Grenzen. Innerhalb dieser neun Grenzen ist eine Zukunft der Menschheit gesichert, außerhalb sind schwere Störungen zu erwarten. Bei der Artenvielfalt und der Verfügbarkeit von wichtigen Mineralien wie Phosphat sind die Grenzen bereits überschritten. Seit vielen Jahren forscht Rockström auch zu Ernährungssicherheit und Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen.

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