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Sustainable Finance

Standpunkt

Alles Impact oder was?

Wolfgang Kuhn, Director of Financial Sector Strategies, Shareaction
Wolfgang Kuhn, Director of Financial Sector Strategies, Shareaction Foto: Privat

Wie die Diskussion um Wirkungsmessung ökologisch und sozial verträglicher Geldanlagen an eigentlichen Problemen vorbeizugehen droht, erläutert Wolfgang Kuhn, Director of Financial Sector Strategies der Londoner Nichtregierungsorganisation Shareaction. Er lenkt den Blick auf die Verantwortung von Investoren für die negativen Wirkungen von Kapitalanlagen und die nötigen Veränderungen der Realwirtschaft.

von Wolfgang Kuhn

veröffentlicht am 24.06.2021

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Nachhaltige Finanzanlage ist dieser Tage ein gutes Geschäft. In Marketingbroschüren und Geschäftsstrategien wird gerne der Begriff „Impact“ bemüht, womit eine für Umwelt oder Gesellschaft segensreiche Entwicklung gemeint ist, die durch die Anlage eines bestimmten Geldbetrages direkt bewirkt werden soll. Bei Impact Investing geht es um die Erzielung solcher Wirkungen bei gleichzeitiger Vereinnahmung von Erträgen, die sich sehen lassen können.

Gleichzeitig Gutes tun und gut Geld verdienen lässt sich verkaufen. Dementsprechend wird Impact auch in der konventionellen Anlage immer mehr bemüht. Dabei wird die Behauptung positiver Wirkungen ohne wissenschaftliche Untermauerung in letzter Zeit kontrovers diskutiert, und zuweilen gerichtlich bemängelt. Das ist richtig so: Natürlich sollte man nichts versprechen, was man nicht halten kann. Und natürlich ist es legitim, gar lobenswert, mit dem sauer Ersparten Gutes tun zu wollen.

Enge Definition von Impact ist problematisch

Problematisch wird es, wenn diese Interpretation von Impact die Veränderungen blockiert, die notwendig sind, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu lösen. So stoßen wir in letzter Zeit immer öfter auf institutionelle Anleger und Banken, die meinen, sich nicht von Anlagen (Aktien, Renten, Kreditlinien) trennen zu sollen, weil das angeblich ohne Impact bliebe. Nur wenn eindeutig beweisbar sei, so das Argument, dass eine De-investion direkt zu einer Veränderung in der „realen Welt“ führe, sei ein solcher Schritt überhaupt sinnvoll. Wo man also früher nicht verkaufen wollte, weil man es nicht für die eigene Sache hielt, die Welt zu retten, da wird jetzt nicht verkauft, weil man vorgibt, die Welt retten zu wollen.

Immer prominenter wird zudem die Erwartung, Impact genau zuordnen und wissenschaftlich zweifelsfrei herleiten zu können. Jedoch geht diese Forderung nach genauer Zuordnung in der Regel an Problem und Realität vorbei.

Erstens fließen die großen Geldströme vielfach auf Basis unbestimmter, allgemeiner Unternehmensfinanzierungen (corporate finance) und nicht durch zielgenaue Projektfinanzierungen. Was der einzelne Euro in den Händen eines Unternehmens bewirkt oder anrichtet, ist daher nie genau vorherzusehen oder nachzuvollziehen. Zweitens wird dabei die Tatsache missverstanden, dass eine Bilanz zwei Seiten hat. Der Versuch, die Existenz eines realen Objektes, das auf der Aktivseite einer Bilanz erfasst ist, durch Bewegungen auf der Passivseite kausal begründen zu wollen, sollte man Gelehrten für mittelalterliche Philosophie überlassen.

Sich beim Ringen um Nachhaltigkeit mit einzelnen, genau begrenzten Finanzierungen aufzuhalten, für die eine Impact-Behauptung unproblematisch erbracht werden kann, greift überdies viel zu kurz. Für eine genuin nachhaltige Realwirtschaft müssen wir die Gesamtheit der Finanzierungsaktivitäten in den Blick nehmen.

Eine zielführendere Definition von Impact stellt daher auf die Gesamtheit der (zumeist negativen) Wirkungen auf Umwelt und Gesellschaft ab, die von einem Unternehmen und den damit verbunden bereits bestehenden Finanzierungsaktivitäten ausgehen. Diese Definition wird beispielsweise von der EU-Offenlegungsverordnung verwendet, die dem privaten Anlagekunden Einblick in die wesentlichen schädlichen Wirkungen (Material Adverse Impacts) eines Wertpapierportfolios geben will.

Kapitalgeber beeinflussen Kapitalkosten und tragen Mitverantwortung

An dieser Stelle winken die Vertreter der ersten, positiven Impact-Definition ab: Bei Wertpapieren, die am Finanzmarkt gehandelt werden, sei Geld bereits an die Realwirtschaft geflossen. Kauf und Verkauf solcher Papiere führe nicht zu einem Geldfluss beim Unternehmen und sei daher irrelevant. Das ist aus mindestens zweierlei Gründen nicht stichhaltig. Zum einen bilden sich an Finanzmärkten durch Kauf und Verkauf unternehmensspezifische Kapitalkosten, die für die zukünftige Kapitalaufnahme bestimmend sind. Es ist nicht zu verstehen, warum diese Preisbildung in einer Marktwirtschaft keine Rolle spielen soll.

Viel wichtiger aber ist Folgendes: Eigen- und Fremdkapitalgeber ermöglichen realwirtschaftliche Aktivität und tragen deshalb für solche Aktivität Mitverantwortung. Direkte Ursächlichkeit ist dabei nebensächlich. Sofern ich als Investor durch „Engagement“ genügend Einfluss nehmen kann, sollte ich das natürlich tun. Doch eine Verantwortung für diese Aktivitäten besteht auch dann, wenn Einflussnahme, also Impact, nicht möglich ist.

Eine Impact-Idee, die auf positive Investorenwirkung abzielt, ist vollkommen legitim, und ihre Beliebtheit verständlich. Aber sie kann allzu leicht dazu benutzt werden, von der beschriebenen Verantwortung abzulenken. Bevor wir uns auf den Weg machen, mit dieser Verantwortung umzugehen, muss die Verantwortung zuallererst anerkannt werden.

Das hat im Übrigen nichts mit Ethik, Werten oder Gutmenschsein zu tun. Eine Gesellschaft kann es sich nicht leisten, die Verantwortung für systemgefährdende Effekte nicht einzufordern. Nur wer Verantwortung für systemrelevante Effekte übernimmt und bedrohliche Auswirkungen zu senken versucht, sollte sich beliebte Bezeichnungen wie „Sustainable Finance“ oder „Responsible Investment“ auf die Fahne schreiben dürfen.

Das entschärft auch die Debatte, ob ein Fondsprodukt nach Offenlegungsverordnung als „Artikel 8“ oder „Artikel 9“ einzustufen ist. Letztendlich ist es nämlich sekundär, wie eine Anlage klassifiziert wird. Es geht darum, welche negativen Effekte sich hinter einem Etikett verbergen. Und über eben diese Effekte muss dank der Verordnung nun – zumindest teilweise – berichtet werden.

Die Frage „Wie können neue Anlagen zu einer besseren Welt beitragen?“ ist völlig berechtigt. Doch vorher muss immer die Frage stehen: „Tragen meine bestehenden Anlagen zu einer schlechteren Welt bei?“ Und: „Was kann ich dagegen tun?“

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