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Sustainable Finance

Standpunkt

Auch die Volatilität von Ökosystemen kann steigen

Victoria Leggett, Head of Impact Investing, Union Bancaire Privée
Victoria Leggett, Head of Impact Investing, Union Bancaire Privée Foto: Union Bancaire Privée

Die Finanzbranche hat die mit Erderhitzung und Biodiversitätsverlust verbundenen Risiken größtenteils noch nicht erkannt, schreibt die Expertin für wirkungsorientiertes Investieren der Genfer Privatbank Union Bancaire Privée (UBP), Victoria Leggett. Es sei nötig, den Leistungen der Natur einen Wert beizumessen. Die Fondsmanager seien jetzt gefordert, so Leggett.

von Victoria Leggett

veröffentlicht am 05.08.2021

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Seit dem 29. Juli leben wir maßlos über unsere Verhältnisse. Das Ressourcenbudget unseres Planeten ist ausgeschöpft. Dabei machen CO2-Emissionen und die Zerstörung von Ökosystemen und Biodiversität den größten Anteil unseres ökologischen Fußabdrucks aus – mit verheerenden Folgen fürs Klima und die Menschen: Überschwemmungen in Deutschland und anderen Teilen Westeuropas, Dürren und Waldbrände in Südeuropa, den USA und Kanada, um nur einige aktuelle Beispiele zu nennen. Wenn kein Umdenken stattfindet und wir weiter über unsere Verhältnisse leben, steht auch die Finanzindustrie Risiken unbekannten Ausmaßes gegenüber.

Die Wirtschaft – eine hundertprozentige Tochter der Natur

Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums steht mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) in direktem Zusammenhang mit der Natur und ihren Ressourcen – wie der Bereitstellung von Nahrung, Fasern und Treibstoff. Und drei von vier Happen, die wir heute essen, hängen von der Bestäubung durch Tiere ab. „Die Wirtschaft ist eine hundertprozentige Tochter der Natur, nicht umgekehrt“, sagt zurecht Tony Juniper, Vorsitzender von Natural England und Mitglied des Impact Advisory Board der UBP. Doch die Erkenntnis, dass die Ressourcen nicht unendlich sind, und dass der Klimawandel zu einer stärkeren Volatilität der Ökosysteme führt, setzt sich nur langsam durch. Aber es sei davor gewarnt: Sich ändernde, schwächer werdende oder gar kollabierende Ökosysteme können nicht mehr die Leistungen erbringen, auf die wir dringend angewiesen sind wie etwa gesunde Böden, sauberes Trinkwasser, Klimaschutz und Küstenschutz.

In dem uns antrainierten Wirtschaftsverständnis ‚Nehmen, Verarbeiten, Wegwerfen‘ vertrauen wir darauf, dass die Natur auch unsere zukünftigen Aktivitäten bedingungslos unterstützen wird. Wir sehen die Natur als etwas Getrenntes, Anderes – im besten Fall etwas Schönes, um Zeit darin zu verbringen, im schlimmsten Fall eine kostenlose Ressource. Die Vermögensverwaltungsbranche tut sich besonders schwer damit, Dingen einen Wert zuzuschreiben, wenn sie nicht mit einer monetären Gebühr verbunden sind – eine fatale Fehleinschätzung. 

Ökologischer Fußabdruck wird bedeutender

Erst wenn wir beginnen, den Leistungen der Natur einen Wert beizumessen, wird dies einen echten Wandel für die Bewertungen und Aussichten unserer Investitionen und unserer Lebensqualität heute und morgen bedeuten. Ein Schritt in die richtige Richtung ist die Messung von CO2-Emissionen, um Reduktionsziele festlegen zu können. Zwar sind wir noch weit davon entfernt, einen vollständigen Überblick darüber zu haben, welches Unternehmen für welche Emission verantwortlich ist. 

Doch die vom Financial Stability Board ins Leben gerufene Task Force on Climate-related Financial Disclosure (TCFD), regulatorische Änderungen der EU und die Task Force Nature-related Financial Disclosures (TNFD) tragen dazu bei, die positive Dynamik aufrechtzuerhalten. Mit dem Fortschreiten der Debatte um die Messung der CO2-Emissionen und der Einflüsse auf die Biodiversität ist es möglich, Gewinner und Verlierer der großen Transformation zu identifizieren. Denn die Art und Weise, wie wir investieren und welchen Unternehmen und Fonds wir Geld geben, hat erheblichen Einfluss darauf, ob uns die Nachhaltigkeitswende gelingt. 

Die Spreu vom Weizen trennen

Unternehmen, die zu einer naturverträglichen Wirtschaft beitragen, werden erheblichen Rückenwind für ihr Wachstum erhalten. Das reicht von Regulierung und Verbrauchernachfrage bis hin zur Unterstützung bei der Bewertung des Unternehmenswerts. Dazu zählen beispielsweise Unternehmen, die einen weitaus geringeren Einsatz von Chemikalien ermöglichen sowie biobasierte Lösungen anbieten und Unternehmen, die Abfall wiederverwerten. Aber auch multinationale Unternehmen in der Lebensmittel-, Bekleidungs-, und Fertigungsbranche haben ein großes Potenzial, mit gutem Beispiel voranzugehen und auf ihre Lieferketten positiv einzuwirken. 

Allerdings werden in den kommenden Jahren auch einige Sektoren auf vielfältige Weise mit unbeherrschbaren Risiken konfrontiert werden. Neben physischen Risiken, wie zum Beispiel einer fortschreitenden Verschlechterung der Bodenqualität, die zu Überschwemmungen oder Erosion führen und die Ernte weniger erfolgreich macht, entstehen Haftungsrisiken, wie zum Beispiel die Forderungen nach Entschädigung bei Ölkatastrophen. Des weiteren besteht das Übergangsrisiko, bei dem vor allem Unternehmen der ‚Old Economy‘ mit den Kosten des Übergangs zu einem naturfreundlichen Ansatz zu kämpfen haben werden.

Konsequenzen fürs Portfolio

Die Bewertung von Risiken wird aufgrund unseres Überkonsums – mit all seinen negativen Folgen für das Klima – immer wichtiger. Dabei sollte der einfache Grundsatz gelten: Was gut für die Natur ist, ist fast immer auch gut für uns, und das gilt zunehmend für unsere Investitionen. Ein großer Teil der Weltwirtschaft hängt vom reibungslosen Funktionieren unserer Ökosysteme ab, von der Stabilität des Klimas, der Gesundheit der Ozeane und der Bodenqualität. 

Fondsmanager haben eine treuhänderische Pflicht, die nicht nur monetär gesehen werden kann. Wenn Asset-Manager die Natur ignorieren, gehen sie wachsende Portfoliorisiken ein und verpassen auch die Chance, überdurchschnittliche Renditen für ihre Anleger zu erzielen und gleichzeitig die Natur als ihre Lebensgrundlage zu bewahren.

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