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Sustainable Finance

Standpunkt

Biodiversität als nächster Brennpunkt

Sven Remer (Foto) und Patrick Weltin vom Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten (VfU)
Sven Remer (Foto) und Patrick Weltin vom Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten (VfU) Foto: Stephan Münnich

Finanzinstitute sollten in punkto Biodiversität nicht die Hände in den Schoß legen, sondern jetzt aktiv werden, meinen Sven Remer (Foto) und Patrick Weltin vom Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten (VfU). Aber auch die Politik sollte sich viel engagierter und konsequent für den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzen.

von Sven Remer

veröffentlicht am 14.10.2021

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Die 15. Weltbiodiversitätskonferenz (COP15), zu der es diese Woche virtuelle Verhandlungen gibt, und deren entscheidender Teil Ende April 2022 im chinesischen Kunming stattfindet, verspricht wichtige Implikationen für die Entwicklung nicht nur der Biodiversität, also der Vielfalt von genetischen Ressourcen, Arten und Biotopen, sondern auch des nachhaltigen Finanzwesens.

Verlust von Biodiversität ist Verlust unserer Lebensgrundlage

Bereits 2020 lief das letzte Zehn-Jahres-Rahmenwerk zur Biodiversitätskonvention (CDB) aus, ohne dass auch nur eines seiner 20 Kernziele vollständig erreicht wurde, wie der Weltbiodiversitätsrat IPBES in seinem ernüchternden Bericht feststellt.

Der Schutz von Biodiversität ist aber existenziell, weil wir von Stabilität und Leistungsfähigkeit vieler Ökosysteme abhängen. Außerdem sind Biodiversität und Klima zwei Seiten einer Medaille, wie IPBES und der Weltklimarat IPCC kürzlich in einem gemeinsamen Report betonten: Klimawandel verschärft den Verlust an biologischer Vielfalt, und eine verringerte Vielfalt trägt zur Klimakrise bei.

So führt unsere unnachhaltige Wirtschaftsweise zu einer Abwärtsspirale aus sich wechselseitig verstärkendem Klimawandel und Biodiversitätsverlust. Werden hier, wie teilweise wohl schon geschehen, Kipp-Punkte überschritten, sind unsere Existenzgrundlagen möglicherweise unwiederbringlich gefährdet. Heute gilt, laut IPBES, rund eine Million von acht Millionen bekannten Arten weltweit als ausgestorben. Gleichzeitig sind wir, laut IPPC, auf dem besten Weg, den als vielleicht noch tolerierbaren globalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius deutlich zu überschreiten.

Nur wenn wir angesichts dieser dramatischen Entwicklungen rasch und konsequent handeln, können wir vielleicht noch gegensteuern.

Anknüpfungspunkte für den Finanzsektor

Die Richtung, wie dies geschehen könnte, zeigt der 2021 erschienene Bericht zur „Ökonomieder Biodiversität“. Beauftragt vom britischen Finanzministerium und erstellt unter der Leitung des renommierten Umweltökonomen Partha Dasgupta, bietet er eine umfassende ökonomische Betrachtung der biologischen Vielfalt und fordert er unter anderem, dass Regierungen „Naturkapital“ in die nationalen Rechnungslegungssysteme einbeziehen und Unternehmen, einschließlich Finanzinstitute, ihre Abhängigkeiten von der Natur und ihre Auswirkungen auf diese messen und offenlegen.

Die Frage der Finanzierung ist dabei ganz entscheidend. So zeigt der Dasgupta-Bericht, dass für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen aktuell weltweit nur zwischen 78 Milliarden und 143 Milliarden US-Dollar pro Jahr ausgegeben werden. Das sind 0,1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Erforderlich wäre aber mehr als das Zehnfache, geschätzt mindestens 700 Milliarden US-Dollar jährlich. Während diese Maßnahmen nicht billig erscheinen, sind sie mit Blick auf die fundamentalen Werte der Ökosystemleistungen sicher günstiger als Nichtstun.

Der regulatorische Druck war bisher eher gering

Diese Mittel sind von staatlicher Seite alleine nicht aufzubringen, sondern verlangen das Engagement des Finanzsektors. Darum adressiert der erste Entwurf für das nächste Globale Biodiversitätsrahmenwerk der CDB explizit auch den Finanzsektor.

Tatsächlich aber agiert dieser in punkto Biodiversität insgesamt sehr verhalten und überwiegend ohne konsistente Strategie. Das konstatiert auch Share Action. Zu den Gründen gehört, dass Biodiversität sehr komplex ist und viele Wirkzusammenhänge noch nicht bekannt sind. Anders als bei CO2 gibt es bislang keine allgemein akzeptierten Verfahren zur Messung von biologischem Reichtum, geschweige denn vergleichbare Daten für eine möglichst effiziente und effektive Ressourcen-Allokation.

Wohl auch deshalb war der regulatorische Druck auf Unternehmen, Biodiversität systematisch zu berücksichtigen, bisher eher gering. Aber das ändert sich gerade spürbar. So erweitert zum Beispiel der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums seinen anfänglichen Fokus auf Klimafragen im Rahmen der EU-Taxonomie nun auch auf Biodiversität. Mit weiteren legislativen und aufsichtsrechtlichen Maßnahmen ist hier in Kürze zu rechnen.

Finanzakteure sollten die Hände deshalb keinesfalls mehr in den Schoß legen – zumal es mittlerweile viele Handreichungen, Tools und hilfsbereite Pioniere gibt, die zeigen, was zu tun und schon jetzt machbar ist.

Fülle und Vielfalt an Informationen und Hilfestellungen wachsen

Der VfU hat bereits vor mehr als zehn Jahren Biodiversitäts-Prinzipien und einen Leitfaden zurBeurteilung von Biodiversitätsrisiken und -chancen für den Finanzsektor entwickelt, die einen einfachen Einstieg in das Thema ermöglichen.

Ein inspirierendes Praxisbeispiel bietet die niederländische ASN Bank. Sie ermittelte ihren „Fußabdruck“ auf Biodiversität und will mit allen Krediten und Investitionen bis 2030 einen netto-positiven Beitrag zur Biodiversität leisten. Um ihre diesbezüglichen Erfahrungen zu teilen, initiierte sie die internationale Partnership for Biodiversity Accounting Financials (PBAF).

Tatsächlich gibt es für Finanzinstitute inzwischen einige Ansätze, um Parameter für Biodiversität zu ermitteln. Einen guten Überblick liefert ein Bericht der EU Business @ Biodiversity Platform. Vielversprechend ist auch die neue Taskforce for Nature-Related Financial Disclosure, TNFD, deren Fokus auf dem Management von und der Berichterstattung zu Biodiversitätsrisiken liegt.

Insgesamt wächst die Zahl an guten einschlägigen Informationsmaterialien für Finanzinstitute, wie z.B. der Leitfaden für die Entwicklung von Biodiversitätszielen und Leitfaden zur Biodiversitätskonvention und entsprechenden Handlungsmöglichkeiten.

Schließlich können sich Institute dem Finance for Biodiversity Pledge anschließen. Ein dazugehöriger Leitfaden illustriert gut, wie diese Selbstverpflichtung zu Biodiversitätszielen und Berichterstattung realisierbar ist. Unter den aktuell 75 Unterzeichner-Instituten befindet sich bislang aber lediglich ein kleines deutsches Finanzhaus.

Politik bleibt in der Verantwortung

Die Finanzinstitute zu mehr Engagement für Biodiversität aufzurufen, bedeutet aber nicht, die Politik auf der Verantwortung zu entlassen. Biodiversität als öffentliches Gut zu bewahren und zu fördern, bleibt eine zentrale Aufgabe des Staates, die er nicht gänzlich privatisieren kann.

Wirtschafts- und Finanzpolitik sollten umweltschädliche Subventionen zurückfahren sowie Anreize etablieren, um der Externalisierung von Kosten zu Lasten der biologischen Vielfalt entgegenzuwirken. Bei staatlichen Kapitalanlagen sollten die Anlagekriterien überprüft und nachhaltig ausgerichtet werden, um schädigende Geschäftsmodelle nicht zu unterstützen.

Auch gilt es, EU-Regulierungen zu Sustainable Finance konsequent umzusetzen, etwa bezüglich der Offenlegung auch von biodiversitätsrelevanten Risiken. Biodiversität sollte ressortübergreifend den ihr angemessenen hohen Stellenwert bei allen politischen Entscheidungen erhalten, auch bei der deutschen G7-Präsidentschaft 2022 und, besonders wichtig, bei der Weltbiodiversitätskonferenz.

So wie sich die Staatengemeinschaft 2015 in Paris auf das klare Ziel einer Begrenzung des Temperatur-Anstiegs um maximal zwei Grad Celsius verständigte, könnte sie sich in Kunming das Ziel setzen, bis 2030 „natur-positiv“ zu wirken, wie es Umweltforscher, NGO und nachhaltige Unternehmensverbände fordern. Kunming könnte dann in die Sustainable-Finance-Geschichte einziehen als die Konferenz, nach der der Biodiversitätsschutz endlich denselben Stellenwert erhielt wie der Klimaschutz und naturförderliche Finanzierungen und Investments zum festen Bestandteil der Aktivitäten von Finanzinstituten wurden.

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