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Sustainable Finance

Standpunkt

Biodiversität mindestens so wichtig wie Klimaschutz

Tom Atkinson, Portfoliomanager bei Axa Investment Managers
Tom Atkinson, Portfoliomanager bei Axa Investment Managers Foto: AXA Investment Managers

Der Klimawandel ist eng mit der Biodiversität unseres Planeten verknüpft. Sollte das Artensterben voranschreiten und sich ausweiten, wird er möglicherweise unbewohnbar werden. Investoren und Treuhänder stehen in der Verantwortung, mit zielgerichteten Investitionen einen positiven Einfluss auf den ökologischen Wandel zu nehmen, meint Tom Atkinson, Portfoliomanager bei Axa Investment Managers in seinem Standpunkt-Gastbeitrag.

von Tom Atkinson

veröffentlicht am 01.12.2022

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Wenn unser Planet weiterhin bewohnbar bleiben soll, müssen wir nicht nur die weltweiten CO2-Emissionen drastisch reduzieren, sondern uns auch der Bekämpfung des rasanten Artensterbens intensiv widmen. Auch wenn der Klimawandel zurecht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, weil die Menschen extreme Wetterereignisse wie Fluten oder Waldbrände in ihrem täglichen Leben zu spüren bekommen, muss Biodiversität künftig bei Anlagen in börsennotierte Aktien zu den wichtigsten Faktoren zählen.

Denn das Artensterben stellt eine mindestens ebenso große Bedrohung dar wie die Treibhausgasemissionen. Weil die biologische und ökologische Vielfalt den Planeten schützt, müssen Artenschutz und CO2-Emissionen zugleich angegangen werden. Für Treuhänder werden die Umwelt-, Sozial- und Governance-Folgen (ESG) ihrer Portfolios deshalb immer wichtiger.

Klimawandel und Artensterben zugleich angehen

Die zunehmende Häufigkeit von Waldbränden, zu intensiv befischte Meere sowie die Abholzung von Wäldern für die landwirtschaftliche Nutzung verursachen Artensterben, weil sie die Lebensräume für Tiere, Pflanzen und Menschen verändern. Außerdem gelangen dadurch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre. Hinzu kommen weitere akute Gefahren, wie etwa durch Plastikmüll in der Umwelt. Die Minderung dieser Risiken ist entscheidend für den Erhalt unseres Planeten und stellt zugleich eine Investmentchance für Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont dar.

Der Verlust der Biodiversität ist ein systemisches Risiko und gefährdet die Stabilität zahlreicher Unternehmen. Die mit der Zerstörung von Ökosystemen verbundenen Kosten der Weltwirtschaft werden derzeit auf über fünf Billionen US-Dollar jährlich geschätzt. Das kostet die Weltwirtschaft jedes Jahr rund zehn Prozent ihrer Leistung.

Hohe Kosten für Wirtschaft, Natur und Gesellschaft fordern Ergebnisse auf der Weltnaturkonferenz

Wenn unsere Ökosysteme und die Biodiversität zerstört werden, steigen und schwanken die Rohstoffpreise. Das wirkt sich auf die Unternehmen aus, die auf sie angewiesen sind. Hinzu kommen Störungen in der Produktion sowie Lieferengpässe. Zudem birgt die Vernichtung natürlicher Ressourcen Risiken für die Gesellschaft. Soziale Probleme wie etwa Verstöße gegen die Menschenrechte, schlechte Arbeitsbedingungen, verantwortungsloser Konsum, steigende soziale Ungerechtigkeit und damit verbundene Auswanderungswellen könnten sich verschärfen.

Die Bekämpfung des Artensterbens steht noch ganz am Anfang. Auf der diesjährigen UN Biodiversity Conference (COP15) sollen Rahmenrichtlinien für den Schutz und die Wiederherstellung der Biodiversität auf unserem Planeten entwickelt werden. Der bereits vorliegende Entwurf enthält kurz- und langfristige Ziele, darunter die Selbstverpflichtung, mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresfläche der Erde bis 2030 unter Schutz zu stellen. Die biologische Vielfalt soll bis 2050 erhalten, stabilisiert und wiederhergestellt werden. Auch Finanzakteure sollen laut Entwurf dazu beitragen, indem sie Kapitalströme an den Zielen des Abkommens ausrichten. Es stellt sich die Frage, ob die Bereitschaft dazu weltweit ausreichend groß und die Ziele ambitioniert genug sind.

Veränderte Konsum- und Produktionsmuster setzen Impulse

Global versuchen viele Unternehmen, die Flut von Problemen zu lösen, die vom Verlust der Artenvielfalt ausgeht. Auch die Verbraucher werden sich der Folgen dessen immer bewusster und verändern ihre Konsummuster. Marken mit einem besseren Umgang mit Umweltthemen werden zunehmend präferiert, was wiederum Konsumgüteranbieter dazu veranlassen wird, ihre negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu mindern.

Hierdurch entsteht ein klarer finanzieller Anreiz für Unternehmen, Innovationen und Technologien zu entwickeln, mit denen sie die natürlichen Ressourcen schützen können. Je stärker die Zerstörung von Ökosystemen das Wirtschaftswachstum belastet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Regierungen Gesetze erlassen, die ökologische Mindeststandards für Unternehmen und ihre Lieferketten setzen.

Fonds und Pensionseinrichtungen fokussieren sich auf die Frage, wie sie sowohl für die Vermögenseigentümer als auch für das Erreichen umweltbezogener Ziele und für die Gesellschaft Verbesserungen erzielen können. Pensionsfonds und Treuhänder sollen natürlich weiterhin vor allem darauf hinarbeiten, dass ihre Mitglieder angemessene Pensionsrückstellungen bilden können. Zusätzlich können sie aber auch der Umwelt nutzen, indem sie die Ökosysteme unseres Planeten und die natürlichen Ressourcen schützen.

Pensions- und Investmentfonds können in Natur investieren

Nach aktuellen Schätzungen müssen wir bis 2050 insgesamt 8,1 Billionen US-Dollar investieren, um die Natur zu schützen und wiederherzustellen. Bereits jetzt können Investoren und Treuhänder, die deren Kapitalanlagen steuern, viel dazu beitragen, die Zerstörung der Biodiversität zu mindern.

Chancen dafür bieten Anlagen in Unternehmen, die mit nötigen Technologien und Lösungen aufwarten, um den Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten und die Ökosysteme wiederherzustellen. Schon heute nehmen sich zahlreiche Unternehmen der größten globalen Herausforderungen für die Biodiversität an mit ihren Produkten oder Leistungen. Zwei Beispiele seien genannt:

John Deere versucht der Bodendegradierung und dem Aussterben von Tierarten und Pflanzen entgegenzuwirken, die auf eine intensive landwirtschaftliche Nutzung zurückzuführen sind. Deere ist führend im Bereich der Präzisionslandwirtschaft und bringt intelligente Kamerasensoren auf Traktoren an, um Landwirten zu helfen, Vernichtungsmittel gezielt auf bestimmte Unkräuter aufzubringen. Dadurch gelangt nur sehr wenig Chemie in den Wasserkreislauf oder in die Erde, sodass die Bewirtschaftung eines Feldes der Biodiversität weniger schadet. Das Unternehmen schätzt, dass einige seiner Technologien den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln um etwa 85 Prozent verringern können. Auch aufgrund dieser Effizienz waren John-Deere-Geräte in den letzten Quartalen komplett ausverkauft.

Die Ball Corporation produziert Aluminiumverpackungen wie Getränkedosen und geht das Problem des Verpackungsmülls an. Durch vollständig recyclingfähiges Aluminium trägt Ball Corporation zur Verringerung der Plastikmengen bei, die in die Meere gelangen oder auf Mülldeponien verbrannt werden. Auf herkömmlichen Aludosen ist auch Kunststoff angebracht. Mit dem Ziel der vollständigen Recyclingfähigkeit seiner Produkte hat das Unternehmen eine Aluminiumdose entwickelt, die häufiger befüllt werden kann. Nach Analysen von Wettbewerberprodukten aus Brasilien, Europa und den USA hat sie einen kleineren CO2-Fußabdruck als Glas- oder PET-Flaschen.

Anleger und institutionelle Investoren können durch gezielte Kapitalallokation dazu beitragen, den Klimawandel zu bekämpfen und den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten. Eine Vielzahl von Unternehmen hat bereits erkannt, wie wichtig die zunehmende Berücksichtigung ökologischer Faktoren für die Geldanlage ist. Aktive, verantwortungsbewusste Investoren werden eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung dieses Wandels spielen müssen. Neben der Erhaltung unseres Planeten bietet das gleichzeitig die große Chance, von diesbezüglich vermehrten Investitionsplänen sowie den enormen technologischen Fortschritten einer nachhaltigeren Wirtschaft finanziell zu profitieren.

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