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Sustainable Finance

Standpunkt

Chancen der Kreislaufwirtschaft nutzen!

Rüdiger Senft (Foto) und James Martin, Nachhaltigkeits-Experten der Unternehmensberatung SLR Consulting
Rüdiger Senft (Foto) und James Martin, Nachhaltigkeits-Experten der Unternehmensberatung SLR Consulting Foto: Rüdiger Senft

Niedrigere Rohstoffpreise und weniger Umweltzerstörung – das bietet die Einführung einer Kreislaufwirtschaft für Unternehmen. Wie Firmen diese Chancen nutzen können, beschreiben Rüdiger Senft und James Martin vom britischen Nachhaltigkeits-Beratungsunternehmen SLR. Senft arbeitete zuvor unter anderem für die Finanzinitiative des UN-Umweltprogramms, UNEP FI, und war Nachhaltigkeitschef der Commerzbank. Martin berät seit zwölf Jahren Behörden und Unternehmen zu Kreislaufwirtschafts-Projekten.

von Rüdiger Senft

veröffentlicht am 20.01.2022

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In den vergangenen Monaten war die deutsche Wirtschaft anhaltenden Lieferschwierigkeiten und deutlichen Preissteigerungen bei Vorprodukten und Rohstoffen ausgesetzt. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages bei über 3000 Unternehmen stiegen die Preise für Stahl (plus 49 Prozent) Kunststoffe (plus 41 Prozent) oder Aluminium (plus 25 Prozent) besonders deutlich an. Über 90 Prozent der befragten Unternehmen waren von höheren Kosten und längeren Lieferzeiten, in Einzelfällen gar von Produktionsstopps betroffen. Aber wie kann sich ein Unternehmen vor zu großen Abhängigkeiten in der Lieferkette oder vor Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten schützen? Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist hierfür ein interessanter Ansatz.

Wachstum mit weniger Ressourcen – zum Schutz des Planeten

Ziel dieses Konzepts ist es, Wachstum und Ressourcenverbrauch voneinander zu entkoppeln. Die Wirtschaft kann wachsen, obwohl die Menge an Ressourcen gleich bleibt oder sogar sinkt. Der Begriff „Kreislaufwirtschaft“ (englisch: „Circular Economy“) wird daher in den letzten Jahren vor allem makroökonomisch und im Zusammenhang mit den ökologischen und sozialen Folgen der Gewinnung und des Verbrauchs von Ressourcen diskutiert. Nicht zu Unrecht, denn ein „weiter so“ ist mit Blick auf die planetaren Grenzen nicht realistisch. Allein binnen 50 Jahren hat sich die Ausbeutung von Rohstoffen wie Mineralien, Biomasse oder fossilen Brennstoffen verdreifacht, wie das Umweltprogramm der Vereinten Nationen 2019 feststellte. Eine weitere Verdopplung dieses Ressourcenverbrauchs ist laut OECD bereits für 2060 prognostiziert. Ein Umlenken ist also dringend erforderlich, um allen Menschen eine gerechte Entwicklung zu ermöglichen und gleichzeitig unsere Wirtschaft (und damit unseren Wohlstand) zu sichern.

Mehr Profitabilität, Unabhängigkeit und Widerstandskraft

Dies hat auch die europäische Politik erkannt und 2020 den Aktionsplan Kreislaufwirtschaft veröffentlicht. Das darin beschriebene Schließen von Materialkreisläufen soll Unternehmen nach Berechnungen der EU helfen, bis zu 40 Prozent Ressourcen einzusparen, Abfälle zu minimieren und insgesamt profitabler zu wirtschaften. Weniger Materialbedarf vermindert zudem die Abhängigkeit von Lieferanten und verbessert die Widerstandskraft gegenüber Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten.

Der EU-Aktionsplan Kreislaufwirtschaft stellt die Basis für ein Bündel an Gesetzesvorhaben dar, die dem im Green Deal der EU beschriebenen übergeordneten Ziel einer klimaneutralen EU bis 2050 dienen sollen. Allein die Verdopplung des Anteils mehrfach verwendeter Materialien von derzeit 8,6 Prozent auf 17 Prozent würde global gesehen ausreichen, um das Zwei-Grad-Klimaziel von Paris zu erreichen.

Konkret sollen die Gesetze dafür sorgen, dass die Haltbarkeit von Produkten erhöht, deren Reparierbarkeit sichergestellt oder der Anteil an wiederverwendeten Materialien gefördert wird. Verlängerte Garantiefristen oder ein „Recht auf Reparatur“ für Verbraucher sind bereits in Umsetzung. Geschäftsmodelle, bei denen der Hersteller lediglich die Dienstleistung, nicht aber das Produkt selbst verkauft (sog. „product-as-a-service“), sollen gefördert werden. Schließlich spielen auch die Verbraucher selbst eine Schlüsselrolle und sollen unter anderem durch Digitalisierung maximale Transparenz und Informationen zu den Produkten und ihrer optimalen Verwendung erhalten.

Mehr Transparenz durch Lebenszyklus-Analyse

Um sich frühzeitig auf diese Entwicklung einzustellen, sollten Unternehmen bereits heute aktiv werden. Die Analyse der eigenen Wertschöpfungskette identifiziert Potenziale zur Verringerung des Ressourceneinsatzes. Eine verbreitete Methode dafür stellt die Lebenszyklus-Analyse dar, mit der Produkte systematisch hinsichtlich ihres Materialeinsatzes aber auch ihres Wasser- und Energieverbrauchs über ihre gesamte Lebensdauer hin analysiert werden. Die hierdurch hergestellte Transparenz von der Ressourcengewinnung, der Logistik, der Produktion bis zur Verwendung und ihrer Entsorgung stellt die Basis für Optimierungen des Ressourceneinsatzes dar.

Dabei werden Lieferanten und Verbraucher explizit in die Berechnung mit einbezogen. Entsprechend sind Maßnahmen nicht nur am Produkt selbst (etwa durch Einsatz alternativer Materialien, Erhöhung des Anteils recycelter Materialien, verbessertes Produktdesign) sondern auch der Dialog mit den Lieferanten sowie die Sicherstellung der richtigen Anwendung durch den Endkunden wichtige Voraussetzungen für die ganzheitliche Betrachtung im Rahmen einer Lebenszyklus-Analyse.

Eine solche Analyse sollte regelmäßig betrieben werden, um kontinuierlich Daten zu gewinnen, die die Grundlage für weitere Optimierungen der Wertschöpfungskette bilden. Kreislaufwirtschaft wird damit integraler Bestandteil der Nachhaltigkeits-Strategie eines Unternehmens.

Kreislaufwirtschaft sorgt für Vorteile bei der Finanzierung

Mit solch einem strategischen Ansatz erhöhen Unternehmen nicht nur ihre Chancen, Förderprogramme der Europäischen Investitionsbank oder der KfW in Anspruch nehmen zu können, sondern sie empfehlen sich dadurch auch für öffentliche Ausschreibungen.

Auch die eigene Hausbank wird die Anstrengungen in Richtung Kreislaufwirtschaft positiv bewerten. Denn grundsätzlich zeigt das Unternehmen damit, dass es sich frühzeitig mit regulatorischen Änderungen auseinandersetzt, dass es ein funktionierendes Risikomanagement (transitorisches Risiko durch neue Regulierung, Lieferantenrisiko, Preisrisiko) hat und flexibel auf veränderte Umweltbedingungen reagieren kann. Die erhöhte Profitabilität aufgrund eines effizienteren Ressourceneinsatzes ist ein weiteres Argument für ein verbessertes Rating durch die Bank.

Fazit

Kreislaufwirtschaft bietet Unternehmen also nicht nur die Chance, sich unabhängiger von Risiken aus Lieferbeziehungen, Rohstoffmärkten und regulatorischen Änderungen zu machen. Eine genaue Analyse der Wertschöpfungskette mittels Lebenszyklus-Analyse bietet vielmehr dem Unternehmen auch die Möglichkeit, seine Prozesse effizienter zu gestalten und profitabler zu wirtschaften. Zudem kann Kreislaufwirtschaft zu Vorteilen bei der Refinanzierung des Unternehmens durch dessen Bank oder den Kapitalmarkt führen.

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