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Sustainable Finance

Standpunkt

Der Klimawandel gefährdet die Preisstabilität

Alexander Kriwoluzky (Foto), Leiter Abteilung Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, und Ulrich Volz, Professor für Ökonomie und Direktor des Centre for Sustainable Finance an der SOAS, University of London
Alexander Kriwoluzky (Foto), Leiter Abteilung Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, und Ulrich Volz, Professor für Ökonomie und Direktor des Centre for Sustainable Finance an der SOAS, University of London Foto: DIW

Die Europäische Zentralbank muss den Null-Emissionskurs der EU mit der Geldpolitik unterstützen – alleine schon deshalb, weil der Klimawandel die Preisstabilität untergräbt, fordern die Ökonomen Alexander Kriwoluzky vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Ulrich Volz, Direktor des Centre for Sustainable Finance an der SOAS der Universität London. Und auch beim Ankauf von Anleihen sollten Klimakriterien Gewicht erhalten.

von Alexander Kriwoluzky und Ulrich Volz

veröffentlicht am 28.10.2021

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Der Klimawandel ist nicht nur im Bundestagswahlkampf ein allgegenwärtiges Thema gewesen. Auch Zentralbanken beschäftigen sich mittlerweile mit den Auswirkungen des Klimawandels. So hat die Europäische Zentralbank diesen Sommer eine eigene Klimastrategie vorgelegt. Doch kann und darf die Geldpolitik überhaupt etwas gegen den Klimawandel tun? Viele Ökonom:innen und die meisten Modelle haben darauf eine klare Antwort: nein.

Die Aufgabe der Zentralbank ist es vor allem, die Stabilität der Preise zu gewährleisten. Zusätzliche Ziele, die von dieser Kernaufgabe ablenken, zum Beispiel die Verringerung der Arbeitslosigkeit oder die Finanzierung des Staatshaushaltes, könnten potenziell zu einem Anstieg der Preise führen. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Zentralbank, dass sie die Preisstabilität unter allen Umständen aufrechterhalten kann. Ohne Glaubwürdigkeit kann die Zentralbank die Inflation aber nicht ausreichend bekämpfen – ein Teufelskreis.

Naturkatastrophen beeinflussen die Preisstabilität

Aber was ist, wenn der Klimawandel direkte Auswirkungen auf die Inflationsentwicklung hat? In einer Studie, die wir mit weiteren Co-Autor:innen geschrieben haben, zeigen wir, dass Naturkatastrophen die Preisstabilität im Euroraum signifikant beeinflussen. Das Ergebnis ist überraschend. Zwar haben frühere Studien bereits einen Zusammenhang zwischen Unwettern und Inflation aufzeigen können, aber nur für Entwicklungsländer, die viel öfter und stärker von Fluten, Stürmen und Dürren heimgesucht werden als Europa. Wenn die Preise in Europa jetzt schon von Naturkatastrophen beeinflusst werden, wie stabil sind die Preise dann in einer Welt, in der sich die Erde um mehr als zwei Grad erwärmt hat und Wetterextreme regelmäßig auf der Tagesordnung stehen?

Ein weiteres Resultat der Studie stellt die EZB vor Herausforderungen: Die Effekte auf die Preisentwicklung sind innerhalb des Euroraums nicht einheitlich. Während die Preise in Frankreich und Spanien in Folge von Naturkatastrophen eher ansteigen, geht die Inflation in Deutschland eher zurück. Unabhängig von den Gründen steht die EZB mit intensiver und häufiger auftretenden Wetterextremen vor dem Dilemma divergierender Preisentwicklungen in einer Währungsunion, die ohnehin mit unterschiedlichen nationalen Inflationsentwicklungen zu kämpfen hat.

Wichtige Signal- und Lenkungswirkung 

Deswegen ist es im Sinne der Preisstabilität, dass sich die EZB Gedanken darüber macht, wie sie einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten kann. Hierbei geht es nicht darum, dass die EZB durch eine „grüne Geldpolitik“ Investitionen in Klimaschutz finanziert und grüne Anleihen-Kaufprogramme auflegt. Die EZB muss sicherstellen, dass ihre Politikmaßnahmen nicht dem im Europäischen Klimagesetz festgeschriebenem Ziel der EU-Klimaneutralität zuwiderlaufen und dass sie Klimarisiken in ihrer eigenen Bilanz angemessen berücksichtigt. Zudem muss die EZB als Hüterin der makroökonomischen und finanziellen Stabilität des Euroraums alles in ihrer Macht Stehende tun, um den europäischen Finanzsektor mit den Klimaneutralitätszielen der EU in Einklang zu bringen. Die Politikmaßnahmen der EZB haben hier eine wichtige Signal- und Lenkungswirkung.

Es gibt viele Hebel, die die EZB hierzu in voller Übereinstimmung mit ihrem Mandat nutzen kann. So sollte die EZB explizite Kriterien für die Klimawirkung („Fußabdruck“) ihrer geldpolitischen Instrumente einführen, die Klima- und Nachhaltigkeitseffekte ihrer Politikmaßnahmen berücksichtigen und die Marktneutralität als Schlüsselprinzip für die Gestaltung der Geldpolitik abschaffen.

Klimaneutralitäts-Ziel als Vorschrift für Finanzinstitute

Aufsichtsrechtliche Vorschriften für Finanzinstitute sollten an das Ziel der Klimaneutralität angepasst werden. Der Ausweis der Schädlichkeit auf das Klima sollte Teil der Offenlegungspflicht von Unternehmen sein, deren Anleihen von der EZB gekauft oder als Sicherheit akzeptiert werden. Klimabezogene Kriterien müssen auch bei den nicht-monetären Portfolien der nationalen Notenbanken des Euroraums berücksichtigt werden.

Die EZB kann das Klimaproblem allein sicherlich nicht lösen, aber ohne eine aktive Rolle der EZB werden wir bei der Netto-Null-Umstellung des Wirtschafts- und Finanzsystems der EU nicht erfolgreich sein.

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