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Sustainable Finance

Standpunkt

Der Umgang mit Wasser braucht neues Denken und Handeln

Christian Damm, Landschaftsökologe am Aueninstitut des Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Christian Damm, Landschaftsökologe am Aueninstitut des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Foto: Uwe Roeder

Das zunehmende Wasserdefizit braucht schnelles Handeln, umfangreiche und neue Maßnahmen sowie die Beteiligung aller relevanten Akteure aus Politik, Gesellschaft, Real- und Finanzwirtschaft, meint Christian Damm, Landschaftsökologe beim Aueninstitut des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in Rastatt.

von Christian Damm

veröffentlicht am 17.11.2022

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Deutschland im Klimawandel. Neben Starkregen und Hochwasser treten auch Dürre- und Hitzeereignisse seit Jahren immer häufiger auf und verursachen stetig zunehmende Schäden. Sie belegen nachdrücklich, dass die langjährigen Klimaprognosen zutreffend sind. Wir sehen steigende Temperaturen, sinkende Grundwasserstände und Flusspegel, die zu Einschränkungen von Trinkwassernutzung und Schiffsverkehr führen. Äcker und Wiesen vertrocknen, Wälder sterben am Wassermangel oder im Feuer. Hinzu kommt das Artensterben.

Mit umfangreichen Messnetzen ‚monitoren‘ wir seit Jahrzehnten die Umwelt, die Datenlage ist nicht erst seit gestern klar, und längst wissen wir, dass dies erst der Anfang ist. Die Grenzen der natürlichen Widerstandskraft (Resilienz) der Systeme werden zunehmend so weit überschritten, dass nun jeder die Rauchsäulen am Horizont, die trockenen Gräben auf dem Spaziergang und die absterbenden Wälder entlang der Autobahn wahrnehmen kann – wenn er es denn will.

Ökosystemleistungen gehen massenhaft verloren

Die gerade erst der Gesellschaft bewusstwerdenden ‚Ökosystemleistungen‘, die uns die Natur unentgeltlich zur Verfügung stellt, wie sauberes Trink­wasser, waldgekühlte Luft, Hochwasserschutz durch breite Auen, Kohlenstoffbindung in Holz und Humus und viele andere mehr – sie alle gehen uns seit Jahrzehnten massenhaft verloren.

Die Ökonomen sind aufgeschreckt. Der Wassermangel treibt die Kosten für Privatleute, Gewerbe und Industrie und wird zu weiterer Nutzungskonkurrenz führen. Teures Trink- und Brauchwasser, unterbrochene Lieferketten durch trockene Schifffahrtsstraßen, Ausfälle durch Kühlwassermangel in Energie- und Industrieproduktion, die Folgekosten von bewirtschaftungs­bedingten Verlusten der Speicherfähigkeit in landwirtschaftlichen Böden (Bewässerungskosten, Düngung) – all dies führt zu kaum schätzbaren Kosten für Anpassungs­maßnahmen in sämtlichen Wirtschaftsbereichen. Die Liste der wasserbezogenen Folgekosten des Klimawandels ließe sich lang fortsetzen.

Finanzielle und existenzielle Krise

Aber nicht (nur) die Kosten sind das Problem. Der alleinige Blick auf Ausgaben suggeriert, dass die Herausforderungen mit entsprechenden Hilfsfonds schon zu bewältigen seien. Der Klimawandel ist jedoch nicht nur eine finanzielle Krise, sondern mit dem Schwund der natürlichen Ressourcen eine existenzielle Krise.

Aber was unternehmen wir dagegen?

Auch wenn wir wissen (oder doch wenigstens vermuten), das Duschempfehlungen und andere niederschwellige Lösungsvorschläge das Problem nicht beheben werden, fragen wir selten nach dem, was denn wirklich erforderlich wäre. Und noch weniger, warum wir nicht handeln. Wir verharren in lähmender ‚Problemtrance‘ anstatt als Homo sapiens alles daran zu setzen, das Mögliche zu tun. Und das unnötig Schädliche zu unterlassen.

Von höchster Bedeutung bleibt der Klimaschutz mit den globalen Bemühungen um ein Ende fossiler Emissionen. Ebenso wichtig sind aber die national bis lokal vorhandenen Handlungsoptionen. Es gibt seit langem bekannte Maßnahmen, die jetzt vor Ort umgesetzt werden können und müssen!

Dazu gehört unter anderem die Renaturierung von Auen, Flüssen und Feuchtgebieten. Sie dienen nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern verbessern auch die Niedrigwassersituation von Oberflächengewässern und Grundwasser, indem sie wie große Schwämme wirken: Wasser aufsaugen, reinigen, speichern und langsam abgeben. Außerdem schützen sie die Artenvielfalt und sind natürliche Kohlenstoff-Senken.

Natürlichen Wasserhaushalt in der Landschaft zur Priorität machen

Aber die Maßnahmen müssen weit über die Auen hinausgehen: Der Landschafts­wasserhaushalt muss zentrales Thema auf allen Ebenen von Politik und Verwaltung werden. Die zunehmend akzeptierte Idee der ‚Schwammstadt‘ ist zwar gut. Aber noch viel größeres Potenzial liegt in der freien Landschaft, welche wir mit Milliardenaufwendungen trockengelegt haben – und weiterhin zu „Kulturzwecken“ viel zu oft trocken halten. Das funktionierende System der Wasser- und Bodenverbände, die gesamte Wasserwirtschaft müssen ihre Zielstellungen umfassend neu priorisieren.

Land- und Forstwirtschaft als unverzichtbaren Nutzern auf fast 80 Prozent unserer Flächen kommt besondere Bedeutung zu – Änderungen der Bewirtschaftungspraxis sind unvermeidlich. Anbaumethoden für eine bessere Wasserspeicherung im Boden sind vorhanden, werden aber viel zu wenig genutzt. Stattdessen wird die Bewässerungswirtschaft ausgebaut und damit das Grundwasser weiter abgesenkt.

Die Ziele der Landnutzung sind flächenspezifisch neu zu klären: Ist dieser Maisacker die effizienteste Landnutzung, oder muss man nicht auf mancher Fläche anders produzieren, sie anders nutzen? Auch die Frage der Nutzungskonkurrenz von Nahrungsmittel-, Futter- und Energiepflanzenanbau spielt hier eine wichtige Rolle.

Fundamentale gesetzliche Änderungen nötig

Nicht in kleinen Projekten, sondern in der Neuausrichtung unseres gesamten Umgangs mit der Ressource Wasser liegt der Schlüssel für das Machbare. Die Landschaft in unserer (noch) gemäßigten Zone ist unser weitaus größter Wasserspeicher: Er muss als solcher gepflegt werden! Da die bisherige Praxis und vorhandene Wassergesetze dafür offensichtlich nicht reichen, sind fundamentale Änderungen nötig. Auch aktuell aufgelegte „Strategien“ der Fachinstitutionen sind bisher weder weitgehend genug noch innovativ.

Renaturierungen sind einer von mehreren Bausteinen, mit dem viele Ökosystem­leistungen auf einmal verbessert werden können. Nicht nur in Schutzgebieten sind alle Feuchtgebiete dabei maximal zu nutzen. Allein das wird aber nicht reichen: Die heute noch vorhandenen Feuchtgebiete sind nur ein kümmerlicher Rest in unserer entwässerten Gesamtlandschaft. Die Potenziale land- und forstlicher Flächen auszuschöpfen, ist deshalb zwingend. Je mehr Fläche für Ökosystemleistungen zur Verfügung steht, desto mehr profitiert auch der Mensch davon.

Obwohl der vielfache Nutzen solcher Maßnahmen unstrittig ist, ist deren Umsetzung – sogar auf Flächen in öffentlichem Eigentum – eher die Ausnahme. So erforschen wir und andere seit Jahrzehnten Fluss- und Auenlandschaften und haben schon viele Projekte vorgeschlagen. Machbarkeitsstudien zur Renaturierung der Rheinauen, Potenzialstudien, umfangreiche Konzeptionen zu Wiederherstellung von Überschwemmungsflächen und Auenentwicklung – alles vorhanden. Aber realisiert wurden bisher nur wenige Projekte.

Umfangreichere Strategien, Maßnahmen und private Finanzierungen

Dabei erfordert das heutige und kommende Ausmaß von Grundwasserdefizit und Klimaveränderung jetzt zusätzliche und neue Strategien mit umfangreicheren Maßnahmen auf ganzer Fläche, wenn die katastrophalen Folgen für die Ökosysteme – und damit für uns alle – wirksam bekämpft werden sollen.

Existentielle Themen gehören auf den inflationär wachsenden Stapel der Chefsachen nach ganz oben – ob in Politik, Verwaltung, Wirtschaft oder Finanzwelt. Sie sind zudem von der gesamten Gesellschaft anzugehen. Ziele sind neu festzulegen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zu fixieren.

Um es konkret zu machen: Entwässerung und Drainage stoppen wo immer möglich, Bewässerung nur in Ausnahmenfällen und keinesfalls ausbauen, Methoden der Grundwasserauffüllung als Standard etablieren, Bodenkultur als Wasser- und Kohlenstoffspeicher stärken, „Landwirte zu Wasserwirten“ machen durch entsprechende Honorierung sowie eine Neuausrichtung der Wasserbewirtschaftung: Wasserhaltung so viel wie möglich, Hochwasserschutz so viel wie nötig.

Finanzakteure sollten all dies mit auf den Schirm nehmen, denn die Transformation ist nur zusammen mit öffentlichem und privatem Kapital zu stemmen. Wir können und wir müssen nicht ein wenig, sondern viel tun, um der Umwelt und damit uns selbst zu helfen.

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