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Sustainable Finance

Standpunkte Die drei Missverständnisse des Emmanuel Faber

Philippe Diaz ist Mitglied der Technischen Expertengruppe für Nachhaltigkeitsberichterstattung bei der Efrag
Philippe Diaz ist Mitglied der Technischen Expertengruppe für Nachhaltigkeitsberichterstattung bei der Efrag Foto: privat

Die doppelte Wesentlichkeit sei nicht effektiv, zu komplex und verliere sich in zu vielen Adressaten, schrieb der ISSB-Vorsitzende Emmanuel Faber am 10. Oktober in „Le Monde“. Ein viel diskutierter Standpunkt, den Philippe Diaz, Mitglied der Technischen Expertengruppe für Nachhaltigkeitsberichterstattung von Efrag, kommentiert.

von Philippe Diaz

veröffentlicht am 26.10.2023

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In seinem Kommentar in „Le Monde“ bemüht Emmanuel Faber drei „Illusionen“, mit denen er versucht, das Konzept der doppelten Wesentlichkeit in der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu diskreditieren. Gleichzeitig verteidigt er den Berichterstattungsansatz des International Sustainability Standards Boards (ISSB), dessen Vorsitzender Faber ist. Dieser beschränkt sich auf Transparenz zu Risiken für Unternehmen – die andere Richtung, die Auswirkungen von Geschäftsaktivitäten auf Umwelt und Gesellschaft, lässt er weg. Fabers „Illusionen“ sind:

  • Finanzmarktakteure wollen ausschließlich Informationen zu Risiken,
  • die Wirkungsperspektive wird der Dringlichkeit nicht gerecht
  • mehr Transparenz führt nicht zu nachhaltigeren Unternehmen.

Nachfolgend möchte ich alle drei „Illusionen“ näher betrachten und darlegen, welchen Missverständnissen Faber unterliegt.

1. Finanzmarktakteure wollen nur Informationen zu Risiken

Wer ist diese graue Masse an Finanzmarktakteuren, die sich nur für die Risikoperspektive interessiert? Abgesehen von der Schwierigkeit zu definieren, welches Risiko finanziell wesentlich ist, ergibt ein näherer Blick ein differenziertes Bild.

Die Europäische Zentralbank stellte schon 2022 klar, dass sie erwartet, dass die doppelte Wesentlichkeit Grundlage jedweder internationaler Standards wird. Mehrere große Finanzinstitute nahmen ähnliche Positionen ein. Die Allianz wiederholte die Wichtigkeit der Wirkungsperspektive in ihrer Antwort an das ISSB vom September 2023 – eine Stimme unter vielen.

Auch außerhalb Europas ist das Bild nicht einheitlich. Fast die Hälfte der japanischen Investoren sprechen sich einer Umfrage zur Folge für die doppelte Wesentlichkeit aus. Und die Investoreninitiative Principles for Responsible Investment (PRI) hatte die IFRS Foundation als globalen Standardsetzer und „Mutter“ des ISSB im Jahr 2020 dazu aufgefordert, eine klare Roadmap hin zur doppelten Wesentlichkeit zu skizzieren.

Dazu gesellen sich die Mitglieder des International Forum of Accounting Standard Setters (Ifass). 62 Prozent der Standardsetzer meinten, sie werden dazu angehalten, über den vermeintlichen Investoren-Fokus, der sich nur auf die Risiken für Unternehmen fokussiert, hinauszugehen. Auch die Wissenschaft spricht sich mit großer Mehrheit für die doppelte Wesentlichkeit aus.

Und darüber hinaus sind zumindest institutionelle Investoren hochgradig diversifiziert. Das bedeutet, dass die Externalitäten von Unternehmen A Kosten für Unternehmen B verursachen – in ein und demselben Portfolio. Dementsprechend ist die Trennung zwischen Wirkungen und Risiken für große Finanzinstitute schwer möglich und auch nicht relevant. Harvard Law School nennt das Sesquimateriality.

Die Standards der ISSB scheitern somit möglicherweise an ihrem elementarsten Anspruch: die Informationsbedürfnisse des Finanzmarktes zu decken.

2. Die Wirkungsperspektive wird der Dringlichkeit nicht gerecht

Faber argumentiert, dass das Konzept der doppelten Wesentlichkeit in der Berichterstattung keinen vollständigen Überblick über die Wirkungen von Unternehmen bieten kann. Allein für die unternehmerischen Wirkungen mit Blick auf Biodiversität müssten Millionen Datenpunkte gesammelt werden. Ergebnis dieser Sammelei könne demnach nur eine nicht interpretierbare Liste mit Datenpunkten für Stakeholder sein, die der Dringlichkeit der Transformation nicht gerecht werde.

Auch bei dieser „Illusion“ unterliegt Faber einem Missverständnis. Denn es ist gar nicht der Anspruch, dass Unternehmen wahllos Datenpunkte sammeln und kontextlos veröffentlichten. Vielmehr geht es auch mit Blick auf die Wirkungsperspektive um einen risikobasierten Ansatz. Unternehmen sollen ihre wesentlichen (!) Wirkungen identifizieren und dazu berichten.

Offensichtlich – und im Widerspruch zu Fabers Aussagen – erkennt auch das ISSB mindestens implizit das Konzept der doppelten Wesentlichkeit an. Im Dezember 2022 verkündete das ISSB, sich mit der Verbindung zwischen der Klimakrise und Ökosystemen zu beschäftigen und eigene Berichtsstandards weiterzuentwickeln. Dabei will sie auf der Arbeit der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) aufbauen.

Kernstück des TNFD-Rahmenwerks ist der sogenannte Leap-Ansatz (Locate, Evaluate, Assess and Prepare). Danach müssen Unternehmen zunächst eine Analyse ihrer Wirkungen auf die Natur und deren Abhängigkeiten von Ökosystemdienstleistungen durchgeführt werden. TNFD erkennt somit an, dass ein Verständnis der Wirkungen und Abhängigkeiten eine Grundvoraussetzung für die Identifizierung und Priorisierung von Risiken und Chancen sind – nichts anderes ist die doppelte Wesentlichkeit.

Wenn wir das ISSB beim Wort nehmen, dann wird das Konzept der doppelten Wesentlichkeit automatisch bei der Weiterentwicklung der eigenen Standards integriert. Schlussendlich geht es nur um die Frage, ob Unternehmen die Daten, die sie zu ihren Wirkungen und Abhängigkeiten sowieso erheben müssen, auch veröffentlichen.

Zudem sollte ein innovationsgetriebenes Wirtschaftssystem in der Lage sein, im Zuge der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz die Herausforderung der Erhebung, Strukturierung und Analyse auch großer Datenmengen zu bewältigen. Erste Ansätze und Geschäftsmodelle, zum Beispiel rund um den European Single Access Point (Esap), entwickeln sich bereits.

3. Mehr Transparenz führt nicht zu besseren Unternehmen

Faber argumentiert in seiner dritten „Illusion“, dass die Wirkungsperspektive in der Nachhaltigkeitsberichterstattung allein nicht automatisch dazu führt, dass Unternehmen nachhaltiger agieren. Natürlich hat Faber recht, dass die bloße Transparenz zu den Wirkungen eines Unternehmens nicht dazu führt, dass dieses plötzlich innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaftet. Gleichzeitig springt seine Argumentation spektakulär zu kurz. Transparenz über die Wirkungen des Unternehmens ist eine notwendige Bedingung dafür, dass

  • Unternehmen eine potenzielle Abweichung der eigenen Aktivitäten von Klima- und Umweltzielen erkennen und schrittweise anhand von wissenschaftsbasierten Erkenntnissen abstellen können;
  • Investoren (Engagement, Divestment), Medien (Transparenz, Berichterstattung) und Zivilgesellschaft (öffentlicher Druck, Boykott) über ihre jeweils eigenen Hebel Unternehmen zu nachhaltigerem Handeln bewegen können, und
  • der Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden das systematische Verfehlen von gesellschaftlichen Zielen durch die Wirtschaft erkennen und durch intelligente Rahmensetzung gegensteuern können.

Dass sich Verfechter der doppelten Wesentlichkeit nicht von ihr als heiliger Gral blenden lassen sollten, ist richtig. Kontextualisierte Nachhaltigkeitsdaten sind ein wichtiges Element, aber Transparenz kann uns nur im Zusammenwirken mit anderen regulatorischen Instrumenten, wie einem wirkungsvollen EU-Lieferkettengesetz, näher zu einer Wirtschaft innerhalb der planetaren Grenzen führen.

Leider untergräbt Faber mit seinem Angriff auf die doppelte Wesentlichkeit jedoch genau diese intelligente Interaktion verschiedener Rahmenbedingungen – oder er versteht sie nicht.

Der Kampf der Standards ist längst im Gange und das ISSB verliert

Noch vor Verabschiedung der Nachhaltigkeitsberichterstattungs-Richtlinie CSRD bat das Deutsche Aktieninstitut (DAI) unter Führung des Finanzvorstandes von BASF, Hans-Ulrich Engel, Deutschlands Finanzminister Christian Lindner, die ISSB-Standards in europäisches Recht zu überführen. Der Versuch, die EU-Berichtsstandards ESRS zu ersetzen, scheiterte.

Mit den ESRS gibt es bereits einen realistischen Weg zu einer globalen Baseline – ohne doppelte Berichtspflichten. Mehr als 10.000 Nicht-EU-Firmen fallen voraussichtlich in den Geltungsbereich der CSRD. Indirekt möglicherweise viele weitere. Zudem erfüllen Unternehmen, die entsprechend der ESRS berichten, automatisch die Vorgaben der ISSB.

Auch inhaltlich wird der Druck auf das ISSB groß sein, in zukünftigen Standards kaum oder keine Abweichungen zu bestehenden Berichtspflichten nach den ESRS festzulegen. Damit ist das ISSB inhaltlich stark eingeschränkt.

Statt die doppelte Wesentlichkeit infrage zu stellen, drängt sich eher die Frage auf: Wozu braucht es das ISSB?

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