Sustainable Finance

Standpunkt

Die dunkle Seite des Tech-Sektors

Portrait Louise Piffaut
Louise Piffaut, ESG-Analystin, Aviva Foto: Quelle: Aviva

Wegen ihrer scheinbar sauberen Geschäftsmodelle werden Technologieunternehmen oft von ESG-Fonds bevorzugt. Doch Louise Piffaut und Charles Devereux, Nachhaltigkeitsanalysten der Vermögensverwaltung des britischen Versicherers Aviva, meinen: Anleger sollten die Praktiken der Branche stärker in Frage stellen.

von Louise Piffaut

veröffentlicht am 12.08.2021

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Aufgrund der steigenden Nachfrage sind die Börsenwerte von Technologiegiganten wie Alphabet, Facebook und Microsoft in die Höhe geschnellt. Dies hat vielen Umwelt-, Sozial- und Governance-Fonds (ESG-Fonds) Auftrieb gegeben, die in der Regel stark in den Technologiesektor investieren. Kürzlich ergab eine Studie, dass die Informationstechnologie der Sektor mit der größten Allokation unter den 20 größten von MSCI1 erfassten ESG-Fonds ist.

Die Vorliebe der ESG-Anleger für den Technologiesektor ist verständlich, denn neben dem gesellschaftlichen Nutzen während der Pandemie bietet Technologie vielen Menschen einen wichtigen Zugang zu Informationen und Bildung. Zudem haben die meisten Technologieunternehmen tatsächlich keinen offensichtlichen ökologischen Fußabdruck und sind somit nicht von Ausschlussbarrieren betroffen, die einige ESG-Anleger und Anlageprodukte verwenden. Aber: Fondsmanager sollten sich davor hüten, sich nur auf Geschäftsmodelle zu konzentrieren und Auswirkungen von Geschäftspraktiken außer Acht zu lassen.

Auch Datenverarbeitung hat einen CO2-Fußabdruck

Es stimmt, dass digitale Lösungen oft sauberer sind als die analogen Alternativen. Dennoch verbraucht jede Online-Aktivität – vom Senden einer E-Mail bis zum Streaming einer Netflix-Serie – eine kleine Menge Energie. Auf globaler Ebene summieren sich diese Emissionen schnell zu hohen Volumina.

Eine akademische Studie von 2018 ergab, dass der relative Anteil der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) an den weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2040 rund 14 Prozent erreichen könnte, was etwa der Hälfte der relativen Emissionen des Verkehrssektors von 2016 entspräche. Ein großer Teil des prognostizierten Anstiegs entfällt demnach auf den Stromverbrauch von Smartphones.

Das zeigt: Datennutzung ist nicht klimaneutral. Große, temperaturgeregelte Rechenzentren sind erforderlich, um die riesigen Informationsmengen einer immer stärker vernetzten Welt zu verarbeiten. Einigen neueren Schätzungen zufolge entfiel 2019 laut der Internationalen Energieagentur auf Rechenzentren ein Prozent des weltweiten Stromverbrauchs – was 18 Millionen US-Haushalten entspricht. Und die Nachfrage nach Datenverarbeitung wird in Zukunft nicht weniger.

Einige Technologieunternehmen haben sich in den letzten Jahren bemüht, ihre Rechenzentren mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Microsoft kündigte Innovationen an, wie etwa die Unterwasseranlage dieser Einrichtungen, um sie kühl zu halten und so Strom zu sparen. Aber viele Rechenzentren werden immer noch mit Strom aus nicht erneuerbaren Quellen betrieben.

Die Steuerfrage wird zum S-Faktor

Abgesehen davon sollte der phantasievolle Umgang mit Steuern ein weiteres wichtiges Thema für Tech-Investoren sein. „Base Erosion and Profit Shifting“ (BEPS) sind steuermindernde Maßnahmen, durch die Unternehmen Lücken im internationalen Recht ausnutzen, um ihre Steuerschuld in Ländern mit niedrigeren Steuersätzen abzugelten. Hierbei gehören Technologieunternehmen zu den schlimmsten Übeltätern.

Die OECD schätzt, dass den Regierungen aufgrund von BEPS jedes Jahr 100 Milliarden bis 240 Milliarden Dollar entgehen – Geld, das für Bildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur oder Lösungen für die Klimakrise ausgegeben werden könnte.

Technologieunternehmen, die sich in ESG-Fonds wiederfinden und diese BEPS-Maßnahmen ergreifen, verletzen somit die Philosophie nachhaltigen Investierens. Denn Steuervermeidung hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Gemeinschaften, in denen ihre Mitarbeiter, Kunden und Anspruchsgruppen (Stakeholder) leben. Darum feilen politische Entscheidungsträger vieler Staaten derzeit an den Details eines koordinierten Plans, solche Schlupflöcher auf globaler Ebene zu schließen.

Nachholbedarf bei Unternehmensführung

Technologieunternehmen gewinnen in der Gesellschaft immer mehr an Macht und führen rasch Innovationen ein, die heikle ethische Fragen aufwerfen, zumal gesellschaftliche Debatten und Datenschutzregulierungen nicht hinterher kommen. Gesichtserkennungsalgorithmen oder der Mangel an Sicherheitsvorkehrungen, um Kinder im Internet zu schützen, sind nur zwei Beispiele.In diesem Zusammenhang wird eine gute Unternehmensführung mit unabhängigen Gremien unerlässlich.

Vielfalt und Integration stellen ebenso ein Problem dar. Die Führungskräfte, die in diesen Organisationen die Macht ausüben, sind oft überwiegend weiß und männlich. Fortschritte in dieser Hinsicht sind nach wie vor gering, das zeigt auch der jüngste Diversity-Bericht von Google.

Jeden dieser Punkte sollten Anleger und Anbieter von Anlageprodukten näher beleuchten. Investoren sollten die ESG-Implikationen von Big Tech klar erkennen können und darauf drängen, dass Unternehmen ihre Praktiken verbessern. Schließlich wurden Fortschritte noch nie dadurch erzielt, dass man vor schwierigen Problemen die Augen verschlossen hat.

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