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Sustainable Finance

Standpunkt

Die Grenzen von Sustainable Finance aufbrechen

Magdalena Senn, Referentin für nachhaltige Finanzmärkte bei Finanzwende Recherche
Magdalena Senn, Referentin für nachhaltige Finanzmärkte bei Finanzwende Recherche Foto: Finanzwende Recherche

Nachhaltige Finanzen taugen nur eingeschränkt, um die Welt auf einen nachhaltigen Klima- und Umweltkurs zu bringen, schreibt die Finanzmarktexpertin Magdalena Senn von der Analyse-Tochter der NGO Finanzwende, Finanzwende-Recherche. Sustainable-Finance-Regulierungen müssten einerseits schärfer werden. Anderseits sollte der Staat grundlegende Defizite des Finanzsystems angehen, statt nur auf die Umlenkung von Finanzmitteln in grüne oder soziale Vorhaben zu setzen, fordert Senn.

von Magdalena Senn

veröffentlicht am 25.05.2022

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Der aktuelle Höhenflug der Ölpreise beschert Ölkonzernen satte Gewinne und lockt renditehungrige Investoren. Saudi Aramco hat Apple kürzlich als wertvollstes Unternehmen abgelöst. Während grüne Fonds in den letzten Jahren dank umfangreicher Tech-Investments gut dastanden, sieht es für sie inzwischen weniger rosig aus. Nun ist es erstmals zu Abflüssen aus sogenannten hellgrünen ESG-Fonds (Environmental, Social, Governance – ESG) gekommen. Blackrock-Chef Larry Fink hat kürzlich erklärt, trotz aller grünen Versprechen an Investitionen in Gas- und Ölfirmen festzuhalten. Wenn es hart auf hart kommt, ist vielen Investoren die Rendite unterm Strich wohl doch wichtiger als der Kampf gegen die Klimakrise.

Dieses Dilemma zeigt schmerzlich die Grenzen von Sustainable Finance, die Finanzwende Recherche in einem neuen Bericht herausgearbeitet hat. Die Quintessenz: Damit der Finanzmarkt zu einem effektiven Hebel für die Transformation wird, bräuchte es einerseits strengere Sustainable-Finance-Regeln, andererseits aber auch eine grundlegende Finanzmarktreform.

Transparenz allein führt nicht zum Umlenken von Finanzströmen

Ein zentraler Ansatz von Sustainable Finance ist die Transparenz von Nachhaltigkeitsinformationen im Hinblick auf Chancen und Risiken. Sind die Transformationsverweigerer erstmal entlarvt, so die Logik, können Investoren sie meiden und so für Unternehmen einen Anreiz für den nachhaltigen Umbau schaffen. Mehr Transparenz ist zwar grundsätzlich sinnvoll. Wir müssen uns aber klarmachen: Transparenz allein führt nicht zu einem systematischen Umlenken von Finanzflüssen von klimaschädlichen in grüne Investments, solange sich schmutzige Kapitalanlagen kurzfristig noch rechnen.

Begünstigt wird dies durch das vorherrschende Niedrigzinsumfeld, in dem große Mengen an Kapital nach rentablen Investitionen suchen. Ist ein Projekt mit passendem Risiko-Rendite-Profil in Sicht, wird es kaum an mangelnder Finanzierung scheitern – Nachhaltigkeit hin oder her. Nur so kann man sich erklären, dass beispielsweise die 60 weltweit größten Banken seit dem Pariser Klimaabkommen 4,6 Billionen US-Dollar in fossile Energieprojekte gepumpt haben.

Ein weiteres Defizit ist die kurzfristige Orientierung, die der Finanzsektor nicht nur selbst praktiziert, sondern auch auf börsennotierte realwirtschaftliche Firmen überträgt. Diese ziehen somit immer wieder kurzfristig profitable Entscheidungen langfristig nachhaltigen vor. Alles andere würde durch Investoren bestraft werden. So stiegen die Ausschüttungen der Dax-Konzerne zwischen 2009 und 2020 stärker an als ihre Gewinne, einzelne wie Eon oder RWE zahlten sogar in Verlustjahren Dividenden.

Aktionäre first, Zukunft second

Dabei investieren die Konzerne bisher zu wenig in ihren nachhaltigen Umbau. Hier gilt weiterhin: Aktionäre first, Zukunft second. Auch die aktuelle Bewertung von Saudi Aramco ist von Kurzfristigkeit getrieben, denn langfristig darf es dieses Geschäftsmodell gar nicht mehr geben, wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen wollen.

Viele Privatanleger würden ihr Erspartes eigentlich gerne in die Transformation investieren. Die Nachfrage nach grünen Geldanlagen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Wegen Greenwashing landen die Anleger zum Teil aber bei angeblich nachhaltigen Fonds, die kaum anders investieren als konventionelle. Oder aber sie wagen sich an Investitionen in Erneuerbare am grauen Kapitalmarkt und erleiden immer wieder vermeidbare Verluste mit hochriskanten oder betrügerischen Angeboten. Beides bringt die Finanzierung der Transformation nicht voran.

Bei all den Hürden: Mit welchen Ansätzen könnte der Finanzsektor wirklich zu einem effektiven Hebel für die Transformation werden?

Ein Teil der Lösung liegt in konsequenteren Sustainable-Finance-Regeln. Eine strikte Nachhaltigkeitsdefinition in Form einer EU-Taxonomie, die nicht, wie aktuell geplant, fossiles Gas und Atomkraft als „grün“ einstuft, könnte dafür ein wichtiger Grundstein sein. Neben der grünen könnten weitere Kategorien der Taxonomie sichtbar machen, wo ein aktuell noch nicht nachhaltiges Unternehmen auf dem Weg der Transformation steht.

Mehr Transparenz auch bei Kreditratings

Zusätzlich würden Fortschritte bei den Daten helfen, um Transparenz herzustellen. Voraussetzung dafür ist, dass Nachhaltigkeitsberichte einheitlicher und vergleichbarer werden und von einer größeren Zahl an Unternehmen bereitgestellt werden. Mehr Klarheit rund um Kreditratings könnte sichtbar machen, inwiefern Firmen Nachhaltigkeitsrisiken bereits berücksichtigen. Durch transparentere ESG-Ratings könnte nachvollziehbar werden, wie sie zu ihren teils extrem unterschiedlichen Bewertungen kommen.

Doch selbst eine weitreichende Umsetzung dieser Ansätze würde fundamentale Defizite des Finanzsystems nicht wettmachen. Denn Faktoren wie die Kapitalschwemme und die vorherrschende Kurzfristigkeit begrenzen die Wirksamkeit von Sustainable-Finance-Regeln insgesamt. Deshalb wäre zusätzlich eine grundlegende Reform der Finanzmärkte sinnvoll. Denn auch begrünte Finanzmärkte sind immer noch dieselben, die zur großen Finanzkrise 2007/2008 geführt haben.

Um den Kurzfristdruck zu reduzieren, könnten die Boni von Führungskräften strikt an langfristige Ziele geknüpft werden. Auch eine konsequent vorausschauende Berichterstattung von Unternehmen dürfte hier helfen. Das Beispiel der ausschüttungsfreudigen Dax-Konzerne legt zudem nahe: Unternehmen sollten konkrete Pläne für die Umstellung ihres Geschäftsmodells entwickeln und umsetzen, damit die langfristige Ausrichtung nicht weiter an kurzfristigen Interessen scheitert.

Umweg über Finanzmärkte nicht effektiv genug

Auch bei den Ratings gäbe es jenseits der grünen Fragen Grundlegendes zu tun. Hier gibt es einen inhärenten Interessenkonflikt, denn der „Bewertete“ bezahlt selbst für seine Bewertung. Obwohl dieses Konzept schon zur großen Finanzkrise beigetragen hat, hat sich daran bis heute nichts geändert. Eine strukturelle Reform des Ratingmarktes steht weiter aus.

Um mehr Investitionen in den sozial-ökologischen Umbau zu erreichen, fordern große Vermögensverwalter wie Blackrock zudem, dass der Staat Risiken übernimmt, um die private Finanzierung geeigneter Projekte zu ermöglichen. Dies würde jedoch wie schon zu Zeiten der Finanzkrise eine Vergemeinschaftung von Risiken bei gleichzeitiger Privatisierung der Gewinne bedeuten – auf Kosten der Allgemeinheit. Zielführender wäre es, wenn der Staat ökologisch oder sozial wichtige Projekte, die sich für private Investoren nicht eignen, selbst finanziert.

Wie finanzieren also Finanzmärkte nur noch das, was im Einklang mit den planetaren Grenzen ist? Dazu wäre es am effektivsten, ökologisch schädliches Verhalten ohne Umweg über Finanzmärkte unwirtschaftlich zu machen. Denn was sich nicht mehr rentiert, wird auch nicht finanziert. Mit der entsprechenden Klima-, Industrie-, Bau- und Verkehrspolitik kann der Staat die richtigen Rahmenbedingungen setzen.

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